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Julius Verne’s Reiseromane
der Bibliographischen Anstalt A. Schumann
(Lizenz-Ausgabe der Hartleben-Collection)



Der Autor des Hauptbeitrages dieser Ausarbeitung ist Norbert Scholz. Er gestattete mir seine Arbeit hier zu veröffentlichen. Demzufolge sind die hier gegebenen Einschätzungen und Aussagen ("... ich habe ...") als seine Meinung zu verstehen. Dies bitte ich zu beachten.


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Quellenangaben / Bildmaterial:

/1/ Scholz, Norbert:
Warum durfte Nemo zweimal leben? Die Jules-Verne-Reihe der Bibliographischen Anstalt A. Schumann. In: NAUTILUS, Zeitung des Jules Verne Clubs, Nr. 18, Oktober 2010, S. 31-40. (Bild oben). Nur der Hauptbeitrag ist textidentisch.
/2/ Thadewald, Wolfgang: Julius Verne’s Reiseromane (Hardcover-Reihe) Bibliographische Anstalt Adolph Schumann Leipzig. In: Wimmer, Heinrich (Hrsg.): Bibliographisches Lexikon der utopisch-phantastischen Literatur - Verlags- und Reihenbibliographien.
Meitingen 1987ff. 18. Erg.-Lfg. März 1993, S. 1-31.

/3/ Ursprünglich nahm Thadewald als Entstehungsjahr „um 1915“ an, siehe: Pleticha, Heinrich (Hrsg.): Jules Verne Handbuch. Stuttgart 1992, S. 309. Er änderte (s. Anm. /2/) die Datierung jedoch aufgrund seiner späteren Untersuchungsergebnisse.
/4/ Verlagsgebäude der Bibliographische Anstalt Leipzig (Photo Sammlung Scholz). 
/5/ Beispiel Leinenausgabe Bd. 36 Die grossen Seefahrer des 18. Jahrhunderts  (CF /G0303/)
/6/ Annonce der Firma Hugo Horn im Katalog zur Kunstausstellung für den Buchhandel, Amsterdam, 1892.

/7/ Broschur-Umschläge zu Reise durch die Sonnenwelt, Teil 2 (Band 24), Zwei Jahre Ferien, Teil 2 (Band 56) und Mathias Sandorf, Teil 2 (Band 49) alle Sammlung Scholz
/8/ Die geheimnisvolle Insel, Teil 2 (Band 9),  CF /1281/.  
/9/ Vergleiche zur  Reproduktionstechnik (aus Sammlung Scholz): Ganz links das Original komlett; Mitte Ausschnitt aus  Le Docteur Ox, aus: Les Voyages Extraordinaires, S. 121, Hetzel, Paris. Rechts: Julius Verne’s Reiseromane, Band 26: Eine Idee des Doktor Ox, Titelbild, Bibliographische Anstalt Adolph Schumann, Leipzig. Anmerkung: Im gleichnamigen Band 20 der Collection Verne von Hartleben stammt das Titelbild nicht aus Ein Drama in den Lüften, sondern aus der Erzählung Eine Überwinterung im Eise.
/10/ Spätere Ausgaben: Die geheimnisvolle Insel, Teil 1 (Band 8); CF /1224/
/11/ Spätere Ausgaben - links: Mistreß Branican (Doppelband 60/61), rechts Die Eissphinx (Doppelband 72/73), alle Sammlung Scholz.









AnstaltDer Verlag Adolph Schumann

Über Adolph Schumann (* ca. 1860, † 1926) wissen wir heute kaum noch etwas, obwohl er nach zeitgenössischen Quellen ein angesehenes Mitglied des Leipziger Buchhandels gewesen sein muss. Er war Inhaber mehrerer Verlage, sein erfolgreichstes Unternehmen war die Bibliographische Anstalt, die er 1900 von dem Berliner Magnus Warschauer erworben hatte und in der auch Julius Verne’s Reiseromane erschienen. Die Verlagsräume befanden sich in Leipzig in der Königstraße 21/23, der heutigen Goldschmidtstraße. Bild rechts /4/

Die Reihe Julius Verne’s Reiseromane

ListeDie Reiseromane sind ein satzidentischer Nachdruck der Bände 1 bis 82 der Collection Verne des Verlags A. Hartleben mit einigen Besonderheiten, auf die wir noch zu sprechen kommen. Hartleben reagierte damit auf die Ausgabe  Jules Vernes Werke des Weichert-Verlags, die dieser ab 1901 speziell für den Vertrieb über den Warenhausbuchhandel auf den Markt warf. Adolph Schumann brachte seine Lizenzreihe wahrscheinlich im Zeitraum 1903 bis 1906 heraus. Dafür gibt es zwar keine direkte Quelle, jedoch eine Reihe von Indizien /1/. Unter anderem spricht für das Anfangsjahr 1903 die Tatsache, dass Hartleben 1903 mit seinen Veröffentlichungen gerade bei Band 81/82 Die Gebrüder Kip angelangt war. Bereits 1906 tauchten dann schon die höheren Bandnummern der Reiseromane in Bibliotheksverzeichnissen auf /1/, oder lassen sich durch handschriftliche Datumseinträge nachweisen /2/. Damit ist eine frühere Altersbestimmung auf das Jahr 1915 als überholt anzusehen /3/. Schumann hatte es also fertiggebracht, in höchstens drei Jahren alle 82 Bände zu produzieren, pro Monat mindestens zwei!
Eine der Besonderheiten der Reiseromane ist die von der Collection Verne abweichende Bandnummerierung, die von Schumann offensichtlich schon von Anfang an so festgelegt wurde, denn die komplette Titelliste findet sich schon im ersten Band auf dem vorderen Vorsatz (Bild oben links). Siehe dazu auch die Auflistung auf der Seite:  Bibliographische Anstalt Adolph Schumann in Leipzig: Julius Verne's Reiseromane. Den Anlass dafür vermute ich im kaufmännischen Denken Schumanns. Der wirtschaftliche Erfolg war ihm wichtig, Ansprüche an die Werktreue waren dem untergeordnet. Hätte er – chronologisch korrekt – mit den Mondromanen begonnen, wäre er der Weichert-Reihe um zwei Jahre versetzt hinterher gehechelt. Er wählte daher eine Strategie, die dann allerdings zum bekannten Nemo-Paradoxon führte: Als Erstes ließ er die zwölf Romane drucken, die Weichert zwischen Ende 1902 und Ende 1903 herausgegeben hat, bzw. noch vorhatte, herauszugeben. Zum Beispiel brachte Schumann sehr früh als Band 8 bis 10 Die geheimnisvolle Insel heraus, die von Weichert erst für das Weihnachtsgeschäft 1903 geplant war. Die einstelligen Hartleben-Nummern dagegen (und da waren die 20.000 Meilen unter'm Meer  dabei) hob er sich für Band 13 und folgende auf, um dann anschließend die Reihe in etwa dem Verlauf bei Hartleben bis zum vertragsmäßig vereinbarten Band 82 folgen zu lassen. Ob er sich schon anfangs zum Ziel gesetzt hatte Weichert bis dorthin überholt zu haben, wissen wir nicht, es gelang ihm aber.
GravieranstaltLeinenDie Leinenbände (Bild links /5/) von Julius Verne’s Reiseromane werden antiquarisch relativ häufig angeboten. Signifikant ist  ihr einheitliches Deckelbild, symbolisierend die Reisen zu Wasser, in der Luft und im Weltenraum. Entstanden ist dieser Entwurf in der Gravieranstalt des Leipziger Künstlers Hugo Horn. Biographisch gesehen teilt Horn das Schicksal von A. Schumann: Seine Vita ist unbekannt, man weiß von ihm nur, dass seine Firma zu den führenden Gravieranstalten in Leipzig gehörte (Bild rechts /6/). Der Eînbandentwurf zu den Reiseromanen, gehörte für ihn wohl eher zu den „Brotaufträgen“, denn man kennt von ihm eine Vielzahl Entwürfe zu Verlagseinbänden, die aus künstlerischer Sicht viel prächtiger gestaltet sind.
Im Gegensatz zu den Leinenbänden sind in heutiger Zeit die Broschuren mit ihren abwechslungsreich gestalteten Umschlägen fast unbekannt  Ursprünglich werden sie sich mengenmäßig mit der gebundenen Ausgabe die Waage gehalten haben, haben aber auf Grund ihrer Herstellweise /1/ die Zeiten nicht überdauert.  Auf diese Broschuren wurde regelmäßigbei den Titellisten ("broschiert 75 Pfg.", siehe Bild oben) hingewiesen. Nachfolgend einige Beispiele. Der Einbandentwurf von Hugo Horn ist dabei als Farbdruck vertreten (unten links /7/), ebenfalls von H. Horn ist der Entwurf von Zwei Jahre Ferien, der mehr inhaltsbezogen ist. Das folgende Buch mit einer direkten Szene aus dem Inhalt, die Flucht des Grafen Sandorf durch die Höhle des Buco, stammt von einem unbekannten Künstler.

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Generell gilt:  Mehrbändige Romane haben immer den gleichen Umschlagentwurf. Mein Favorit ist Umschlag zu den Bänden 8 bis 10 Die Geheimnisvolle Insel (Bild oben /8/). Dieser muss in einem ganz frühen Stadium der Edition entstanden sein. Er ähnelt stilistisch den Jugend- und Indianerschriften, die massenhaft in der Zeit vor und um die Jahrhundertwende produziert wurden. Allerdings gab es auf der Geheimnisvollen Insel gar keine Indianer, so dass wohl anzunehmen ist, dass in der Eile einfach ein älterer Entwurf, der ungefähr passte, verwendet wurde.

Bebilderung

Sowohl in den Broschuren als auch in den gebundenen Varianten ist der Abdruck eines Holzstiches aus Hartlebens Reihe Bekannte und Unbekannte Welten als Titelbild (Frontispiz) vorhanden. Mehrbändige Romane haben unterschiedliche Titelbilder. Die Illustrationen sind nicht identisch mit der Druckvorlage des entsprechenden Bandes der Collection Verne. Schumann wollte hier wohl eine eigenständige Note in die Reihe einbringen. Die Bilder wirken im Gegensatz zu den Originaldrucken dunkel und flau. Das liegt nicht am Druck, sondern daran, dass neue Klischees hergestellt werden mussten. Schumann ließ dafür Abbildungen aus Hartleben-Büchern photographisch reproduzieren. Das Ergebnis dieser sogenannten Phototypien konnte jedoch bei weitem nicht mithalten mit der Auflösung der Originalabdrucke von den ursprünglichen Holzstichen. Hier als Beispiel der Sturz des Rasenden in Ein Drama in den Lüften, gestochen von Ch. Barbant. Siehe besonders den verlorengegangen Tonschnitt am rechten Hosenbein und die vermutlich nachretuschierte Strichzeichnung des Himmels. (Bildmaterial siehe /9/)
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Spätere Ausgaben

Beispiel neu[N. Scholz / A. Fehrmann] Später verlegte Schumann fast die gleiche Reihe nochmals in einem anderen Erscheinungsbild. Kennzeichnend für diese Ausgaben sind die einheitlichen Gestaltung des Buchrückens und die elegante Jugendstilgrafik auf dem Deckel. Farbgebung: Golddruck auf blauen Leineneinband (siehe nebenstehendes Bild /10/). Der Buchblock selbst ist identisch mit der ursprünglichen Reihe, der Vorsatz ist weiß ohne Titellisten. Wann und zu welchem Zweck diese Variante erschien, ist uns unbekannt. Meine Bemerkung zum Buchrücken, dass keine Titel eingedruckt wurden und daher alle Bücher im Bücherschrank gleich aussehen, brachte Norbert auf die Idee, dass dies einen ganz einfachen Grund haben könnte. Dazu muss man wissen, dass Adolph Schumann auch Inhaber einer Reisebuchhandlung war. Reisebuchhandlungen verkauften über Vertreter, sogenannte Reisende oder Handelsreisende repräsentative Sammelwerke und Lexika. Zielgruppe war ein in der Regel weitaus mehr status- als lesebeflissenes bürgerliches Publikum. Meist war der Einband bzw. die Wirkung im Bücherschrank wichtiger als der Inhalt. Wenn also der Band sowieso nicht aus dem Bücherschrank genommen wird … Der mögliche Zeitraum für diese Ausgabe wäre damit eng eingegrenzt, da die Reisebuchhandlung A. Schumann schon 1912 nach beendigter Liquidation erlosch.

Aber auch die Jahre der Bibliographischen Anstalt waren gezählt, sie wurde 1915 im Adressbuch des Deutschen Buchhandels gestrichen.

Einige Jahre später, vermutlich Anfang der zwanziger Jahre, wurden einzelne Werke nochmals in einer anderen Einbandvariante verlegt, aufgebunden von unverkauften, aber bereits gehefteten Buchblöcken. Die gleiche Verfahrensweise kennen wir ja von den sogenannten Gelben Prachtausgaben des Hermann-Michel-Verlags, der Restauflagen von Hartleben zu diesem Zwecke erwarb. Hier im Falle der Reiseromane ist allerdings unbekannt, ob der Verlag durch Schumann selbst, der ja zu dieser Zeit noch lebte,  oder durch einen noch unbekannten Buchhändler, ggf. Johs. Dege, erfolgte. Wie unten gezeigt sind es Halbleinenbände in unterschiedlichen Montagen. Die Deckel sind zu einem Drittel mit Leinen, der Rest mit unterschiedlichstem Buntpapier bezogen. Dabei handelte es sich nach heutigem Kenntnisstand nur um ursprünglich zweibändige Werke, wie Band 60/61 Mistreß Branican (Bild links), und Band 72/73 Die Eissphinx (Bild rechts) die jeweils zu einem Doppelband zusammengebunden wurden. /11/. Hier eine Übersicht der uns bis dato bekannten Ausgaben in dieser Erscheinungsform:

Band 23/24 Reise durch die Sonnenwelt
Band 37/38 Das Dampfhaus
Band 44/45 Keraban der Starrkopf
Band 55/56 Zwei Jahre Ferien
Band 58/59 Die Familie ohne Namen
Band 60/61 Mistreß Branican
Band 68/69 Die Propeller-Insel
Band 72/73 Die Eissphinx
Band 74/75 Der stolze Orinoco
Band 76/77 Das Testament eines Exentrischen
Band 78/79 Das zweite Vaterland

Für weitere Nachweise wären wir dankbar. - N. Scholz & A. Fehrmann
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Schumann 58:59Bsp Bd. 78 und 79Unserem Aufruf folgte Andreas Fink, der wie oben rechts zu sehen ist, mit dem Doppelband 78/79 den Nachweis für Das zweite Vaterland lieferte. Matthias Kenter machte auf den Doppelband 58/59 Die Familie ohne Namen aufmerksam (rechts). Die Bücher haben wir in der vorgenannten Auflistung aufgenommen. Weiter so Freunde!

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Copyright © Text: Norbert Scholz, Gestaltung: Andreas Fehrmann – 4/2011 letzte Aktualisierung 25. Januar 2018