Collection Fehrmann

Bühnenwerke

von und nach Jules Verne

 Jules Verne im Theater / Les pièces de théâtre / Plays 


Oben. /2/ siehe Quellen; CF /5723/; unten: DVD Cover Frankreich 2006




Hinweise zu Quellen und zum Bildmaterial:

/1/ Noël et Stoullig: Les annales du Théâtre, Paris 1875, Seite 307 aus /2/ Seite 10

/2/ Robert Pourvoyeur: Jaques Offenbach und Jules Verne; Bad Emser Hefte Nr. 193 (basierend auf Ausgabe 104); Bad Ems 2002; ISSN 1436-459x

/3/ ebenda, Seite 36

/4/ Brief Dehs an Fehrmann, 22. Juni 2006

/5/ Anna Judic in Le Docteur Ox, Théâtre des Variétés Paris am 26. Januar 1877; Foto: Gaston & Mathieu, Paris, zirka 1875. Anna Judic lebte von 1850 bis 1911, sie war Schauspielerin und Sängerin

/6/ Zeitschrift The Era, London, Sonntag, 4. Februar 1877, Seite 7

/7/ Le Docteur Ox, produziert 2004 von Amiral LDA, Erstausstrahlung am 20. März 2005 bei TV5 Europe. Eine weitere Ausstrahlung erfolgte am 17.12.2005 bei ARTE.

/8/ zeitgenössische Stiche und Fotos, von mir im Format beschnitten und bearbeitet

/9/ LE CHARIVARI, Paris 26. Januar 1876; Bildzitat von Seite 2; CF /6825/

/10/ L`Illustration; Paris, Nr. 1771 vom 3. Februar 1877; großformatige Bildcollage auf der Titelseite der Zeitschrift; CF /6958/





Le Docteur Ox (Doktor Ox) Operette 1877

OffenbachGilleDer „Vater“ der Operette, der populäre Jacques Offenbach (Bild links /8/), versuchte sich in den Siebziger Jahren des 19. Jahrhundert mit unterschiedlichen Ansätzen zur Ausrichtung seiner Musikstücke. Eine Orientierung war die Ablösung des so genannten Zauberstücks (féerie) durch die wissenschaftliche Operette. An dieser ab zirka 1870 in Paris aktuellen Geschmacksrichtung beteiligten sich verschiedene Akteure. Die Idee trug allerdings nicht lange, es war eben ein Versuch. „Sie haben anstelle von diesen abgenutzten Klischees – Feen, Schutzgeister, Talismane – Ideen der Wissenschaft und die kühnsten Konzepte moderner Astronomen eingebracht.“ /1/ Was hier so ernsthaft klingt, ist nichts weiter als die Suche nach neuen Motiven, Dekorationen und publikumswirksamen Neuerungen. 

VoranzeigeSo griff Offenbach 1875 als Grundidee Vernes Mondromane auf, wobei diese wirklich nur als Themen und Ideengeber dienten, denn mit den Romanen selbst hatten die Inhalte keine Übereinstimmung. Trotzdem finden sich immer wieder in der Literatur, aber auch auf dem Sammlermarkt Hinweise, dass das Offenbachstück Voyage dans la lune eine Umsetzung eines Vernestückes sein. Dazu trug bestimmt auch die Vermarktung des Stückes bei, da die von Verne angedachte Mondrakete in der Operette optisch umgesetzt wurde. Siehe dazu die untenstehende Reklame. Es handelt sich um einen Ausschnitt aus der Revue des Theatres der Zeitschrift LE CHARIVARI zu Beginn des Jahres 1876 /9/. Die musikalische Bühnenumsetzung brachte nicht den erwarteten Erfolg. Ein erneuter Versuch folgte dann 1877, eine Operette die nochmals dieser Klassifikation entsprach: Le Docteur Ox.

Dr. Ox in der ZeitungDie Frage, ob diese Operette in die Liste der Verne Werke aufgenommen werden sollte, wurde erst vor kurzem endgültig geklärt. Bis dato stand die Annahme, dass Offenbach sich, ähnlich wie bei den Mondromanen, nur von Verne inspirieren ließ. Die Textvorlage wurde von den Librettisten Mortier und M. Philippe Gille (1831 bis 1901, Bild rechts oben /8/) geschrieben. Nach Robert Pourvoyeur /2/ lag die Anregung zur Bühnenumsetzung unter anderem im Inhalt der Erzählung begründet, da dort die Wirkung von Sauerstoff auf eine beschleunigten Umsetzung eines Bühnenstücks erzählt wird. Der Stoff drängte sich Offenbach regelrecht auf. Das die Bühnenumsetzung damals nicht ganz ohne Verne ging, erkannte auch Pourvoyeur: „Im Textbuch zu Le Docteur Oxfindet sich denn auch der Vermerk, dieses sei >mit ausdrücklicher Bewilligung des Autors und des Verlegers J. Hetzel publiziert< worden.“ /3/ Endgültige Klarheit brachten die Erkenntnisse von Volker Dehs in Auswertung des Schriftverkehrs zwischen Verne und Gille. Daraus geht hervor, dass Verne zwar nicht am Text mitgearbeitet hat, die textliche Erstellung des Librettos aber von ihm überwacht wurde. Gleichzeitig stand er seinem Freund Gille beratend zur Seite. Im Ergebnis erhielt er dann für die textliche Vorlage und die Beratung eben soviel Tantiemen wie Mortier und Gille. /4/ Es ist also durchaus legitim, diese Operette den Bühnenwerken Vernes zu zuordnen. Bild rechts oben: Eine zeitgenössische Reflexion des Stückes in einer Wochenzeitschrift 1877 /10/.

Anna JudicWie im Buch spielt das Werk in der fiktiven Stadt Quiquendone, dessen Einwohner vor der Ankunft des gelehrten Doktors Ox, die friedlichsten und zufriedensten Leute waren. Auch Franz und Suzel die wir aus dem Buch kennen sind mit von der Partie, doch im Mittelpunkt des Bühnenstückes steht eindeutig Doktor Ox. Als verwegener Experimentator lädt der die Atmosphäre von Quiquendones mit reinem Sauerstoffgas auf. Plötzlich ändern die Einwohner ihr Verhalten. Sie drängeln sich in der Straße, streiten ohne den geringsten Anlass, Liebschaften gehen in die Brüche und sie erklären einer Nachbarstadt den Krieg. Die Quiquendoner haben sich vollständig umgewandelt. Von einem Turm oberhalb der Stadt, in dem er selbst vor den Wirkungen des Sauerstoffes sicher ist, kontrolliert Doktor Ox die Effekte seines Experimentes.

Aber Ox wird von der Prinzessin von Astrakan, die schöne Prascovia, verfolgt (Siehe Bild links: Anna Judic die die Prinzessin spielte /5/). Vor einiger Zeit flüchtete er vor der Hochzeit, nun kreuzt seine verlassene Verlobte wieder die Wege des Chemikers. Verkleidet als Zigeunerin und später als flämisches Dienstmädchen umgarnt sie Ox. Die hartnäckige und gerissene Prascovia kommt zu ihrem Ziel, als er angelockt durch ihre sirenenhafte süße Stimme seinen sicheren Ort verlässt (siehe auch Szenenbild weiter unten). So kommt er in den Bereich des Sauerstoffes und betört fällt er vor die Füße Prascovias, um ihr dann einen Hochzeitsantrag zu machen. Die Situation läuft jetzt aber in Gefahr zu eskalieren, als Ox die Wut der Quiquendonier spüren muss. Denen wurde bewusst, dass er es war, der ihr Temperament geändert hatte. Erst als die Gasfabrik explodiert, beruhigen sich wieder alle in Quiquendone.

ScreenshotDas Stück wurde zwar vom Publikum und der Presse freundlich aufgenommen, aber ein nachhaltiger Erfolg wollte sich nicht einstellen. Als Beispiel soll eine Stimme aus einem Blatt der britischen Presse dienen: „Die Story ist von einer der von Mr. Jules Vernes amüsanten wissenschaftlichen Geschichten übernommen worden. Sie wurde gescheit von den Autoren bearbeitet, indem sie eine Liebesgeschichte vorstellen, ohne die keine Operette ansehnlich sein würde.“ /6/ Weiter im Artikel wurde dann die Operette und ihre Ausstattung in sympathischer Weise beschrieben.

Zwar war das Stück locker und leicht inszeniert, die Bühnengestaltung und die Kostüme wurden als prächtig und verschwenderisch bezeichnet, selbst die optisch reizvolle Ausschüttung des Gases wurde anerkannt, aber schon bald erlahmte das Interesse der Besucher und nach 42 Aufführungen wurde das Stück abgesetzt.

Dem französischen Ensemble „Les Brigands“ haben wir es zu verdanken, dass wir uns über diese Operette eine eigene Meinung bilden können. Es inszenierte in der Saison 2002/03 im Théâtre de l’Athénée Louis Jouvet á Paris erstmals nach vielen Jahren wieder das Stück. Die Aufnahmen vom 27., 29. und 30. Dezember 2004 wurden für eine interessante 127 Minuten lange Filmumsetzung genutzt. Diese wurde am 20. März 2005 erstmalig im Fernsehen ausgestrahlt. (/7/, daraus ist auch das rechts abgebildete Szenenbild der Schlüsselszene) und seit 2006 ist diese Version als DVD erwerbbar (siehe Bild am Rand oben links). Für Freunde des Werkes von Jules Verne und allen Freunden der Operette wird damit ein leicht und beschwingt arrangiertes Stück angeboten, eben ein echter Offenbach. Die modernen Medien haben es geschafft, dass mir die einprägsamen Melodien jetzt nicht mehr aus dem Kopf gehen. Ein nachahmenswertes Projekt!

Details zur Buchvorlage von Jules Verne sind unter  Eine Idee des Dr. Ox zu finden.

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Copyright © Andreas Fehrmann - 10/2006, letzte Aktualisierung 19. November 2018