Collection Fehrmann

Jules Vernes „Voyages extraordinaires"

- Band VE 19 -

Oben: Verlag Neues Leben, Berlin 1990, 1. Auflage, ISBN 3-355-01061-8 (CF /1901/) Weitere Informationen zu den Illustrationen des abgebildeten Buches, erfahrt ihr auf meiner Seite Meinhard Bärmich - Ein Jules Verne Illustrator. Dort gibt es auch ergänzendes Bildmaterial. Zum Vergleich unten: So stellte sich der Künstler Benett Kin-Fo in der Erstausgabe vor.




Paul Boyton (1848 – 1924) /4/




QUELLEN:

/1/ Verne: Die Leiden eines Chinesen in China; A. Hartleben Verlag Wien, Pest Lepzig; Bekannte und unbekannte Welten, 32. Band. Bildzitate sind aus diesem Exemplar.

/2/ ebenda Seite 174

/3/ Fakten aus: The Story of Paul Boyton George Routledge & Sons Ltd. New York 1892

/4/ Paul Boyton 1890, nachbearbeitetes Bild aus der Sammlung von Jeffrey Stanton

/5/ aus /1/ ebenda Seite 189

/6/ ebenda Fußnote von Seite 190

Die Leiden eines Chinesen in China (1879), auch „Die seltsamen Leiden des Herrn Kin-Fo“

Die Originalausgabe erschien am 11. August 1879 unter dem Titel Les tribulations d'un Chinois en Chine bei Pierre-Jules Hetzel in Paris. Deutschsprachig legte der A. Hartlebenverlag diesen Roman 1881 erstmalig großformatig auf (Bild links: Titelei dieser Ausgabe /1/), vorher in Collection Verne.

In einem anfangs nicht näher beschriebenen Land, welches aber eigentlich schon durch die Titelbildung bekannt ist, lebt ein schwerreicher junger Mann - Kin-Fo. Wohlhabend aber völlig antriebslos, lebt er in den Tag hinein, ab und zu durch allerlei Kurzweil zerstreut. Zu seinem direkten Umfeld zählt der im Hause lebenden Philosoph Wang, ein bekehrter, früher militanter Kaisergegner. Seinen philosophischen Beistand benötigt Kin-Fo für alle Lebenslagen, doch stellt er besonders in der letzen Zeit den Sinn seines Lebens offen in Frage. Nichts regt ihn auf, ein Tag plätschert wie der andere dahin. Um sich zu zerstreuen, wird ihm geraten, sich doch zu binden. Die in Peking lebende junge Witwe Lé-U, dessen Mann, ein Gelehrter, an Altersschwäche gestorben ist (!), scheint die Richtige zu sein. Aus dem phlegmatischen Kin-Fo wird jetzt ein Mann, der wieder ein Ziel sieht. Lé-U bringt nicht nur Abwechslung, die Sympathien scheinen beidseitig vorhanden zu sein. Aber der gerade einsetzende Optimismus von Kin-Fo wird schlagartig gebremst, als aus den Staaten die Meldung kommt, das durch eine Fehlspekulation seine Vermögenswerte dahin geschmolzen sind.

Kin-Fo ringt sich zu einem Entschluss durch: Er will seinem, nun doch wieder sinnlosen Leben ein Ende bereiten. Aber seine ihm doch inzwischen lieb gewordene Lé-U soll finanziell abgesichert werden. Bei der amerikanischen Versicherungsfirma der „Hundertjährigen“ schließt er eine zeitlich begrenzte Police gegen jegliche Art des Todes mit einer Versicherungssumme von Zweihunderttausend Dollar ab. Davon soll Wang einen Teil erhalten und den Rest soll die junge Witwe bekommen, damit sie auch weiterhin sorgenlos leben kann. Die Versicherung stimmt dem Vertrag zu, scheint doch Kin-Fo gut situiert zu sein und er erfreut sich einer guten Gesundheit. Sicherheitshalber soll er aber durch zwei Agenten der Versicherung beobachtet werden. Doch Kin-Fo stellt fest, dass es nicht so einfach ist,. selbst seinem Leben ein Ende zu bereiten. Da bittet er Wang um einen ungewöhnlichen Liebesdienst: Dieser soll ihn umbringen. Damit er straffrei ausgeht, gibt er ihm ein Schreiben in die Hand, in dem Kin-Fo bestätigt, dass er aus eigenem Willen aus dem Leben tritt (Bild rechts: Kin-Fo sitzend mit Wang). Wang stimmt zögernd zu, doch im Endeffekt will er seinem jungen Freund diesen Dienst erweisen. Dies hat für Fo noch den Nervenkitzel, dass er jederzeit mit dem Ableben „leben“ muss, kennt er doch nur den Endtermin der Police, aber nicht sein genaues Sterbedatum.

Das Leben hat noch eine Überraschung für ihn parat: Fo’s Pleite stellt sich als Fehlmeldung heraus! Er kann also wie zuerst geplant, die attraktive Lé-U heiraten. Schnell will er Wang von den Neuigkeiten informieren. Doch dieser ist spurlos verschwunden und der einmal gedungene Mörder lässt sich nicht finden. Jetzt kommt doch Abwechslung bei Kin-Fo auf. Denn er ist auf der Flucht vor seinen selbst beauftragten Mörder. Trotz dessen er öffentlich nach Wang suchen lässt, auch publiziert, dass es eine Situationsänderung gab – Wang bleibt verschwunden. Mit den beiden „Leibwächtern“ der Versicherung im Schlepp, beschließt er Wang zu suchen. Als man ihm dicht auf den Fersen ist, rettet sich Wang mit einem Sprung in einen reißenden Fluss, in dem er offensichtlich den Tod findet. Trauer mischt sich mit Erleichterung, der Vollstrecker ist nicht mehr existent. Doch da gibt es eine neue Information: Wang hatte sein Entlastungsschreiben von Kin-Fo an seinen Altmeister, heute würde man sagen: Dem Kopf der ehemaligen terroristischen Vereinigung gegen den Kaiser, abgetreten. Der jetzige Straßenräuber ist bekannt für seine Skrupellosigkeit. Kin-Fo will es wissen, er will von ihm den Brief um den Gewinn Wangs aus der Versicherungspolice loskaufen, dann braucht der Gauner ihn nicht mehr umzubringen. Auf dem Land- und Seewege führt der Weg bis zur chinesischen Mauer. Viele Gefahren müssen gemeistert werden. Kurz vor dem Ziel entlassen sich die Beschützer – die Zeit der Police ist abgelaufen. Just in diesem Augenblick gerät Kin-Fo in die Fänge des Räubers. Die Pointe der Geschichte möchte ich aber an dieser Stelle nicht verraten …..

Nachträge: Ein Roman aus der produktiven und erfolgreichen Phase des Schaffens von Jules Verne. Abwechslungsreich und spritzig erzählt, exotisch und mit überraschenden Abläufen. Ich fühlte mich stets gut unterhalten und ein leicht unterschwelliger satirischer Ton machte das Lesen interessanter. Etwas fiel mir bei den Akteuren auf: Junge Witwen sind ziemlich häufig im Romanschaffen Vernes anzutreffen. Neben der hier agierenden Lé-U gab es noch Aouda, die Witwe des Herrschers von Bundelkund, die wir aus Die Reise um die Erde in 80 Tagen kennen, die amerikanische Witwe Alice Lindsay aus dem Reisebüro Thompson & Co, die Kurdin Saraboul, die es auf Van Mitten in Keraban der Starrkopf abgesehen hat und die amerikanische Witwe Evangelina Scorbitt, die es zu James T. Maston in Kein Durcheinander drängt. Und dann gibt es noch Hector Servadac, der sich mit dem Grafen Timacheff duellliert, weil er um die Hand einer schönen Witwe kämpft. Ich vermute, dass diese Häufung von attraktiven jungen Witwen vielleicht eine Reflektion von Verne auf seine spätere Frau Honorine ist, die er als Witwe mit zwei Töchtern kennen lernte.

Auch in diesem Roman gibt es kleine technische Leckerbissen, über die ich nachfolgend berichten möchte:

Der Rettungsanzug von Paul Boyton

Als Kin-Fo, sein Diener und die beiden Versicherungsdetektive die Dschunke des Sargtransporteurs verlassen müssen weil sich Piraten an Bord befinden, nutzen sie eine seltsame Erfindung. Sie schlüpfen in eine Schutzkombination, die ihnen einen längeren und sicheren Aufenthalt auf dem Meer garantierte. Der Apparat des Kapitän Boyton besteht in der Hauptsache aus einer Kautschuk-Kleidung, welche Beinkleid, Jacke und Kopfbedeckung umfaßt. Schon die Natur des Stoffes macht dieselbe undurchdringlich. Doch wenn sie auch gegen das Wasser schützt, so würde sie doch die Kälte nicht abhalten können, welche bei längerem Eintauchen in Wasser auf den Menschenkörper einwirken müßte. Deshalb wird der Rettungsanzug aus zwei Blättern hergestellt, zwischen welche eine gewisse Menge Luft eingeblasen werden kann. Die Luft erfüllt also einen doppelten Zweck: erstens erhält sie den Apparat nebst einer Person schwimmend auf der Oberfläche des Wassers, und zweitens hindert sie jede Berührung mit demselben und schützt in Folge dessen vollständig gegen die Abkühlung des Körpers. In dieser Weise bekleidet, könnte ein Mensch eigentlich unbegrenzt lange im Wasser ausdauern. /2/

So bekleidet und mit einem kleinen Hilfssegel bestückt, können die Bedrohten dem Schiff und damit den meuchelnden Piraten entfliehen. Die genutzte Hilfsausrüstung war keine fiktive Lösung Vernes, sie beruhte auf eine reale Erfindung. Kurz vor dem Erscheinen des Romans machte Paul Boyton (geb. 1848 in Dublin, gest. am 19. April 1924 in New York) Schlagzeilen: Mit seinem Rettungsanzug ausgerüstet sprang er am 21. Oktober 1874 bei rauer See über Bord eines Atlantikschiffes, um völlig auf sich allein gestellt , zirka eine Tagesreise von Irland entfernt, seine Erfindung zu testen. Über sieben Stunden paddelte er mit den Füßen voran in Richtung Küste nach Cork. Nach diesem Ereignis wurde er schlagartig berühmt. Während diese Pioniertat heute weitgehend unbekannt ist, gilt Boyton heutzutage vor allem als „Vater“ des ersten Freiluft-Freizeitparks, dem „Sea Lion Park“ auf Coney Island. /3/

Die „Seewasser-Leuchte“

Was ein richtiger Chinese ist, zumindest im Roman, der braucht auch seinen Tee. Auch auf dem Wasser treibend überraschten die Versicherungsangestellten die Reisenden mit frisch gebrühtem Tee: Fry entnahm seinem Sacke noch ein kleines Geräth, das Kapitän Boyton's Apparat wesentlich vervollständigt. Dasselbe kann nämlich als Leuchte in der Nacht, als Ofen in der Kälte und als Herd dienen, wenn man ein warmes Getränk bereiten will. Dabei ist es ungemein einfach. Ein auf einem metallischen Behälter angebrachtes Rohr von fünf bis sechs Zoll Länge trägt oben und unten einen kleinen Hahn, das Ganze ist in einer Korkplatte befestigt, wie man das öfters mit Thermometern in Badeanstalten sieht. Fry setzte diesen Apparat auf die glatte Wasserfläche. Mit der einen Hand öffnete er hierauf erst den oberen, dann mit der anderen den unteren Hahn, der etwas in's Wasser eintauchte. Sofort schlug aus dem oberen Ende der Röhre eine helle Flamme heraus, die eine ziemlich starke Hitze verbreitete …. Der hier in Rede stehende Apparat verdankt seine Vorzüge einer merkwürdigen Eigenschaft des Phosphor-Calciums, einer Verbindung des Phosphors, welches in Berührung mit Wasser Phosphor-Wasserstoffgas bildet. An der Luft entzündet sich dieses Gas von selbst, und weder Wind noch Regen vermögen die Flamme desselben auszulöschen. /5/ Diesen Effekt nutzte die Marine um Notsignale nach diesem Prinzip einzusetzen. Was dem originalen Text Vernes nicht zu entnehmen war, auch hierfür gab es eine reale Entsprechung. So hat der rührige Übersetzer des Hartleben-Verlages in einer Fußnote ergänzt: „Die Herren Seyferth und Silas, Archivare der französischen Gesandschaft in Wien, sind die Erfinder dieser jetzt auf allen Kriegsschiffen eingeführten Rettungsbake.“ /6/ Für Interessierte: Die chemischen Grundlagen sind entweder unter „Phosphor-Calcium“ oder auch unter „Calciumphosphid“ in der Fachliteratur nachlesbar (Bild rechts: Die Helden des Romans in ihren Boyton-Anzügen beim Versuch das Teewasser zu Erhitzen – Bildzitat aus /1/ von Seite 193)

Film 2

Die Leiden eines Chinesen in China: Verfilmung: D 1931 Filmtitel: “Der Mann der seinen Mörder sucht”

Film 1

Die Leiden eines Chinesen in China: Verfilmung: F/IT 1965 Filmtitel „Die tollen Abenteuer des Monsieur L.“

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Hinweis: Beschrieben werden nur in meiner Sammlung befindliche Bücher und Verfilmungen. Dargestellte Bücher sind Beispiele daraus.

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© Andreas Fehrmann 07/00, update 10. September 2009