Collection Fehrmann

Jules Vernes „Voyages extraordinaires"

- Band VE 33 -



/1/ A. Hartleben's Verlag Wien Pest Leipzig; Bekannte und unbekannte Welten; Band 57 und 58; 1893 (CF/3304/)

/2/ ebenda; Bildzitat von Seite 392

/3/ Buch unten: © Verlag Neues Leben, Berlin 1985, 1. Auflage, L-Nr. 303(305/277/85) CF /3301/


Vielleicht als modernere Alternative zu den „Vorlagen“ der Erstausgabe die von Georges Tiret-Bognet illustriert wurde (siehe dazu meine Bemerkungen im Nachtrag), Bilder aus /3/: Der Verräter richtete sich selbst ...

... und weitere Bilder hier





unter diesem Link:  Eberhard Binder-Staßfurt Illustrationen des Buches FAMILIE OHNE NAMEN

Die Familie ohne Namen (1889)

TiteleiDie Originalausgabe erschien 1889 unter dem Titel Famille sans nom bei Pierre-Jules Hetzel in Paris. Und zwar Band I am 20. Mai 1889 und Band II am 14. November 1889 (rechts: Frontispiz der 93er Ausgabe von A. Hartleben /1/)

Diesmal unternehmen wir eine „Kopf-Reise“ nach dem Kanada des beginnenden 19. Jahrhunderts. Dieses Land ist gerade unter englischer Regierung, nachdem die europäischen Mächte Frankreich und England schon mehrmals um den Regentschaft der Kolonie gekämpft hatten. Diese Auseinandersetzungen gingen einher mit dem Kämpf um die Unabhängigkeit der vorwiegend durch Frankokanadier besiedelten Gebiete.

Das Ziel der kanadischen Patrioten, einen selbständigen Staat ähnlich dem Nachbarn USA, aber französisch orientiert zu bilden, konnten sie jedoch noch nicht verwirklichen. Ein Schlag gegen die Aufständischen gelang der amtierenden Regierungsgewalt, da die Patrioten einen Verräter in den eigenen Reihen hatten. Dieser lieferte die Führungsspitze des Aufstandes von 1825 an die Briten aus. Dieser Mann, ein Rechtsanwalt Namens Morgaz, hatte für 50.000 Dollar die Sache verraten, um nicht selbst wegen Landesverrat angeklagt zu werden. Drei Führer der kanadischen Patrioten wurden in Folge hingerichtet, andere bekamen langjährige Gefängnisstrafen. Der Hass der frankokanadischen Siedler richtete sich nun gegen die Familie Morgaz, die, um dem Volkszorn zu entkommen, fliehen musste. Doch sie fanden keine Ruhe. Immer wenn sie sich irgendwo niedergelassen hatten, der Rechtsanwalt, seine Frau Bridget und die Söhne Jean und John, mussten sie nach kurzer Zeit das Weite suchen. Gehetzt durch die Empörung der Kanadier verkrochen sie sich in der Nähe der US-Grenze. Der nervlichen Belastung nicht mehr gewachsen, nahm der alte Morgaz sein Gewehr und er verübte Selbstmord. (siehe Bild links am Rand) Was die Familie nur geahnt hatte war nun Gewissheit: Aus den Taschen des Toten fielen bündelweise Banknoten: Der Judaslohn des Verrats.

Jahre später, inzwischen gab es einige erfolglose Aufstände, kocht es wiederum in der Kolonie. Die Briten merken, dass die Situation einem Pulverfass gleicht. Im Untergrund werden die aufständischen Aktivitäten durch einen geheimnisvollen Unbekannten koordiniert und intensiviert: John Namenlos. Keiner kennt seine wahre Identität, er ist überall und nirgends, versorgt sogar die Patrioten mit Geld für Waffen und hält alle Fäden der Aufruhr in den Händen. Als er die Führungsriege des zukünftigen Aufstandes in der Villa des Patrioten Vaudreuil zusammenkommen lässt, ist auch Vaudreuil s Tochter Clary anwesend. Schon vorher war sie eine Verehrerin des unbekannten Helden, aber jetzt nach dem Treffen ist sie voller Sympathien für John. Dieser erwidert aus Scham aber nicht die Gefühle Clarys, war doch ihr Vater eines der Opfer des Verrates durch Morgaz. Mehrere Jahre hatte ihr Vater im Kerker zugebracht, dem Verräter Rache schwörend.

Dieser von den Kanadiern geachtete und bewunderte Held ist natürlich Feind Nummer Eins der britischen Verwaltung. Sogar private Detektive werden auf ihn angesetzt und ein Kopfgeld von 6.000 Dollar soll wieder einen Verräter aktivieren. Das sich hinter John Namenlos der Sohn John des Verräters Morgaz verbergen muss, ist dem Leser schnell klar. Denn dieser ist angetreten einen Teil der Schmach der Familie zu tilgen. Jean, der andere Sohn hat einen anderen Weg eingeschlagen: Als Ordensbruder Jean nutzt er die Freiheit der Predigt, um mit flammenden Reden von der Kanzel die Bewohner aufzurütteln.

OriginalillustrationJohn reist kreuz und quer durch die Provinzen, das Netz der Vorbereitung zum Aufstand wird geknüpft, Waffenlieferungen werden organisiert. Der Aufstand bricht los, aber nach einem ersten Teilsieg gelingt es der Übermacht der Briten die kanadischen Patrioten in die Knie zu zwingen. Grausame Rache nehmen sie, brennend und schändend ziehen sie durch die aufständischen Orte. Im Kampf wird der alte Vaudreuil schwer verletzt und John gelingt es den Verwundeten heimlich zu seiner einsam in einer Hütte am Rande eines Ortes lebenden Mutter zu bringen. Eines der Opfer ihres Mannes war jetzt in ihrer Obhut – er durfte die Wahrheit nie erfahren!

Vaudreuil der glaubt im Sterben zu liegen, möchte noch einmal seine Tochter sehen. Bridget, die Mutter Johns holt diese mitten in der Nacht aus dem Nachbarort. Aber da wird das Haus Bridgets von Häschern umstellt, eine Hausdurchsuchung soll durchgeführt werden, denn John Namenlos soll sich dort aufhalten. Durchsuchender ist der Privatdetektiv Rip, der allerdings schon unrühmlich im Falle des Verrats des alten Morgaz auftrat. Als er Morgaz Frau wiedererkennt, bläst er die Durchsuchung ab. Bei einer Verräterin wird sich doch kein Patriotenführer aufhalten! Nach diesen Worten ist Bridget und John vor der Tochter Vaudreuils enttarnt. Nie sollte jemand den schmählichen Namen erfahren! John flieht vor seiner Vergangenheit....

Im Finale des Kampfes (und des Buches) haben sich die letzten Patrioten auf einer Insel oberhalb der Niagarafälle zurückgezogen. Alle Handelnden unserer Geschichte sind vertreten. Als der spionierende Rip dann die Identität der Witwe Morgaz enthüllt, soll diese gelyncht werden – zu groß ist der Hass der Patrioten. Da wirft sich John dazwischen, sich selbst offenbarend. Die Wellen des Hasses können zwar gemildert werden, aber auch er erhält keine Absolution vor der Menge. Am nächsten Tag wirft er sich todesverachtend in die Entscheidungsschlacht, denn die Insel wird von der Übermacht der Briten gestürmt.

Selbst Huronenstämme die die kanadischen Patrioten unterstützen, können das traurige Ende für die Sache der Freiheit nicht verhindern, die Insel wird überrannt. Als John mit letzter Kraft Clary in einem Boot vor Angreifern retten will, bricht er im Kugelhagel zusammen (siehe Bild links /2/). Mit ihrem toten Geliebten im Arm, lässt sich Clary in Richtung Niagarafall treiben ...

Nachtrag: Trotz umfangreicher Schilderungen der politischen Hintergründe, des Verlaufs der Aufstände und der Geografie Kanadas, hat Verne eine packende und handlungsreiche Geschichte geschaffen. Ungewöhnlich ist seine starke Parteinahme für die liberalen Kanadier und die Deutlichkeit der Schilderung der britischen Gräueltaten. Da überrascht auch nicht mehr die dramatische Liebesgeschichte mit dem tragischen Ende der Hauptakteure. Diesen Schluss hatte er allerdings 1852 schon einmal verwendet. Siehe dazu:  Martin Paz. Zu den Illustrationen: Die Stiche im Original von Georges Tiret-Bognet sind aus meinem Empfinden meist sehr martialisch, denn Kampfszenen beherrschen die Motivwahl. In der Umsetzung sind sie oft heroisch verklärt, mehr an Auftragswerke des Militärs erinnernd, als dem romantischen Stil anderer Verneausgaben folgend.

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Hinweis: Beschrieben werden nur in meiner Sammlung befindliche Bücher und Verfilmungen. Dargestellte Bücher sind Beispiele daraus.

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© Andreas Fehrmann 07/00, lezte Aktualisierung 1. Januar 2016