Collection Fehrmann

Jules Vernes „Voyages extraordinaires*"

Jules Verne - Short Stories (* Dieser Band ist nicht offizieller Bestandteil der VE)

Das Original:

Musee

/1/ Buch oben - die Urfassung: Pitre-Chevalier: Musée des Familles, Paris – Bureaux de l'Administration rue Saint-Roch 29, Sammelband 1851 – 1852; Abgedruckt auf S. 301-313 u. 321-335 (CF /6726/)

/2/ ebenda; Beginn des zweiten Teils; Bildzitat von Seite 321

/3/ Verne: Le Chancellor, Hetzel & Cie Paris 1875; Les Voyages Extraordinaires; mit 223 Seiten, im Anhang Martin Paz; CF /1304/; Bildzitat von Seite 193 - die Illustration von Riou wurde von mir grafisch überarbeitet


Buch oben: Neuauflage 2007: Eine Überwinterung im Eise und als zweite Kurzgeschichte Martin Paz, Herausgegeben von Gerald Meyer im Verein zur Förderung des Literaturschaffens und des kulturellen Austauschs zwischen Deutschen und Polen e.V. Berlin; ISBN 3-940-6406-2. Basis ist die alte Übersetzung von Hartleben

ErstveröffentlichungMartin Paz (1875)

Die Urfassung wurde von Jules Verne im Juli 1852 unter dem Titel: L'Amérique du Sud. Moeurs péruviennes. Martin Paz, nouvelle historique in Musée des familles, Bd. 9 – siehe linkes Buch /1/ - veröffentlicht. Später als Anhang der VE 13  Der Chancellor unter Martin Paz am 1. Februar 1875 bei Pierre-Jules Hetzel in Paris. (Bild rechts: 2. Teil der Urfassung /2/)

Im südamerikanischen Peru spaltet sich zu Zeiten der Geschichte die Gesellschaft in drei große Hauptgruppen: Den Erben der spanischen Kolonisatoren, den daraus hervorgegangen Mischlingen, den Mestizen und den Eingeborenen, in der Geschichte stets Indianer (nicht Indios) genannt. Aus diesen gesellschaftlichen Gruppen kommen die Hauptakteure der Geschichte: Der Marquis Don Vergal, dem sein Vermögen langsam durch die Finger rinnt, der aufstrebende neureiche Mestizen Andreas Certa und der Indianer Martin Paz. Ergänzend lernen wir noch den Geldleiher, Kaufmann und Spielbankbesitzer, den unsympathisch dargestellten Juden Samuel und dessen reizende Tochter Sarah kennen.

Vorhang auf! Ort des Geschehens: Lima – Die Verwicklungen beginnen: Durch einen geheimen Vertrag über 100.000 Piaster hat sich Andreas Certa das Wohlwollen Sarahs Vaters gekauft, sie wurde im dafür versprochen. Diese hat aber ganz andere Interessen: Sie hat sich in Martin Paz verliebt. Die Bemühungen Martins blieben Andreas nicht verborgen und es gibt eine Messerstecherei vor dem Hause des Juden. Der verletzte Mestize wird in Samuels Haus gebracht und der Indianer muss fliehen. Eingekreist stürzt er sich von einer Brücke in einen reißenden Fluss, so dass alle von seinem Tode ausgehen. Paz kann sich aber retten und er kommt beim edel handelnden Marquis Vergal unter. In seinem Schutz kann Paz ihn nach Chorillos, einem Badeort an der Küste bringen (Bild unten links: Martin Paz und Vergal /3/). Der Marquis Don Vergal versucht durch diesen Abstand zu Lima seinen Schützling zu retten, gleichzeitig will er ihn aber auch von der Liaison mit der Jüdin abhalten, was aus seiner Sicht unschicklich ist (!). Was nur der Leser erfährt: Sarah hatte sich zwischenzeitlich den Gedanken der katholischen Kirche genähert und heimlich besucht sie den Gottesdienst.

Zeitgleich macht jetzt Certa mit Samuel ebenfalls einen Ausflug zum gleichen Ort. In der dortigen Spielbank verliert Certa einiges an Geld, was aber Samuel nicht beunruhigt, denn auch wenn sein Schwiegersohn in spe verliert, das Geld bleibt in der Familie: Samuel gehört auch die Spielbank. Als sie sich nach der missglückten Partie heimlich beraten wollen, ziehen sie sich mit einem kleinen Boot auf das offene Meer zurück. Da beim Verlassen des Hauses zufälligerweise Paz dazu kam, folgt er ihnen heimlich. Ihnen nachschwimmend erfährt eine haarsträubende Geschichte: Sarah ist gar nicht die Tochter Samuels. Sie ist die Tochter eines reichen spanisch stämmigen Adligen, dessen Frau und die damals zweijährige Tochter bei einer Seereise von einem Unwetter überrascht wurden. Als das Schiff, von der Mannschaft verlassen, strandet, kann der mitreisende Samuel das Kleinkind vor dem Ertrinken retten, deren Mutter starb in den Fluten. Wenn Certa also Sarah heiratet, kann er mit dem Nachweis der adligen Abstammung, denn die will Samuel ihn für Geld abtreten, in die von ihm angestrebten höheren Kreise „eintreten“.
OriginalillustrationGerade noch vor der Hochzeit kann sich Martin Paz seiner Geliebten nähern, da überschlagen sich die Ereignisse. Die Indianer die sich bereits vorher heimlich organisiert hatten, beginnen mit einer Rebellion. Martin Paz wird inzwischen als Abtrünniger angesehen, hat er doch seine privaten Interessen vor denen der Gemeinschaft gestellt. Im Tumult findet Samuel den Tod, Plünderei und Mord und Todschlag sind angesagt. Als die Aufständischen das Haus von Samuel stürmen, kann Paz mit Sarah zu Vergal flüchten. Dieser erfährt dabei, dass Sarah seine todgeglaubte Tochter ist, denn Paz kann die Herkunft aufklären. Die von Paz enttäuschten Indianerhorden lassen als Rache die Leute um den Marquis Don Vergal und Martin Paz in die Messer des Mestizen Certa mit seinen Mannen laufen. Im letzten Augenblick können Vergal und Paz fliehen, Sarah wurde schon vorher von den Indianern verschleppt. Verzweifelt verfolgen die Beiden die flüchtigen Indianer. Doch sie verlieren den Wettlauf. Sarah wird aus Rache zum Tode verurteilt. Mit einem Kanu soll sie an einem Wasserfall zu Tode stürzen. In einer dramatischen Schluss-Szene kommen Vergal und Paz unter den Pfeilhagel der Indianer, wobei Paz in das Kanu seiner Geliebten stürzt und beide gehen gemeinsam in den Tod.

NACHTRAG: Eine historische Kurzgeschichte, die durch ihr Arrangement und den stilistischen Einfällen sehr theatralisch daher kommt. Die Figuren und Charaktere wurden klischeehaft überzeichnet. Da gibt es blasierte spanische Abkömmlinge der Eroberer, edel handelnde Aristokraten, fanatische Mestizen, den bekehrenden katholischen Geistlichen und den durchtriebenen und gaunerigen Juden. Die Figur des Juden Samuel trägt in der Beschreibung antisemitische Züge. So werden wiederholt alle Register des Negativen zur Beschreibung seiner Geschäftspraktiken herangezogen und auch der Handel mit dem von ihm geretteten Kind ist moralisch verwerflich. Zumal, da ja die Herkunft bekannt war, das Kind also wissentlich dem eigentlichen Vater entzogen wurde. Damit bediente Verne die in der damaligen Zeit häufig anzufindenen Vorurteile. Das dies kein einmaliger Ausrutscher war, zeigt eine ähnliche Darstellung eines Juden, die wir später im Roman  Reise durch das Sonnensystem wieder finden. Den anfangs mit Sympathien bedachten Indianern, beschrieben als vom Freiheitsdrang geprägt, wird später in der Darstellung der Stempel der Barbarei aufgedrückt. In der Schlussphase degenerieren sie zu instinktgesteuerten primitiven Eingeborenen. Gekrönt wird das Ganze durch ein typisches Bühnenfinale: Die Hauptakteure kommen zu Tode. Übrigens eine Lösung die von Verne später in  Familie ohne Namen nochmals aufgegriffen wird – auch da sterben die Liebenden gemeinsam, diesmal in den Niagarafall treibend. Noch etwas zu den Illustrationen: Die Stiche der Urfassung sind nicht identisch mit denen der späteren Fassung für die VE13. 

Logo Schauplatz

/4/ Verne: Der Chancellor, A. Hartleben's Verlag Wien, Pest und Leipzig 1877; Anhang: Martin Paz ab Seite 211, Zitat von Seite 211
/5/ ebenda, Seite 214
/6/ ebenda, Seite 213

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Auf der Plaza Mayor in Lima

Lima: Plaza MayorWie auch schon in anderen Kurzgeschichten und Romanen verblüfft Verne auch hier mit detaillierten Beschreibungen, die sich in der Realität auch noch heute überprüfen lassen. Ein Handlungsort kommt mehrfach in dieser Kurzgeschichte vor: Der Plaza Mayor in Lima. Dies ist ein weiträumiger Platz im historischen Zentrum der Stadt. An ihm befinden sich mehrere Sehenswürdigkeiten, die wie eine Einfassung den Platz umsäumen. Dominant ist der Regierungspalast, der die gesamte Nordseite des Plazas einnimmt. Der Plaza ist ein beliebter Treffpunkt für Einheimische und ein Muss für alle Touristen. Aus diesem Grunde stand er bei einer Lateinamerikareise auch auf dem "Fahrplan" unseres Urlaubs. Bei Jules Verne klingt die Beschreibung so: "Während die ersten Sterne am Horizonte aufzogen, füllten sich die Straßen Limas mit einer Menge Spaziergänger an, welche, in ihrem leichten Mantel dahin wandelnd, von den unbedeutendsten Dingen plauderten. Auf der Plaza-Mayor, dem alten Forum der Stadt der Könige, ging es sehr lebhaft zu. Die Handwerker benutzten die Abendkühle, um von der Arbeit des Tages zu ruhen, oder eilten geschäftig durch die Menge, wobei sie schreiend die Vorzüge ihrer Waaren anpriesen. " /4/

Auch die Lage des Regierungspalastes wird exakt wiedergegeben: "Die Plaza-Mayor zeigte sich jetzt belebter als je. Das Schreien und Lärmen wurde immer ärger. Die berittenen Wachen vor dem Mittelthore des viceköniglichen Palastes am Nordende des Platzes hatten Mühe, mitten in diesem Gewoge und Gedränge von Menschen auf ihrem Posten auszuharren." /5/ Und wie um mein eigenes Bild zu beschreiben, fand ich auch noch diesen Satz: "Ein prächtiges Gespann lenkte eben auf die Plaza- Mayor ein; es war das des Marquis Don Vegal, Ritter von Alcantara, Malteser und Ritter des Ordens Karl's III." /6/
Auf der PlazaAuf der Plaza heute
Cholita bei VerneAn der östlichen Seite des Plaza befindet sich die Catedral de Lima. Sie war offenbar die Vorlage für eine der Illustrationen der Kurzgeschichte. Wie auch schon in anderen Werken nachgewiesen, hat Verne vor seiner schriftstellerischen Arbeit an der Geschichte offenbar wieder gründlich in verfügbaren Quellen recherchiert.

Da ich im Buch unter anderem auch Illustrationen mit einheimische Frauen in ihrer Cholita, der traditionellen Kleidung der Indiofrauen fand, habe ich dazu ebenfalls einen aktuellen Bezug hergestellt.
Cholitas heute

 Fotos © Fehrmann 2016, Illustrationen aus /4/


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Hinweis: Beschrieben werden nur in meiner Sammlung befindliche Bücher und Verfilmungen. Dargestellte Bücher sind Beispiele daraus.

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© fehrmann 01/05, letzte Aktualisierung 26. September 2016