Collection Fehrmann

Jules Vernes „Voyages extraordinaires"

- Band VE 38 -








Buch oben: Verlag Neues Leben, Berlin 1981, 1. Auflage, L-Nr.: 303(305/51/81) CF /3801/; wie rechts ganz unten im Beitrag erläutert, ist dieses Exemplar von den Bombarnac-Varianten die ich besitze, von besonderer Bedeutung.



Quellenangaben:

/1/ Fakten aus: Neue Geschichte der Fotografie Hrsg. Michel Frizot; Könemann Verlagsgesellschaft mbH Köln 1998; ISBN 3-8290-1327-2

/2/ mobil Das Magazin der Bahn, Nr. 11 / 2006, Seite 50; hier zu lesen (Datei 111 KB):

Artikel von Olivier Meyer

/3/ © Mediatheque Patrimoine Culture: Voyage de Paul Nadar au Turkestan russe en 1890, Ouzbékistan, Samarcande, Médersa Chir Dar.

/4/ Claudius Bombarnac bei A. Hartleben's Verlag Wien, Pest, Leipzig 1894; 280 Seiten – CF /3803/

/5/ Bildzitate aus /4/: Oben von Seite 136 und unten von Seite 128

/6/ Jules Verne: Claudius Bombarnac aus der Reihe Les Voyages Extraordinaires bei Pierre-Jules Hetzel in Paris; 1890 (CF /3806/) mit 286 Seiten, 2 farbigen Karten und 55 Illustrationen von L. Benett, darunter auch 6 farbige Ganztafeln (Chromotyphografien). Bildzitat zwischen Seite 128/129 des Buches




Claudius Bombarnac (1892)

Die Originalausgabe erschien 1892 unter dem Titel Claudius Bombarnac bei Pierre-Jules Hetzel, Paris. Anmerkung: Die Erstauflage erschien abweichend vom sonstigen „in-18“-Format bei Hetzel im illustriertem Großformat (Hetzels „in-8°“-Edition) am 21. November 1892, nachdem eine Vorab-Veröffentlichung vom 10. Oktober bis 7. Dezember in der Zeitschrift „Le Soleil“ Stattfand. Erst am 30. Januar 1893 erschien die Ausgabe in der VE üblichen „in-18“ Edition bei Hetzel. Die rechts zu sehende deutschsprachige Ausgabe erschien 1894 bei A. Hartleben's Verlag /4/.

Dieser Roman ist ein typischer Vertreter der so genannten Reiseromane. Bereist wird diesmal Mittelasien und Nordchina. Aber noch interessanter als der eigentliche Handlungsfaden, ist aus meiner Sicht dessen Entstehungsgeschichte. Der Sohn eines Freundes von Jules Vernes, Paul Nadar, soll die Idee zum Buch geliefert haben. Paul, Sohn des Fotografen Félix Tournachon, genannt Nadar, hatte nämlich die Chance zu einer außergewöhnlichen Reise. Die Einladung zur „Jungfernfahrt“ der Bahnverbindung des Orientexpress' von Konstantinopel über die transkaukasischen Strecke bis zum heutigen Usbekistan, damals Teil des Russischen Reiches, hinterließ einen tiefen Eindruck bei Nadar Junior.

Aber es waren nicht nur die Erinnerungen an die Erlebnisse seiner Reise von August bis September 1890, sondern auch die Chance, entlang seiner Reiseroute Menschen auf Basaren und Märkten zu fotografieren, in Wüsten, in Moscheen und Mausoleen. Zwar wurden auch schon vorher an exponierten Stellen Fotos gemacht, aber eben keine sporadischen Reiseeindrücke oder Schnappschüsse. Das wurde nämlich erst mit der Alternative zu den herkömmlichen Plattenkameras möglich, der Erfindung des Rollfilms auf Basis von Bromgelantine (international auch „flexible film“ genannt) und der dazu gehörigen Kompaktkamera (Kodak-Box). Erfunden wurde das System vom Amerikaner George Eastman. Mit dieser Ausrüstung bewaffnet, erkundete Paul den Orient. Nach seinen eigenen erfolgreichen Versuchen, wurde er 1893 offizieller Vertreter der George Eastman Dry Plate & Film Company in Frankreich, deren Produkte dann unter dem Namen Kodak vertrieben wurden. /1/ Weitere Informationen bitte ich dem Artikel, den ich links unter /2/ zum vertiefenden Lesen anbiete, zu entnehmen. Die beiden Bildbeispiele sind aus: „Samarkand, Medrese Chir Dar“ der Sammlung der französischen Mediatheque Patrimoine Culture /3/.

Bild Links: Paul Nadar, eigentlich Paul Tournachon (1856 - 1939); Selbstbildnis 1888, Mitte und Rechts: Beispiele aus /3/

ChromotypographieAus anderen Quellen ist zu erfahren, dass Paul von seiner Reise über zweihundert Klischees mitgebracht hatte. Diese zeigten nach der Entwicklung Impressionen vom Kaukasus, vom äußersten Rand Mittelasiens, von Tbilissi, Buchara und Samarkand. Bewaffnet mit seiner Kodak-Versuchsausstattung, interessierte er sich für die Völker, für die Landschaften und für die Architekturen dieser Gegenden, bekannt in Europa unter dem Mythos „Seidenstraße“. Während der Vater bekannt wurde durch die Portraitfotos von Schauspielern und Künstlern, dürfte Paul als einer der Pioniere der neuen Spezies, der der Fotoreporter, gelten. Seine Fotos der Asienreise verführten seine Zeitgenossen zum Träumen. Einige Aufnahmen wurden auch in französischen Zeitschriften veröffentlicht. So unter anderem in L'Illustration, welche nach Volker Dehs Kritischer Biographie 2005, Jules Verne zur Verfügung stand (siehe Seite 363). Aber was passierte denn nun im Roman?

Eigentlich wollte Claudius Bombarnac, Reporter der angesehenen französischen Zeitung „Das XX. Jahrhundert“, nur drei Wochen lang Georgien bereisen. Als Ergebnis sollte es dann eine beschauliche Beschreibung der Schönheiten des Landes geben. Aber es kam anders: Ein Telegramm jagt ihn nach Usun-Ada, an das Ostufer des Kaspischen Meeres. Er soll mit dem Zug der großen Trans-Asien-Eisenbahn bis nach Peking fahren und von den Erlebnissen während der Fahrt berichten. Für den Leser seiner Zeitung erschient dies vielleicht attraktiv, aber Bombarnac ist nicht begeistert. Er fügt sich seinem Schicksal und eher missmutig tritt er die Reise an.

Illubsp.

Bsp. 2Damit die Darstellung des Panoptikums der bereisten Gegenden nicht allzu trist ist, hat Verne dem Reporter eine bunte Mischung von Mitreisenden auf den Weg gegeben. Da gibt es die typischen Vertreter der Nationen, die aber ziemlich klischeehaft dargestellt sind: Der typische Yankee, eine englische Geschäftsfrau und ein schneidiger Gentleman, der unsympathische Deutsche und ein nettes französischen Komödianten-Paar. Damit aber nicht genug: Eine Schatzladung ist auch noch mit an Bord und diese ist natürlich das Ziel der Begierde eines windigen hohen Bahnbeamten. Aber auch diese Bestandteile können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es alles in allem eben nur eine Reihung von fiktiven Erlebnissen entlang einer Bahnlinie, die so in der Wirklichkeit aber nicht existiert, ist.
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LogoMag die detaillierte Schilderung von Land und Leute aus der Sicht einiger Betrachter recht geschickt sein, so richtig Spannung wollte mir beim Lesen nicht aufkommen. Vielleicht wurde dies zum Zeitpunkt des Erscheinens nicht so kritisch gesehen, denn eine gut bebilderte Reise in ferne Regionen hatte vielleicht damals einen anderen Unterhaltungseffekt als heute. Dazu trugen bestimmt die ab November 1892 in einigen französischen Ausgaben beigefügten Chromotypographien und die farbigen Karten bei, von denen ich unten Links ein Motiv zeigen möchte: Der Basar von Samarkand /6/. Die einfarbigen Bilder unten an der rechten Seite sind bearbeitete Originalillustrationen der Motive „Buchara“ und Samarkand“, passend zum oben gezeigten Fotomaterial von Nadar und unten gezeigten Motiven meiner eigenen Bildern /5/.

Dafür hab ich das Buch aber unter einem ganz anderem Aspekt gelesen und dann lieb gewonnen, denn überraschender Weise erstand ich 1981 das oben links abgebildete Buch aus dem Verlag Neues Leben, also unmittelbar nach dem ersten Erscheinen, in einem internationalen Buchladen in Samarkand, einem der Reiseziele Claudius Bombarnacs. Und so konnte ich während des Lesens gleichzeitig einige Details mit der Realität vergleichen. Aber lassen wir durch Jules Verne Claudius Bombarnac zu Worte kommen: „Das Khanat Bucharei und das von Samarkand bildeten ehemals die persische Statthalterschaft Sogdiano, die von den Tadschiks bewohnt wurde, in der sich aber am Ende des 15. Jahrhunderts die Usbeken festsetzten. .... Buchara, die Hauptstadt des Khanats, war das Rom des Islams, die edle Stadt, die Stadt der Tempel, der göttlich verehrte Mittelpunkt des mohammedanischen Glaubens. ... Das alles berichtete mir Major Noltitz, und schliesslich rät er mir, diese Metropole des Ostens zu besuchen.“ So schließen wir uns kurz der Idee Bombarnacs an:

Links sehen wir die Außenmauern des Poi Kalean Komplexes in Buchara. Eben der, der wahrscheinlich in der obigen Bildillustration noch halb als Ruine zu sehen ist. Die Mauern aus ungebrannten Lehmziegeln wurden erst ab ca.1970 wieder vollständig komplettiert.

Rechts eine Aufnahme aus Samarkand: Ein Teil des so genannten Shadi Singar Komplexes, im Bild ein Eingang zu eine der vielen Medresen, einer islamische Schule.

Fotos: © Fehrmann 07/1981

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Hinweis: Beschrieben werden nur in meiner Sammlung befindliche Bücher und Verfilmungen. Dargestellte Bücher sind Beispiele daraus.

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© Andreas Fehrmann 07/00, letzte Aktualsierung 1. Januar 2016