Collection Fehrmann

Jules Vernes „Voyages extraordinaires"

- Band VE 54 – Letztes Buch des Zyklusses






Bild oben: Faksimile des Frontispiz der Hetzelausgabe, die 1906 auch bei Hartleben genutzt wurde (aus /7/). Buch unten: © 1984 Pawlak Taschenbuchverlag, Berlin, Herrsching. ISBN: 3-8224-1088-8 - Nachdruck v. Verlag A. Hartleben, Inh. Dr. W. Rob, Wien I. Pawlaks Collection Jules Verne Band 88 (CF /5401/)






Quellenangaben:

/1/ zeitgenössische Postkarte ca. 1910: „Gabes – Leuchtturm Hafen und Zollstation“ – von mir grafisch bearbeitet

/2/ Faksimile des Projektes von Roudaire aus „LA TUNISIE SON PASSE ET SON AVENIR“ von P.-H. Antichan 1895, auch in Roudaire: „Un mer intéreure en Algérie“, Paris 1874

/3/ Zitat aus o.g. Pawlakbuch S. 55

/4/ „le commandante Roudaire, chef de la mission“ ca. 1878/79, vom mir grafisch bearbeitet

/5/ Meyers Konversationslexikon 1888, Band 14, Seite 616

/6/ ebenda, Band 6, Seite 819

/7/ „Der Einbruch des Meeres“ A. Hartleben's Verlag Wien und Leipzig 1906 mit 43 Illustrationen (teilweise auch Fotografien) CF /5402/

Der Einbruch des Meeres“ (1905)

Die Originalausgabe erschien in einem Band 1905 unter dem Titel „L'Invasion de la mer“ bei Pierre-Jules Hetzel in Paris. Die Illustrationen gestaltete Léon Benett. Mit Band 54 endet der Zyklus der Voyages Extraordinaires. Literaturwissenschaftler tendieren zu der Meinung, dass große Teile des Werkes von Michel, dem Sohn Vernes, geschrieben wurden. Begründet währe dies vor allem durch gesundheitliche Probleme des kurz vor dem Tode stehenden Schriftstellers. Teile des Romans sollen bereits 1902 vorgelegen haben. Trotz der offensichtlichen Hilfe des Sohnes, kann das Werk nicht an die berühmten und packenden Vorgänger der Voyages Extraordinaires anknüpfen, obwohl alle „Zutaten“ der Stilistik Vernes wieder zu finden sind.

Wir tauchen ein in die orientalische Welt der Oase von Gabes, einem Küstenort im heutigen Tunesien. Damals wehte in dieser Region die Flagge Frankreichs (Bild rechts: Gabes, ca. 1910 /1/). Hadjar, ein Tuareg wurde im Gefängnis von Gabes gefangen gehalten, unter der Anklage, eine geologische Expedition überfallen zu haben. Unter Anteilnahme seiner Mutter kann er von Freunden aus dem Gefängnis befreit werden.

Zeitgleich haben die europäischen „Herren“ Großes mit dieser Region vor: Da die Wüste Tunesiens eine riesige Senke ist, wollen sie diese in ein Binnenmeer verwandeln. Die ursprüngliche Idee dieses Projektes kam aber nicht den Helden dieses Romans, sie baute auf ein Projekt des Franzosen Roudaire auf (siehe weiter unten die gelbliche Karte des Projektes Roudaire /2/). Ziel war es, die Landwirtschaft aufleben zu lassen und dem Handel eine neue Basis zu geben. Realisiert werden sollte das Ganze durch einen etwa einhundertundsiebzig Kilometer langer Kanal als Durchstich zum Mittelmeer in der Nähe der Stadt Gabes und einem weiterem im Binnenland. Das einströmende Salzwasser sollte durch die Verdunstung im neuen Binnenmeer in der Umgebung für zahlreiche Niederschläge sorgen und so sollte langsam das umliegende Land fruchtbarer werden.

Aber der Plan war auch nicht ganz uneigennützig für die Franzosen. War doch auch ein Argument, dass die verbesserte Zugänglichkeit der Region durch eine Beschiffbarkeit von französischen Truppen genutzt werden kann. „Hundert Jahre nach der Entfaltung der französischen Flagge auf der Kasbah von Algier werden wir eine französische Flottille das Saharameer befahren und unsere Posten in der Wüste mit allen Bedarf versorgen sehen!“ /3/ argumentiert einer der Verfechter des Vorhabens. Die damit verbundene „Verstärkung des französischen Einflusses“ sollte die „Ruhe“ in diesem Teil Afrikas sichern.

Neben der Lösung der wissenschaftlich-technischen Probleme hatten die Planer auch noch gegen den Widerstand der Bevölkerung zu kämpfen. Würde doch das neue Meer sie von ihren angestammten Plätzen vertreiben, würden Oasen überschwemmt werden und die Wege der Handelskarawanen würden unter Wasser gesetzt werden. Tausende würden ihre Heimat verlieren. So gehen die Tuareg und die Beduinen zur Verteidigung ihres Lebensraumes über. Dies wissend, stand die Expedition des Hauptingenieurs von Schaller mit seinem Gehilfen François, die den Arbeitsstand des Kanalbaus kontrollieren wollte, unter militärischen Begleitschutz.

Von Schaller inspiziert die schon unter Roudaire (siehe ganz unten das Bild rechts /4/) entstandenen Teilabschnitte des Kanalbaus und auch die jetzt wieder neuerlich begonnenen Baustellen. Eine davon fanden sie völlig verwüstet und von den Bauarbeitern verlassen vor. Teile des Kanals waren sogar wieder teilweise zugeschüttet worden. Noch nach Spuren suchend konnte ihnen ein Einheimischer die Sachlage erklären. Angeblich sollten Berberhorden die Verwüstung durchgeführt haben. Auf eine Finte hereinfallend, trennte sich die Gruppe und der Rest unter Kapitän Hardigan wurde von den eigentlichen Verursachern, Tuaregs unter Hadjar, überfallen. Die Eskorte konnte nicht verhindern, dass sie und der denkende Kopf des Projektes, in die Gewalt der Nomaden gelangten. Doch kurz darauf gelang ihnen die Flucht. Sie schleppten sich durch die Salzwüste des Schotts und gelangten dann mit letzter Kraft zu einer hügligen Oase. Doch die erste Nacht unter Plamen war sehr unruhig, riesige Tierherden flohen durch das Land und durch seismische Stöße drang Grundwasser an die Oberfläche des salzverkrusteten Gebietes. In der Folgenacht kam es dann zu einer typische Überraschung a la Jules Verne: Der Wasserstand stieg beängstigend und am Morgen befanden sich die Fliehenden auf einer Insel. Im aufkommenden Licht des Tages mussten sie beobachten, wie am Horizont der gesamte Tuaregstamm ihres Widersachers auf der Flucht vor einer riesigen Flutwelle elendig ertrank. Ursache der gesamten Szenerie war ein Erdbeben, welches einen gewaltigen Erdabsenkung verursachte, so dass sich das Mittelmeer in großer Breite in die riesige Wüstensenke ergießen konnte. Die Natur hatte das Projekt sozusagen „vorab“ realisiert.

Und wer kommt wenig später mit einen kleinen Dampfschiff angefahren? Die versprengten Kameraden der Militäreskorte. Happy End unter der Wüstensonne…(Bild links aus /7/ Seite 67)

Interessant ist, dass Verne mit dieser Geschichte an einen schon bekannten Handlungsort zurückkehrt. Denn schon Hector Servadac agierte in der gleichen Gegend. Siehe dazu vertiefend: Reise durch das Sonnensystem“. Selbst sein Romanheld Clovis Dardentor besuchte die Region. Zufall? Hatte Verne seine Liebe zu diesem Landstrich bei seiner Mittelmeerreise 1878, in der er u.a. Algier und andere nordafrikanische Häfen aufsuchte, vertieft? Die Schilderung der Region ist jedenfalls sehr realistisch und gekonnt gestaltet. Durch die Herausarbeitung seiner militärischen Heroen lässt Verne die sonst bei ihm vorzufindende Verbundenheit mit den Problemen der Einheimischen oder der Parteinahme mit den Unterdrückten in „Der Einbruch des Meeres“ vermissen. Die um ihre Unabhängigkeit ringenden Wüstenbewohner werden zu Schuften und Räubern degeneriert. Sehen wir wieder die Unterschiede in der Bewertung der Auswirkungen britischer und französischer Kolonialpolitik? Erinnert sei an die heftige Kritik an die britische Kolonialmacht in „Die Kinder des Kapitän Grant“.

Die Gestaltung der Charaktere folgt bekannten Strukturen: Da ist der untadelige Ingenieur mit seinem aufopferungsvollem Gehilfen, da haben wir die vaterlandsliebenden edlen Franzosen, exklusiver Weise diesmal als Kolonialoffiziere, da finden sich wieder die vor den zu erwartenden Erdbeben fliehenden Tiere wie in „Die Kinder des Kapitän Grant“ und da kommt wie bestellt und schon der der „Geheimnisvollen Insel“ im letzten Kapitel praktiziert, genau im richtigen Augenblick ein Schiff vorbei. Sollte gerade die Verwendung dieser „Typenlösungen“ ein Zeichen für die Handschrift Michel Vernes sein? Versuchte er seinem Vater stark zu ähneln?

Was nach einigen Recherchen für mich das Überraschenste war, die Idee von Roudaire war damals allerorten bekannt! So fand ich selbst in einem deutschen Lexikon von 1888 gleich mehrere Hinweise dazu. Am deutlichsten ist dies dem Faksimile links /5/ zu entnehmen, dem letzten Absatz aus dem Beitrag in dem das Suchwort „Schott“ erklärt wurde. Gleiche Hinweise fanden sich unter den Rubriken „Tunis“ und „Gabes“. Bei Letzterem war zu lesen: „.... Der 17-25 km breite Isthmus von Gabes, welcher das Meer von den großen westlich liegenden Schotts trennt, ist an seiner höchsten Stelle 54 m ü. M.; seiner beabsichtigten Durchstechung dürften sich nach Roudaire und Lesseps keine erheblichen Schwierigkeiten entgegenstellen.“ /6/. Für mich wieder ein Zeichen des Arbeitsstils von Jules Verne: Die Welt der Wissenschaft ist voller Anregungen für die fantastische Geschichten – man muss nur die richtigen Fakten zusammentragen.

Die Machbarkeit des Projektes Roudaire / Verne untersuchten 2005 Studenten des Lehrgebietes Baumaschinen / Verfahrenstechnik und Baubetrieb der Fachhochschule Aachen unter Prof. Willy Kuhlmann. Interessant ist das Ergebnis: So spekulativ war die Idee Roudairs gar nicht. Heutzutage währe das Vorhaben selbst unter Einbeziehung von Meerwasserentsalzungsanlagen, die aus dem geplanten Ausleger des Mittelmeeres einen Süßwasser-Binnensee machen würden, durchaus realisierbar. Dies gilt sowohl technisch als auch ökonomisch / finanziell. Bedenklich ist allerdings der starke Einriff in die Natur der Region und auch die komplexen Zusammenhänge mit allen Vor- und Nachteilen währen sorgsam abzuwägen. Insgesamt aber die Erkenntnis: Ein kühner Gedanke vor über hundert Jahren, der aber nicht als reine Phantasie abgetan werden muss (Bildmaterial: Rechts Roudaire /4/ und unten Karte des Projektes Roudaire /2/

Hinweis: Beschrieben werden nur in meiner Sammlung vorhandene Bücher und Filme. Dargestellte Bücher sind Beispiele daraus.

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© Fehrmann 10/01, update 8. August 2009