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Weicherts Jules Vernes Werke in Lizenzausgaben

(vor 1914)



Der Autor dieser Ausarbeitung ist Norbert Scholz, der mir gestattete, seine Arbeit hier zu veröffentlichen.





Quellenangaben:

/1/ Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel 78(1911) Nr. 22 vom 27. Januar, S. 1134

/2/ Jäger, Georg: Medien, in Berg, Christa (Hrsg.): Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte, Band 4, 1991, S. 473 – 498, hier S. 491

/3/ Thadewald, Wolfgang: Jules Verne's Werke (Hardcover-Reihe) Verlag Ad. Spaarmann, Styrum und L:eipzig. In: Wimmer, Heinrich (Hrsg.): Bibliographisches Lexikon der utopisch-phantastischen Literatur - Verlags- und Reihenbibliographien.
Meitingen 1987ff. 13. Erg.-Lfg. März 1991, S. 1-8

/4/ Scholz, Norbert: Die Jules-Verne-Reihe des Franz von Stokar. In: NAUTILUS, Zeitung des Jules Verne Clubs, Nr. 16, Oktober 2009, S. 22-31

/5/ Thadewald, Wolfgang: Jules Verne's Werke (Hardcover-Reihe) Franz von Stokar, Regensburg. In: Wimmer, Heinrich (Hrsg.): Bibliographisches Lexikon der utopisch-phantastischen Literatur - Verlags- und Reihenbibliographien. Meitingen 1987ff. 28. Erg.-Lfg. Dezember 1999, S. 1-25

/6/ Portrait Adolph Spaarmann als zeitgenösische Darstellung aus dem Familienarchiv der Nachkommen. Beschafft durch Norbert Scholz, für die Nutzung auf dieser Seite bearbeitet.

Nautilus /4/


SpaarmannlisteUntermengen von Weicherts 74-bändiger (Fast-) Gesamtausgabe Jules Vernes Werke gelangten noch über zwei andere Verleger in den Handel: Über Adolph Spaarmann (1837 – 1911) in Styrum, heute ein Stadtteil von Mülheim a.d. Ruhr, und über Franz von Stokar (1859 – 1929) in Regensburg. Es ist unwahr- scheinlich, dass es noch weitere Lizenzreihen aus der Zeit vor 1914 gibt, jedenfalls fehlt darüber jeder Nachweis. Jede der beiden Reihen hat eine eine eigene Entstehungs- geschichte. Unverkennbar jedoch wurden beide bei Weichert produziert. Zum Entstehungszeitpunkt der beiden Lizenzreihen lebte der Firmengründer August Weichert nicht mehr, wie der Verlagsgeschichte zu entnehmen ist. Wenn im Folgenden „Weichert“ steht, so ist immer die Verlagshandlung u. Buchdruckerei A. Weichert gemeint.


Lizenzausgaben von A. Spaarmann

Adolph Spaarmann gehörte wie Weichert gegen Ende des 19. Jahrhunderts zur Spitze der Volksschriftenverleger im Deutschen Reich /1/. Im Gegensatz zu Weichert war er aber auf Romanheftreihen spezialisiert, „die zwischen 1885 und 1890 den Absatz des Kolportage- romans zu überflügeln begannen“, wie der Buchwissenschaftler Georg Jäger schreibt /2/. Weiter schreibt Jäger: „Vertrieben wurden diese Hefte weder über den Sortiments- noch den organisierten Kolportagebuchhandel. Vielmehr bedienten sich die Verleger neben Straßenverkäufern der Zigaretten- und Trafficläden, Bahnhofs- und anderer Kioske. Mit Hilfe dieses äußerst engmaschigen Vertriebsnetzes erreichten die Produzenten neben den Kindern aller Schichten so gut wie jeden Arbeiter.“ Und gerade die Zahl der Arbeiter war in den aufstrebenden Industriestandorten der preußischen Rheinprovinz explosionsartig gestiegen. Spaarmanns Wohn- und Verlagsort Styrum war direkt betroffen, von dort nahm das Stahlimperium von August Thyssen seinen Anfang. Der Berliner Weichert konnte also bei der Lizenzierung an einen Verleger, der seinen Kundenkreis sowohl geographisch als auch demographisch komplementär ergänzte, nur gewinnen.

Adolf SpaarmannAdolph Spaarmann (Bild links /6/) erhielt nicht nur die Lizenz für Heftreihen wie Weicherts Wochenbibliothek, sondern eben auch für Weicherts Jules Vernes Werke. Exemplare dieser Reihe, die mindestens 16 Titel umfasst, sind heute nur noch selten zu finden. Die Reihe hat gegenüber der von Weichert zwei Besonderheiten, die beide unmittelbar mit dem neuen Vertriebsnetz zusammenhängen: Erstens gab es sie offensichtlich aus Kostengründen nur in der Broschurvariante, denn es sind keine Leinenbände bekannt, während letztere die überwiegende Mehrheit des antiquarischen Bestands an Weichert-Ausgaben stellen. Und zweitens verlegte Spaarmann keine Titel bestehend aus Doppel- oder Dreifachbänden. Auch dies ist verständlich: Gelegenheitskäufer bevorzugten abgeschlossene Erzählungen. Oder noch überzeugender: Wer würde sich am Bahnhofskiosk für eine Bahnfahrt einen dreibändigen Roman kaufen? Die Titelliste ist entsprechend reduziert (siehe Bild rechts, Sammlung W. Thadewald), der angegebene Einzelpreis deutet darauf hin, dass es tatsächlich nur die Broschurvariante gab. Die Bandreihenfolge ist äquivalent zur Weichert-Reihe, die Bandzählung dagegen weicht aus dem genannten ab. Die Illustrationen der Umschlagvorderseite sind mit denen der Weichert-Broschuren identisch. Im Innern ist nur auf dem Titelblatt die Verlegerangabe neu gesetzt: „Styrum und Leipzig. Verlag von Ad. Spaarmann.“. Der übrige Druck blieb unverändert.

Die Reihe erschien 1904 oder etwas später /3/. Adolph Spaarmann war da schon aus Altersgründen in der Endphase seiner Verlagstätigkeit. 1909, zwei Jahre vor seinem Tode, verkaufte er dann den Großteil seines Verlags an Herrmann Michel, „Verlagsbuchhandlung und Groß-Antiquariat Berlin-Charlottenburg (gegr. 1907)“. Das ist übrigens genau der Hermann Michel, den wir auch von den so genannten Gelben Prachtausgaben der Hartleben-Ausgabe her kennen.

Die Reihe bei Franz von Stokar

Bsp. StokarObwohl sein Verlag nicht ganz unbedeutend war, siehe dazu beispielhaft seine hübsch illustrierte Anleitung Jugendspiele für jede Jahreszeit, Abbildung links, war Franz von Stokar in erster Linie ein Antiquariatsbuchhändler. Um die Jahrhundertwende führte er ein „Großantiquariat für katholische Literatur“, hervorgegangen aus einem traditionsreichen Regensburger Fachantiquariat für Catholica (näheres siehe /4/). Seine Domäne war die „Übernahme von Partien“, also „Modernes Antiquariat“ (den Begriff gab es damals schon!), die er dann an kleinere Sortimentsbuchhändler sowie Papier- und Schreibwarenhändler vereinzelte, hauptsächlich in Bayern und seinen (katholischen) Nachbarländern. Einen besonders guten Abnehmerkreis hatte er in den gerade überall entstehenden, mit mehr Gründungseifer als mit Kapital ausgestatteten Jugend- und Pfarrbibliotheken.

Über Franz v. Stokar gelangten mindestens 58 Nummern der Weichert-Reihe in den Handel /5/. Dass sie bibliographisch als eigene Reihe gezählt werden, erklärt sich daraus, dass Franz v. Stokar das Titelblatt gegen ein neues mit seinem Namen austauschte. Da es sich um bereits fertig gebundene Bücher handelte, die er übernahm, wurde das ursprüngliche Titelblatt bis auf einen schmalen Falz herausgeschnitten und das neugedruckte Titelblatt daran angeklebt. Es war also ganz anders als bei der oben beschriebenen, von Weichert für Spaarmann hergestellten Ausgabe. Dort wurde der neu gedruckte Titelbogen bereits in der Buchbinderei getauscht.

Stokar gestaltete das Titelblatt neu, um die Herkunft aus dem Weichert-Verlag zu verschleiern. Jeder Hinweis auf die ursprüngliche Reihe, wie die Bandzählung oder die namentliche Nennung des Übersetzers ist weggelassen worden. Allerdings vermied er den Begriff „Verlag“, da er keinerlei über die Verramschung hinausgehenden Rechte hatte. Nebenstehend im Vergleich zwei Titelseiten desselben Romans Ein Lotterie-Los:

Vergleich

Weitere Erkennungsmerkmale der Stokar-Reihe sind:

Schlussseiten mit Verlagsanzeigen von Weichert sind herausgetrennt. Wenn das nicht möglich war, weil zum Beispiel das letzte Blatt auf der einen Seite noch mit Romantext, auf der Rückseite aber mit Reklame bedruckt war, dann verklebte Stokar einfach das letzte Blatt mit dem fliegenden Vorsatz.

Schwärzung der Verlagsangabe „Verlag von A. Weichert Berlin NO.“ auf dem Vorderdeckel (Anm.: Nur bei den ersten acht Bände der Weichert-Reihe gegeben, siehe Bildergalerie). Bei den Korrekturen am Einband war Stokar jedoch offensichtlich nicht konsequent, denn sowohl die Bandzählung auf dem Rücken, als auch das Weichertsche Verlagssignet auf dem Hinterdeckel verraten die wahre Herkunft. Siehe dazu das rechte Beispiel aus der Sammlung Scholz.

Bei etwa der Hälfte der bekannten Exemplare ist das häufig sehr deutschnational ausgefallene Vorwort der beiden Übersetzer Paul und Walter Heichen herausgetrennt. Warum nicht alle Exemplare davon betroffen sind, ist uns unbekannt, wir wissen auch nicht, ob dies nicht erst später geschah. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass Stokar auch an das dem deutschen Buchhandel angeschlossene Ausland lieferte, wo diese nationalistische Tonart nicht so gut ankam.

Auf welchen Zeitraum können wir die Reihe datieren?

Oder anders gefragt, wann und wie gelangten Bestände aus der Weichert-Reihe an Stokar? Sicher war es nach 1903 /4/, mehr wissen wir nicht. In /4/ habe ich zwei Thesen vorgestellt:

Etwa 1906/07 wurden die ersten sechs Serien (zu je 10 Bänden) von Weichert neu aufgelegt. Dabei wurde die auf den Schlussseiten abgedruckte Verlagswerbung auf den neuesten Stand gebracht. Die Restbestände an ursprünglichen, jetzt bzgl. der Inserate veralteten Auflagen, wurde an Stokar abgegeben, der sie, wie oben beschrieben, in seinem Sinne redigieren durfte. Damit könnte man das Erscheinungsdatum der Stokar-Reihe an der Jahreszahl 1907 festmachen.

Die Bände stammen aus Lagerüberständen beim Hauptkunden Weicherts, dem Kaufhauskonzern Wertheim. Da Weichert nur „bar“, also ohne Remissionsrecht verkaufte, musste Wertheim unverkäufliche Exemplare nach einiger Zeit verramschen. Dadurch erhielt Stokar kontinuierlich Nachschub, vermutlich über den an Wertheim angeschlossenen Globus-Verlag, der die Buchhandelsgeschäfte für die Wertheim-Häuser abwickelte. Dem war es egal, was Stokar damit machte.


Ergänzung durch den Herausgeber dieser Seite
Es bleiben noch Fragen

Zu den Ausgaben von Stokar gibt es noch ein Rätseln zu einer Sonderform der Bindung die so gar nicht in das Schema passen will. In mehreren Exemplaren tauchen Ausgaben von Stokar auf, die rein äußerlich an eine frühe Broschurausgabe von Weichert erinnern, die aber abweichend dazu einen einheitlich grünen Rücken ohne Beschriftung haben und deren Buchdecke mit Pappe verstärkt ist. Der Rücken ist außen neutral ohne einen Aufdruck. Alle anderen Erkennungsmerkmale, wie weiter oben genannt, sind identisch.  Ich selbst vermute eine ähnliche Aufbereitung der Ausgaben wie oben von Norbert beschrieben, nur dass in diesen Fällen jeweils eine Broschurausgabe als "Ausgangsmaterial" diente. Bildbeispiele: Von links Robur, der Eroberer; CF /2812/ im Detail und weitere Beispiele.
                                                                                            A. F.

Beispiel Stokar Beispiel stokar Beispiel Stokar Beispiel Stokar

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Copyright © Text: Norbert Scholz, Gestaltung und Ergänzungen: Andreas Fehrmann – 9/2010, letzte Aktualisierung 14. Dezember 2018