A. Weichert Verlag: Verlagsgeschichte und Beginn der Jules-Verne-Adaptionen



Diese Seite entstand in Zusammenarbeit mit Norbert Scholz.


Quellenangaben:

/1/ Anonym: Das Buch im Spiegel seiner Zeit. 90 Jahre A. Weichert Verlag Hannover-Berlin. 1872-1962. Hannover 1962; CF /5729/; Das Bild von August Weichert ist von Walter Kellermann (von mir nachbearbeitet)

/2/ Kosch, G. und Nagl, M: Der Kolportageroman. Bibliographie 1850 bis 1960 (Repertorien zur Deutschen Literaturgeschichte 17). Stuttgart / Weimar 1993

/3/ Galle, Heinz J.: Verlag August Weichert, Hannover-Berlin. In: Schegk, Wimmer (Hrsg.), Lexikon der Reise- und Abenteuerliteratur, Teil 4: Verlage, 8. Erg.-Lfg. Dezember 1990, S. 1-18

/4/ Zitat aus der Zeitschrift Deutscher Buch- und Steindrucker, aus /17 Zitat von Seite 7

/5/ Rühle, Reiner: Böse Kinder : Kommentierte Bibliographie von
Struwwelpetriaden und Max-und-Moritziaden mit biographischen Daten zu Verfassern und Illustratoren;
Bibliographien des Antiquariats H. Th. Wenner 4, Osnabrück 1999, S. 41

/6/ Brandenberg, Verena: Rechtliche und wirtschaftliche Aspekte des Verlegens von Schulbüchern in:Hrsg. Rautenberg und Titel: ALLES BUCH - Studien der Erlanger Buchwissenschaft 18, 2006, ISBN 3-9809664-8-8, Seite 25

/7/ Verlagsnachrichten vom 29.4.2002 auf www.buchmarkt.de

/8/ Galle, Heinz J.: Volksbücher und Heftromane Band 3: Die Zeit von 1855 bis 1905 – Moritatensänger, Kolporteure und Frauenromane. Lüneburg 2006

/9/ Thadewald, Wolfgang: [Werkverzeichnisse.] Verne, Jules. Bibliographie, in: Schegk, Wimmer (Hrsg.), Lexikon der Reise- und Abenteuerliteratur, Teil 1: Autoren, Meitingen 1988ff. 42. Erg.-Lfg. März 1999, S. 1-46; 43. Erg.-Lfg. Juli 1999, S. 47-92; 44. Erg.-Lfg. Nov. 1999, S. 139-182

/10/ Hinrichs' Funfjahrs-Katalog der im deutschen Buchhandel erschienenen Bücher, Zeitschriften, Landkarten; Band 9, Teil 1, Leipzig 1896, Seite 623




Verlagsgeschichte

Weichert PortraitAugust Weichert (14. April 1854 bis 25. Okt. 1904, Bild links /1/) kam als junger Mann nach Berlin in einer Zeit, die uns heute durch den damaligen wirtschaftlichen Aufschwung als Gründerzeit bekannt ist. Er begann seine Verlagsarbeit am 1. Oktober 1872 in der Barnimstr. 48, im Berliner Nordosten. Zwar beendete die Weltwirtschaftskrise 1873 kurz nach Verlagsgründung diese Phase der industriellen Hochkonjunktur, aber insgesamt gesehen brachte die Zeit vor der Jahrhundertwende bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs 1914 eine anhaltenden Steigerung des Wohlstandes. An diesem hatten auch die breiten Massen, wenn auch im bescheidenen Umfang, teil. Zu dem „Luxus“, den man sich gönnte, gehörte auch der Kauf von Literaturerzeugnissen. Genau das hatte Weichert erkannt. Er war angetreten, um mit preiswerter Literatur die Lesebedürfnisse der einfachen Leute zu befriedigen, waren doch bis dato die Buchproduktionen der renommierten Verlage dem zahlungskräftigen Bürgertum vorbehalten. In den Anfangsjahren war er spezialisiert auf den Vertrieb von Kolportageromanen, eine Literaturgattung, die ihren Erfolg dem sozialen Wandel in den neuen städtischen Ballungszentren verdankte. Ihr Name leitet sich her von der Verbreitung durch den so genannten Kolportage-Buchhandel, der letztendlich eine Weiterentwicklung herkömmlichen Bücher-Hausierens darstellte. Verlagstechnisch gesehen handelt es sich bei den Kolportageromanen um ellenlange Fortsetzungsromane, die in Einzellieferungen unter das Volk gebracht wurden. Ein Heft kostete in der Regel 10 Pfennige und einhundert Lieferungen und mehr pro Roman waren die Regel. Der weiter unten angeführte Kolportageroman Der Scharfrichter von Berlin zählte zum Beispiel 3120 Seiten, aufgeteilt in 130 Lieferungen von je 24 Seiten /2/. Die Spannung in der Handlung und damit der Anreiz zum Bezug des Folgeheftes wurde durch die Cliffhanger-Methode aufrecht erhalten, ein Verfahren, welches noch heute in Fernsehserien angewandt wird (siehe dazu weitere Erläuterungen auf der Filmseite: Cliffhanger Serial“ Mysterious Island – USA 1951). Das dies notwendig war, war der knappen finanziellen Situation der Käufer geschuldet, von denen in der Regel weniger als zwanzig Prozent bis zur letzten Lieferung durchhielten. Dies war der Unterschied zu Abonnements, wie sie zum Beispiel von Hartleben bei den Lieferungsheften der Bekannten und Unbekannten Welten praktiziert wurden. Siehe dazu die Beispiele Lieferungshefte / Livraisions bei Hartleben und Hetzel.

In den 90er Jahren folgten dann die ersten Klassikerausgaben, die bis zur Jahrhundertwende auf zweiundzwanzig Autoren anstiegen. Daneben gab es eine Vielzahl populärer Reihen, wie Weicherts Criminal-Bibliothek oder die blutrünstige Sammlung interessanter Briganten-Romane. Das größte Projekt dieser Kleinschriftenreihen war Weicherts Wochenbibliothek. Diese Heftreihe startete 1897 und war noch während des 1. Weltkrieges auf dem Markt /3/. Durch das zielgerichtete Angebot von preiswerter Ware in Massenauflagen, galt der Verlag um die Jahrhundertwende als „Der größte Volksschriftenverlag in Deutschland“ /4/

Als der Firmengründer 1904 überraschend starb, übernahm sein ältester Sohn Otto Weichert (22. November 1879 bis 9. Oktober 1945) die Geschäfte. In dieser Aufgabe wurde er später von seinem Bruder Max Weichert (17. April 1884 bis 16. Oktober 1945) unterstützt, der auch gleichzeitig die Leitung der Druckerei übernahm. In der Zeit von 1901 bis 1909 erfolgte die Herausgabe der ersten und umfassendsten Verne-Edition im Hause Weichert. Inzwischen waren die Klassikerausgaben zum festes Standbein geworden. Siehe dazu rechts einen Ausschnitt einer Anzeige aus dem Novitäten-Anzeiger für den Kolportage-Buchhandel Nr. 12 1900 -243, Seite 8. Neben den Angeboten an Jugendlektüre formten sie das Profil des Verlages in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg. Für das Jugendbuchprogramm zeichnete Walter Heichen verantwortlich, der als Schriftsteller, Lektor und Übersetzer agierte. Seine Berufung als Schriftsteller konnte er allerdings bei einigen Übersetzungen nicht ganz unterdrücken und so fielen sie recht frei aus. Am Werk Vernes lässt sich das recht gut nachvollziehen. Schon sein Vater Paul Heichen hatte den gleichen Arbeitsstil.

In den Zwanziger Jahren wuchs das Verlagsprogramm auf über dreihundert ständig lieferbare Titel an. Im „Dritten Reich“ forderte das politische Umfeld eine Beschneidung des Verlagsprogramms, viele Schriftsteller wurden rigoros verboten und während des Krieges wurden die Verlagsaktivitäten stark eingeschränkt. In den letzten Kriegstagen wurden Verlag und Druckerei, mitten in Berlin liegend, fast völlig zerstört. Nach 1945 fielen die Reste der Firma in den Zuständigkeitsbereich der Sowjetischen Militär-Administration, die jedoch schon 1946 eine Verlagslizenz erteilte. Zeitgleich war von Dr. Eugen Ottow, einem Bekannten Felix Weicherts, in Hildesheim der Verlag Jugend und Volk neu gegründet worden. Dieser verlegte, wie auch schon der Vorgängerverlag, mehrere Titel des jetzt Ostberliner Weichert-Verlages in Lizenz, darunter auch mehrere Verne-Romane. 1950 wurde der Weichert-Verlag in Ostberlin / Friedrichshain enteignet und das komplette Verlagsarchiv vernichtet (Fakten aus /1/ und /3/). 1951 fusionierte das Haus Weichert mit seinem Lizenznehmer, dem Verlag Jugend und Volk in Hildesheim, und wurde unter dem Namen A. Weichert in Hannover eingetragen (Fakten aus /5/). Dort und im kleineren Umfang mit einer Außenstelle in Westberlin, setzten die Nachfolger, der jüngste Bruder Felix Weichert und der langjährige Prokurist Hans Limberg, ihre Arbeit fort. Sämtliche Verlagsgebiete mit Ausnahme der Jugendbuchproduktion wurden aufgegeben. Nach mehreren Umwandlungen gehörte die Firma seit Ende 1998 zur Sauerländer-Gruppe, die 2001 von der Cornelson- Verlagsholding übernommen wurde /6/. Am 30. Juni 2002 wurden alle Aktivitäten des A. Weichert Verlags eingestellt. /7/

Frühe Verne-Titel im Verlag August Weichert

Buch Em4il von NordEtliche Jahre, nachdem Jules Verne im deutschsprachigen Raum durch die Editionen von Hartleben bereits zu einem viel gelesenen Autor avanciert war, findet man seine gängigsten Werke auch versteckt in den schier endlos langen Titellisten der bereits schon erwähnten Heftreihen, die billige Unterhaltungsliteratur als Lesestoff für breite Massen boten, und mit reißerische Überschriften vor allem die Jugend anzog. So auch die programmatisch als Jugend- und Volksbibliothek titulierten Reihe von Friedrichs & Co., Verlagsanstalt in Berlin, gegr. 1888. In ihr finden wir aus dem Jahre 1893 Die Reise um die Welt in 80 Tagen. Frei nach Jules Verne von Rich. Krone (Band 7), Die geheimnisvolle Insel. Eine Erzählg. v. Heinr. Schläger (Band 8) und Zwanzigtausend Meilen unter dem Meere. Erzählung von Emil von Nord (Band 33) /8/.

Besitzer von Friedrichs & Co., zu der auch eine Druckerei gehörte, war ein gewisser Hans Heinrich Schefsky. Er entstammte einer jüdischen Kaufmannsfamilie namens Sochaczewsky aus Breslau, den Kurznamen legte er sich vermutlich aus gesellschaftlichen Gründen zu. Wie dem auch sei, sein Name wäre längst in Vergessenheit geraten, wenn er nicht durch sein Pseudonym „Victor von Falk“ in die Literaturgeschichte eingegangen wäre. Unter diesem Pseudonym schrieb er 1889/90 den berühmtesten Kolportageroman aller Zeiten, Der Scharfrichter von Berlin. Dessen Verleger war August Weichert.

Weichert gelang es in der Folgezeit, Schefsky alias Victor v. Falk als erfolgreichen Hausautor ganz an sich zu binden. Die Geschäftsbeziehung ging sogar soweit, dass Schefsky im Jahre 1894 seine Druckerei an Weichert verkaufte (aus /1/) . Weichert übernahm auch den Verlag der Jugend- und Volksbibliothek, die er unter dem Reihentitel Indianer- und Volksbibliothek weiterführte. Hier erschien dann 1896 als Band 87 und – nochmals als Neudruck 1901 – als Band 317 Emil von Nords Eine Reise nach dem Mittelpunkt der Erde. Eine Erzählung für die Jugend. Emil von Nord war ein typischer Autor von Trivialliteratur, der neben eigenen Schöpfungen vor allem schon bekannte Werke ohne sich um den Urheberschutz zu kümmern, nacherzählte. Beispiel oben links: Aus James F. Coopers Der rote Korsar wurde bei Weichert um 1905 das Buch Der rote Seeräuber (64 Seiten, Format 18,5 x 12,5 cm; Collection Fehrmann). Genau so dreist schuf er die Kurzfassungen der genannten Romane Jules Vernes, die eigentlich mehr „ausgeschmückte Inhaltsangaben“ sind. Ich habe sie hier trotzdem vorgestellt, weil sie in der defacto offiziellen deutschen Jules-Verne-Bibliographie aufgeführt werden /9/, und auch deshalb, um die in /1/ getroffene Feststellung „Bereits im Jahre 1895 erschien der erste Band … »Die Reise um die Erde« … ", die immer wieder im Zusammenhang mit Weicherts Verne-Edition zitiert wird, etwas gerade zu rücken. Die Titelliste rechts ist vermutlich der Grund für den Irrtum. Sie ist ein Auszug aus Hinrichs’ Fünfjahrs-Katalog 1891 bis 1895 und führt Die Reise um die Welt … und Die geheimnissvolle Insel auf /10/. Als die Werke, wie darin richtig dargestellt, [18]93 erschienen, war noch Schefsky der Besitzer der Jugend- und Volksbibliothek, als dann 1895 die Bibliographie zusammengestellt wurde, war es schon Weichert.

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Copyright © Andreas Fehrmann – 8/2010, letzte Aktualisierung 27. Januar 2016