Der Charme des Holzstichs – Die Originalillustrationen der Voyages Extraordinaires




Meine nebenstehende Ausarbeitung wurde vorab in der NAUTILUS Nr. 8, April 2006 veröffentlicht










QUELLVERWEISE und weiterführende / genutze Literatur- und Recherchehinweise:

/1/ Karl Max Kober: Stichel – Nadel – Druckpresse, Edition Leipzig 1981 (Liz. Nr. 600/23/81; Best. Nr. 592 688 6) Zitat von S. 9/10

/2/ John de Pol (N.A.): HOW TO MAKE A WOOD ENGRAVING

/3/ Halbey, Schutt-Kehm, Stümpel, Wild: Schrift – Druck – Buch; Im Gutenberg-Museum; Verlag Philipp von Zabern, Mainz am Rhein 1985; ISBN 3-8053-0823-X

/4/ Jules Verne Die Kinder des Kapitän Grant; Kartenausschnitt aus einer Hetzelausgabe und der ottomanischen Edition von Asaduryan Sirketi Mürettibiye aus Istanbul 1890 ; CF /0506/

/5/ Die Anzahl der Bilder bezieht sich auf eine Ausarbeitung von Aleš Durčák vom Museum Zdenek Burian in Štramberk. Da die biographischen Angaben lückenhaft waren, wurden sie von mir ergänzt. In der Originalübersicht war noch Burian (1905 bis 1981) mit zirka 440 Verne-Illustrationen (in Form von Zeichnungen) angegeben, der aber zur Listung der Altausgaben nicht gehört.

/6/ Pleticha, Heinrich - Hrsg: Das Jules Verne Handbuch; Edition Stuttgart, 1992 ; Detailangaben siehe Quelle /5502/ 

/7/ Arthur B. Evans Beitrag The Illustrators of Jules Verne’s Voyages Extraordinaires aus den Science Fiction Studies XXV:2 (July 1998): 241-70.



Der Charme des Holzstichs

Bei der Faszination der Bücher Vernes geht ein besonderes Flair von den Originalillustrationen aus. Die alten Holzstiche tragen noch heute dazu bei, dass sie mit ihrem Charme und dem Hauch der Nostalgie eine eigenartige Stimmung verbreiten. Gleichzeitig vermitteln sie uns aber auch die direkte bildhafte Umsetzung der Vorstellungen des Autors, welche damals, zur Entstehungszeit der Bücher gewünscht wurde. Denn die Gefahr bei neuen Illustrationen besteht in zwei Risiken: Zum Teil werden durch die zeitliche Differenz zwischen Entstehungszeit des Buches und den neu gestalten Auflagen aktuelle Entwicklungstrends in die Bilder hineininterpretiert, oder gerade wie bei Illustrationen aus den siebziger Jahren zu beobachten, unterliegt man Zeit- und Modetrends, welche nicht den ursprünglichen Geist der Bücher widerspiegeln.

Blicken wir also zurück auf die Entstehungsgeschichte der von uns so beliebten Holzstiche der Verneeditionen. Als der Verleger Pierre-Jules Hetzel in Periodika die Verne-Romane erstveröffentlichte und später seine Prachtausgaben der Voyages Extraordinaires verlegte, da stand der Holzstich und sein Einzug in die Drucktechnik in voller Blüte. Hervorgegangen war der Holzstich aus der Holzschnitttechnik. Diese grafische Technik hatte mehrere hundert Jahre in der Drucktechnik dominiert. Heute sind beide Verfahren nur noch in der künstlerischen Reprotechnik üblich.

WerkzeugBeim Holzschnitt werden, wie es der Name schon sagt, Linien und Formen in eine Holzplatte geschnitten. Beginnend mit einer Zeichnung auf der Platte, schneidet der Künstler entlang der Linien und die Flächen werden so herausgearbeitet, dass die zu druckenden Linien als Stege stehen bleiben. Materialgrundlage der Holzschnitte sind Langholzplatten, also in Faserrichtung geschnittenes Holz. Wenn man aber kleine Hirnholzscheiben zusammenleimt, also Holz welches quer zur Faser geschnitten wurde, dann entstehen daraus die so genannten Hirnholzplatten. Aus diesen lassen sich mit Stahlsticheln feine und feinste Linien herausarbeiten. Dies nennt man dann Holzstich. (Bild links: Werkzeug des Graveurs aus /2/)

Besonders geeignet dazu ist Buchsbaumholz, denn aus diesem Material lassen sich Druckauflagen von bis zu 200.000 Abzüge herstellen. Mit einer anderen Verfahrensweise, dem klischieren, wird das Original in Blei abgegossen und dann in Folge zusammen mit den Lettern im Hochdruck gedruckt. Dies ermöglicht eine nochmalige Anhebung der Auflagenhöhe.

KomplettbildDetail„Erst am Ende des 18. Jahrhunderts … erkannte der Engländer Thomas Bewick (1753 – 1828) die große künstlerische Bedeutung des Verfahrens. Das war zu einer Zeit, als man begann, Bücher mit genauen Abbildungen für wissenschaftliche Zwecke, zum Beispiel mit Darstellungen von Maschinen, Geräten, Instrumenten, aber auch mit Reproduktionen von Gemälden auszustatten.“ /1/. Eine meisterliche Umsetzung dieser Technologie gelang dem Franzosen Gustav Doré (1832 bis 1883) mit seinen Werken. In vielen Quellen wird er als Paradebeispiel des Siegeszuges des Holzstiches angesehen, aus diesem Grunde habe aus meinem Bestand das 1863 von Doré wunderbar gestaltete Werk von Miguel de Cervantes Don Quijote von Da Mancha gewählt, und ich möchte daraus eine Detailvergrößerung zeigen. Wenn man bedenkt, dass auf einem Millimeter manchmal mehrere Linien zu sehen sind, dann kann man nur den Hut vor den Künstlern ziehen.

In der Buchkunst ist es oft so, dass eine Arbeitsteilung zwischen dem eigentlichen kreativen Künstler und dem Ausführenden der Druckvorlage gab. Letztgenannter wird in der Praxis oft als Graveur oder Stecher bezeichnet. Durch die Bezeichnung des Holzstichs als Xylographie leitet sich auch die Bezeichnung des Reproduktionstechnikers als Xylograph ab. Um die Meisterschaft der Gravur zu zeigen, hatte ich oben die Detailvergrößerung gezeigt. Man bekommt in etwa eine Ahnung, welche Mühe hinter der Vielzahl von feinsten Linien und unterschiedlichsten Formen steckt. Das Herstellen des Stiches war eine langwierige und penible Tätigkeit und die handwerkliche Arbeit beim Holzstich setzt ein hohes Maß von Fertigkeit voraus. Der Fachliteratur kann man entnehmen, dass „der Xylograf oft sein geleistetes Tagewerk abends gerade mit der Fingerkuppe bedecken“ konnte.

Gravurmaschine für SticheAus diesem Grunde begann man sich beizeiten Hilfsmittel zu schaffen. Eines davon ist der Gravierapparat. „Mit Hilfe dieser Apparate war es dem Xylographen möglich, die zur Darstellung von Halbtönen nötigen Schraffuren wesentlich schneller und sauberer auf dem Hirnholz herzustellen …. Die einfache Handhabung des Geräts erlaubte das Gravieren von parallelen, geraden Linien in gleichen und variablen Abständen….“ (Zitat und Bild aus /3/).

Die grafischen Arbeiten die wir in den Hetzelbüchern sehen, wurden eigentlich für die Formate der Vorabveröffentlichungen in den Magazinen des Verlagshauses geschaffen. Dies ist der Grund für die nicht exakte Anordnung der Bilder bei der Drucklegung im Buchformat. Oft sind zwei Illustrationen an gegenüber liegenden Seiten anzutreffen, dann folgen wieder einige Seiten ohne Bildmaterial. Da dadurch keine exakte Übereinstimmung zwischen Text und Bild vorhanden ist, hat man die Bilder oft mit Bildunterschriften zur Erläuterung oder sogar mit Zuordnungen der betreffenden Seiten versehen. Meist gab es mehr als 60 Illustrationen pro Buch, was die Exklusivität der Ausgaben unterstreicht.

Die Wertschätzung der Holzstiche wird an einem Kuriosum der Vertragsgestaltung Hetzels offenbar: Er ließ sich von seinen ausländischen Vertragspartnern den Preis der Nachnutzung der Verne-Bücher nach Quadratzentimetern der Illustrationen berechnen. Erst später gab es einen so genannten Textzuschlag. Auch dann betrug der Ertrag aus den Illustrationen ein Mehrfaches der Einnahmen aus den Texten. Weitere Details dazu kann man vertiefend in V. Dehs Jules Verne – Eine kritische Biographie ab Seite 146 nachlesen. Ein interessantes Detail in der Nachnutzung von Stichen habe ich in einer alten türkischen Ausgabe entdeckt, die 1890 in arabischer Schrift erschien. Hier hatte man die französische Karte von Neuseeland mit der Übersetzungssprache ergänzt. Bilder unten: Die Kinder des Kapitän Grant ; französische und türkisch Ausgabe /4/.

franz. Originaltürkische Variante

Leider ist nicht immer in den Büchern, egal ob von Hetzel oder Hartleben, in der Titelei der Urheber der Illustrationen ersichtlich. Dem interessierten Leser sei daher folgende Hilfe gegeben:

In den meisten Fällen tragen die Bilder Signaturen. Üblich war es, dass zwei Signaturen vorhanden sind: Wie schon weiter oben erwähnt gab es meist eine Arbeitsteilung. So sind die größeren Signaturen meist vom Urheber der Illustration und die kleineren vom Handwerker, dem Xylographen. Manchmal lohnt sich auch ein blättern, denn öfters sind nur einige Bilder mit Signaturen versehen.

Hier eine Übersicht der „klassischen“ Illustratoren der alten Ausgaben mit der Anzahl der geschaffenen Einzelbilder, wobei auch schon die ab zirka 1885 üblicher gewordenen Zeichnungen mitgezählt wurden. Die nachfolgende Ausarbeitung habe ich ergänzt und modifiziert aus /5/:

  1. BENETT, Leon (1839-1917): 1422 Illustrationen

  2. ROUX, Georges (1850?-1929): 1020 Illustrationen

  3. RIOU, Edouard (1833-1900): 592 Illustrationen

  4. FERAT, Jules-Descartes (1829-1878 od. Lt. Arthur B. Evans 1819-1889?): 471 Illustrationen

  5. PHILIPPOTEAUX, Paul-Dominique (1846- 1923): 209 Illustrationen

  6. MONTAUT, Henri de (1830-1900): 117 Illustrationen

  7. NEUVILLE, Alphonse-Marie-Adolphe de (1835-1885): 99 Illustrationen

  8. MEYER, Henri (1844-1899): 94 Illustrationen

  9. TIRET-BOGNET, Georges (1855 -1930): 82 Illustrationen

  10. BAYARD, Emile-Antoine (1837-1891): 43 Illustrationen

  11. BEAUREPAIRE, Alfred Quesnay de (?): 29 Illustrationen

  12. MARIE, Adrien (1848-1891): 16 Illustrationen

  13. FROELICH, Lorenz (1820-1908): 15 Illustrationen

  14. YON, Edouard (1855-1930): 12 Illustrationen

  15. SCHULER, Théophile (1821-1878): 10 Illustrationen

  16. MYRBACH, Félicien (1853-1940): 6 Illustrationen

Da die alten Stiche nicht mehr dem rechtlichen Schutz des Urheberrechts unterliegen, gab es in den letzten Jahren eine Flut von Neudrucken, die sich der alten Stiche bedienten. Da öfters nur im einfachen Reproverfahren Kopien von Kopien hergestellt wurden, man scheute vielleicht aus Aufwands- oder Kostengründen die Nachnutzung alter Originale, haben dadurch viele der Stiche in der Qualität der Wiedergabe gelitten. Es gibt zunehmend Verwaschungen in den Details, so dass das eigentlich Filigrane verloren ging. Gleiches erreichte man in einer neu aufgelegten Sonderedition, in der man die Stiche nachträglich kolorierte. In einigen Ausgaben und Bildmotiven tat man zu viel des Guten und die Illustrationen wurden flächig und sind teilweise zu stark abgedunkelt.

Für die Vertiefung des Themas „Holzstiche in Vernebücher“ empfehle ich die Ausarbeitungen von Hans Ries im Jules Verne Handbuch der Buchclubedition der 90er Jahre /6/, in der er die Schöpfer der Originalillustrationen der Romane unter dem Titel Der Triumph des Holzstichs vorstellt, oder Arthur B. Evans Beitrag The Illustrators of Jules Verne’s Voyages Extraordinaires /7/


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