Collection Fehrmann

Jules Vernes Voyages extraordinaires

Die Reise um die Erde in 80 Tagen - Ergänzungsseite


Öfters hatte ich mir die Frage gestellt: Findet man beschriebene Örtlichkeiten des Buches auch in der Realität wieder?

Da ich im Sommer 2003 über eine Woche in London weilte, wollte ich die Gelegenheit nutzen, um mir auf den Spuren Phileas Foggs die von Jules Verne beschriebenen Örtlichkeiten des Romans In 80 Tagen um die Welt in anzusehen.


Fotos im Text: © 2003 Andreas Fehrmann





Referenzbuch (Quelle der Zitate im rechts stehenden Text):




Jules Verne: In 80 Tagen um die Welt – Deutsch von Sabine Hübner. Mit sämtlichen Illustrationen von Alphonse de Neuville und Léon Benett, einem Nachwort, Anmerkungen und einer Zeittafel von Volker Dehs sowie Texten von Edgar Allan Poe, Jules Verne und François Oswald zur Entstehung des Romans. © 2003 Patmos Verlag GmbH & Co KG Artemis & Winkler Verlag, Düsseldorf und Zürich; ISBN 3-538-06946-8; CF/1109/









Das die beschriebenen öffentlichen Gebäude, wie Bahnhöfe und andere städtische Einrichtungen in London real existent sind, versteht sich von selbst. Aber wie sieht es mit anderen von unseren Helden genutzten Gebäuden aus? Dazu gehört natürlich als erstes die fiktive Wohnung des Weltreisenden Phileas Fogg. Lassen wir dazu Jules Verne sprechen:

Im Jahr 1872 wohnte in der Saville Row Nr. 7, Burlington Gardens, dem Haus, wo 1816 Sheridan gestorben war, ein gewisser Phileas Fogg, Esq. Dieser Gentleman zählte zu den wunderlichsten und meistbeachteten Mitgliedern des Londoner Reformclubs, obwohl er es als eine Pflicht zu betrachten schien, niemals durch irgendetwas aufzufallen.“ /Zitat aus der links vorgestellten Quelle, Seite 5/

Wie Volker Dehs in seinen Anmerkungen zum Buch In 80 Tagen um die Welt schrieb, lebte Sheridan (1751-1816), „... Verfasser effektvoller Komödien und Staatsmann, der sich durch seine Spielsucht ruinierte ...“ nicht unter dieser Adresse. Er „ ... wohnte nicht in der der Saville Row Nr. 7 (realiter: Savile, Verne fügte ein L hinzu; heute die Straße der Herrenschneider), sondern in Nr. 14, wo er auch nicht 1814, wie es im französischen Originaltext heißt, sondern erst zwei Jahre später starb. /Anmerkung zu Seite 5, auf Seite 303/

Savile RowDie Savile Row wie sie richtig heißt, liegt im Londoner Bezirk City of Westminster und ist heute eine kleine Geschäftsstraße mit den schon erwähnten Schneidern und exclusiven Modeausstattern. Sie liegt keine zehn Fußgängerminuten vom bekannten Piccadilly Circus entfernt. Die heutige Savile Row Nr. 7 ist ein relativ neues Gebäude, welches als Lückenschließung zirka um 1970 gebaut wurde. Es trägt die Bezeichnung: Gossard House. Aber gehen wir weiter, um das tägliches Ausflugsziel unseres Helden zu erreichen:

Phileas Fogg hatte sein Haus in der Saville Row um halb 12 verlassen, und nachdem er den rechten Fuß 576 Mal vor den linken Fuß und den linken Fuß 576 Mal vor den rechten Fuß gesetzt hatte, erreichte er den Reformclub, ein mächtiges Gebäude in der Pall Mall, dessen Bau nicht weniger als 120 000 Pfund verschlungen hatte.“ /Seite 17/

Dazu ergänzt wieder Volker Dehs: Der Reformclub ist eine „In den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts gegründete Vereinigung, deren Beschreibung Verne Francis Weys Reisebericht Les Anglais Chez eux, Kap. 2, entnahm“ /Anmerkung zu Seite 5, auf Seite 303/

Unter der Überschrift: „Trinken, rauchen, spielen, diskutieren“ konnte man am 2. Juni 2003 auf ZDF.reporter folgendes lesen: „Der Reform Club war zu Jules Vernes Zeiten der liberalste der Londoner Gentlemen's Clubs. In ihnen trafen sich die jungen Aristokraten Londons, um zu trinken, zu rauchen, zu spielen und zu diskutieren. In den repräsentativen Gebäuden kamen sie häufig zusammen, machten Politik und schmiedeten Allianzen. Noch heute beherbergt der Reform Club eine geschlossene Gesellschaft: „No public, no woman“, so sind seit Bestehen die ehernen Grundsätze“. Aber kehren wir wieder zurück zum Roman.

Reform ClubDie Zeitliche Distanz zwischen den beiden Orten wird im Buch noch präziser angeben: „Um 19 Uhr 25 verabschiedete sich Phileas Fogg ... und verließ den Reform Club. Um 19 Uhr 50 schloss er die Tür seines Hauses auf und trat ein.“ /Seite 26/

Diese 25 Minuten sind als völlig realistisch einzuschätzen, da ich, mit dem Stadtplan in der Hand, zirka eine halbe Stunde benötigte, um den Reform Club in der Pall Mall Nr. 104 zu erreichen. Ein Stadtplan wird auch beim Schreiben die Grundlage Vernes gewesen sein, um detaillierter zu beschreiben und um die Entfernung schätzen zu können.

Hier links im Bild sehen wir den repräsentativen Eingang der Pall Mall 104. Dies ist also die Treppe auf der Phileas Fogg buchstäblich in der letzten Minute hinauf geeilt sein soll, um seine Wette einzulösen. Ein Haus, welches in die Literatur einging, eben ein Schauplatz der Literatur. Diskreter Weise weist kein Schild auf den Club hin. Diskret wird auch Nichtmitgliedern der Eintritt verwehrt, die eigentliche Hürde liegt nämlich erst hinter der Tür: Dort wird die Berechtigung des Betretens gründlich geprüft.

Für mich war es eigentlich die größte Überraschung, das der Reformclub wirklich existent ist. Bis vor einigen Jahren nahm ich an, dass auch dieser der Phantasie Jules Vernes entsprungen war. Erst durch die Recherchen des Niederländischen Jules-Verne-Freunds Garmt de Vries in London, den Hinweisen in der Sekundärliteratur und meinem eignene Besuch, habe ich meine Vorstellung korrigiert.

Vielleicht noch ein Detail am Rande: Auf dem Weg von der Savile Row zur Pall Mall kam ich bei einem Zigarrenhändler vorbei, der dort schon seit 1787 sein Geschäft hat. Sofort ging mir durch den Kopf: Hier hätte sich Phileas Fogg auf dem Weg zum Club schon damals seine Zigarren holen können, wenn er welche benötigt hätte. Andere Mitglieder haben es bestimmt getan. Überhaupt konnte die ganze Szenerie, wenn man sich die modernen Fahrzeuge wegdachte, einem alten Roman entsprungen sein. Britisches Traditionsbewusstsein, vor allem auch in der Architektur, assoziiert eben solche Gedanken.


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© Fehrmann 08/03, letzte Aktualisierung 6. Dezember 2015

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