Collection Fehrmann

Jules Vernes „Voyages extraordinaires"

- Band VE 20 -

Beispielbücher:


(Buch oben) © Fischer Taschenbuchverlag GmbH, Frankfurt am Main, Lizenzausgabe des Verlages Bärmeier & Nikel, Frankfurt a. M. 1967, Neu übersetzt und eingerichtet von W. Wondratschek. JV Band 12 – Fischer. ISBN 3 436 01254 8; (CF /2001/) „Neu übersetzt und eingerichtet“ ist im vorliegendem Fall gleichbedeutend mit: Gekürzt und verfremdet. Diese Texte sind die schlechtesten Versionen die auf dem deutschsprachigen Markt bekannt sind. So sind seitenweise Streichungen zum Originaltext und „Übersetzer“-Ideen wie: „Sie blickten auf ihre Armbanduhr“, „mit einem Genius eines Daniel Düsentrieb“ oder „...darüber sollte man einen Film drehen – am besten einen Tonfilm...“ zu finden. Wenn dann noch umgangssprachliche Floskeln und Äußerungen, angelehnt an die „Jugendsprache“ der 70er Jahre dazu kommen, dann wird dem schutzlosen Urheber Verne ziemlich Gewalt angetan.

Eine bessere und im deutschsprachigen Raum relativ gut beschaffbare Alternative sind die folgenden Ausgaben:




© 1984 Pawlak Taschenbuchverlag, Berlin, Herrsching. ISBN: 3-8224-1064-0 - Nachdruck v. Verlag A. Hartleben, Inh. Dr. W. Rob, Wien I. Ungekürzte, nur orthographisch angepasste Ausgabe. Pawlaks Collection Jules Verne Band 36 und 37 (Band 2, ISBN 3-8224-1037-3; CF /2002/ und /2003/).

QUELLEN:

/1/ Macé / Stahl / Verne: Magasin d'Éducation et de Récréation; 1880 - 16me année, 2me semestre, 2me volume, 32me Volume de la collection, Bildzitat von Seite 233 - CF /6608/

/2/ (Hrg.) Goldene Bibliothek der Bildung und des Wissens, Buch: Allgemeine Kulturgeschichte; Bilz Verlag Leipzig 1905; Zitat von Seite 23

/3/ Frontispiz der Originalausgabe, hier in einer Werbung aus: Macé / Stahl / Verne: Magasin d'Éducation et de Récréation; 1880 - 16me année, 2me semestre, 2me volume, 32me Volume de la collection, Seite 346 – CF /6608/

/4/ Verne Das Dampfhaus bei A. Hartleben's Verlag Wien Pest Leipzig 1882; Band 35 und 36 Bekannte und unbekannte Welten ...; 416 Seiten mit 99 Illustrationen – CF /2004/

/5/ Allahabad - The Kotwai, India 1910; CF /21122/

/6/ L'Universe Illustre, Paris 25. September 1858; CF /7211/, Bildzitat von Seite 148; Motiv CF /21328/

Der Stahlelefant (1880), auch: Das Dampfhaus

Die Originalausgabe erschien in zwei Bänden bei Pierre-Jules Hetzel in Paris. Und zwar Band I am 5. Juli 1880 und Band II am 11. November 1880. Beide unter dem Titel La Maison à vapeur, voyage à travers l'Inde septentrionale mit insgesamt 99 Illustrationen. 1882 wurde die nebenstehende deutschsprachige Ausgabe unter Das Dampfhaus bei A. Hartleben's Verlag aufgelegt (siehe Titelei rechts /4/). Frühe deutschsprachige Titel lehnte sich an das Original an, späteren Auflagen anderer Verlage gab man öfters den werbewirksameren Titel Der Stahlelefant.

Lassen wir den Autor sprechen: „Am Spätnachmittag des 6. März 1867 war in Aurungabad an allen öffentlichen und privaten Gebäuden der folgende Steckbrief zu lesen: >Gesucht wird der Nabob Dandou Pant, auch bekannt unter dem Namen ..... . Der Führer des blutigen Sipahi-Aufstandes von 1857 soll sich gegenwärtig in der Provinz Bombay aufhalten. Die Regierung hat für seine Ergreifung einen Betrag von 2000 Pfund Sterling ausgesetzt!<

So beginnt die Rahmenhandlung einer in der exotischen Kulisse Indiens spielenden Geschichte. Auch diesmal hat Jules Verne die Zutaten: Interessanter geografischer Hintergrund, eine auf Geschichtsfakten basierte Szenerie, bitterböse Schurken, edle „Hauptdarsteller“ und eine eindrucksvolle Erfindung, zusammengemischt (nachfolgendes Bild im Text: /1/).

OriginalillustrationDer anfangs gesuchte Schurke Dandou Pant, auch unter dem Namen Nana Sahib bekannt, und dessen Zwillingsbruder Balao Rao sind Führer der Sipahi, einer als blutrünstig und grausam beschriebenen Volksgruppe Indiens. Sie schrecken vor keinem Mord zurück, wenn sich ihnen Hindernisse in den Weg stellen. Doch kommen wir jetzt zu den „Guten“: Da ist zuerst der Franzose Maucler zu nennen, der die Geschichte in der „Ich“-Form eines Tagebuches erzählt. Dieser will die Baudenkmäler Indiens studieren. Dabei tut er sich mit den englischen Ingenieur Banks und dem schottischen Oberst Edward Munro zusammen. Mit dabei sind noch der Bergschotte Mc Neil als dienstbarer Geist Munros und der Freund Munros, Hauptmann Hod, ein begeisterter Jäger. Alle zusammen haben das Ziel einer Durchquerung Indiens, wobei sie eine kuriose Erfindung von Banks zusammenschmiedet: Dieser hat einen mit Dampf angetriebenen Stahlelefanten entwickelt. Zuerst als Spielzeug für einen reichen Radscha geplant, soll er jetzt als Zugmittel von zwei fahrbaren Bungalows dienen.

Die Erfindung ist ein waghalsiges Konstrukt: Eine Dampfmaschine treibt über ein Gestänge den auch von außen in Elefantenkonturen gehaltenen Stahlkoloss. Die Bewegung wird durch eine Kombination von Rädern und durch schreiten (!) der Elefantenbeine auf die Straße gebracht (wobei in allen alten Stichen keine Räder am Elefanten zu sehen sind, so dass ein „Gehen“ des Lokomobils suggeriert wird, oft auch in der Neuzeit falsch interpretiert). Durch eine geschlossene Bodenbaugruppe ist der Koloss auch schwimmfähig und seine Beine können im Wasser wie Schaufelräder zum Antrieb genutzt werden. Da diese amphibische Eigenschaft auch bei den beiden angekoppelten Wagen vorhanden ist, kann man bequem jeden größeren Fluss überqueren.

Während die Reisenden mit unterschiedlicher Motivation und unterstützt durch einen französischen Koch und anderen Helfern den Start in Kalkutta vornehmen um sich dann in Richtung des 450 Kilometer entfernten Chittra zu begeben, lernen wir noch eine für die Handlung wichtige Hintergrundinformation kennen: In der früheren Vergangenheit wurde Munros Frau auf Weisung Nana Sahibs getötet. Sie wurde lebend in einen Brunnen geworfen, der dann in Folge zugeschüttet wurde. Munro schwor daraufhin Nana blutige Rache, konnte diesen aber bis dato nicht auffinden. Spätestens jetzt erkennt der Leser wie die Karten gemischt sind, daher sind viele der aufgebauten Konflikte und „Überraschungen“ so ziemlich ohne Spannung. Die Reise beginnt und die ersten Etappen werden absolviert. So besucht man auch Khanpur, die Stelle des Schreckens der Engländer und des Todes von Lady Munro. Gerade bei dieser Reiseetappe, wie auch an anderen Stellen, werden den Engländern und Schotten Bemerkungen über Hindus, deren Willen zur Freiheit und ihrer Religionsausübung in den Mund gelegt, die ziemlich abfällig sind, aber so unkommentiert stehen bleiben. Die sonst von Verne kritisierten Vorgehensweisen der Kolonialbriten, die nicht gerade zimperlich mit der Bevölkerung Indiens umgingen, sind ebenfalls „nur erwähnt“. So bleibt auch später die Feststellung, das Oberst Munro noch vor der Metzelei der Sipahi in Khanpur die Gefährtin Nanas, der Inderin Rani, auf dem Gewissen hatte, völlig ohne eine kritische Stellungnahmeq21328 Nana Sahib 1858

HINTERGRUNDINFORMATION:

NANA SAHIB

Bild rechts: Nana Sahib in einer zeitgenössischen Darstellung einer Zeitung von 1858 /6/; Geburtsname Dhondu Pant; lebte von 1824 bis 1857, genauere Daten sind nicht bekannt.

Er war eine schillernde Person seiner Zeit. Als Adoptivsohn des Regionalfürsten Baji Rao II erhielt er eine Pensionszahlung durch die Britische Ostindien-Kompanie. Als diese eingestellt wurde und ein Rechtsstreit begann, wurde er zum Gegner der Briten. Nachdem der Sepoy-Aufstand 1857 ausbrach, wurde er dessen Oberbefehlshaber. Er und seine Truppen waren als Kämpfer gefürchtet. Nicht zimperlich in ihren Methoden, hinterließen sie eine Blutspur in den Auseinandersetzungen gegen die militärisch überlegenden Briten. Am bekanntesten, aber nicht sicher verbürgt, ist seine Beteiligung an der Hinrichtung von mehr als einhundert gefangenen britischen Frauen und Kindern, die bei der Belagerung von Bibighar von Nana Sahibs Truppen ermordet wurden. Um dieses Massaker und anderen Auseinandersetzungen ranken sich viele Legenden.

BenaresAls man sich in Benares, inzwischen 630 Kilometer von Kalkutta entfernt, befand, spottet man wieder über die Religion der Hindus, für die diese Stadt das Jerusalem Indiens ist. (Bild rechts aus /2/: Der Hindu-Tempel von Benares) Aufmerksam geworden durch die namentliche Erwähnung des Oberst Munro, heften sich ab hier Bengali an die Reisegruppe, offensichtlich Böses im Schilde führend. 130 Kilometer weiter, in Allahabad (siehe Postkarte links /5/) wird im Gegenzug Munro auf den anfangs erwähnten Steckbrief aufmerksam und er lässt Erkundigungen zum Erfolg der Suchaktion einholen. Dadurch erfährt er aus einer Zeitung vom Tode Nanas, kann dieses kaum glauben und es noch weniger fassen, dass jetzt dadurch sein privater Rachefeldzug beendet sein soll.

AllahabadZwischenzeitlich erleben die Beteiligten die tollsten Jagdabenteuer, müssen ihren Stahlelefanten gegen drei lebende Tiere im Wettkampf antreten lassen und genießen die Schönheiten Indiens. Szenenwechsel: In einer Entfernung von ein paar hundert Kilometern, im fernen Nabudda Tal, hat inzwischen Nana mit seinen Getreuen Unterschlupf gefunden. Dieses Tal wird auch von einer geheimnisvollen Frau, die sichtbar entrückt von der Welt mit einer Fackel in der Hand die Wildnis durchstreift, öfters besucht. Da die „Erscheinung“ den Ruf von Geistesgestörtheit hat, wird für die aufständischen Verschwörer keine Gefahr gesehen. Dem kundigen Jules Verne Leser ist klar, dass diese ausgelegten Handlungsfäden später zu einer Verdichtung geführt werden.

FrontispizDie Reisenden im Dampfelefanten haben inzwischen vor der Kette des Himalaja halt gemacht um ausgiebigst der Jagd nachzugehen. Ziemlich wahllos wird alles was „vor die Flinte kommt“ niedergeschossen, wobei zwei der Gruppe schon fast 50 Tiger in ihrer „Karriere“ niedergemacht haben. Während dessen lernen sie den niederländischen Tierfänger Van Guitt kennen, der im Auftrage europäischer Zoo's nach lebenden Tieren Jagd macht. Seine rechte Hand ist der Inder Kâlagani, der bei sich bei einem Duell mit Tigern durch die Rettung von Oberst Munro hervor tut. Als ein Teil der Reisegruppe im Kraal des Niederländers eingeladen ist, wird dieser von einer Meute Tiger überfallen. Ein blutiges Gemetzel Tier gegen Mensch beginnt, auf der Strecke bleiben viele Raubtiere, Zugbüffel des Tierfängers und einige der indischen Jagdhelfer.

(Bild rechts /3/). Als die Gruppe beschließt wieder nach Süden zu ziehen, bittet Van Guitt durch den Stahlkoloss doch auch seine Wagen mit den gefangenen Tieren ein Stück ziehen zu lassen. So stampft die Maschine mit neun angekoppelten Wagen durch die Wildnis, durch den sachkundigen Führer Kâlagani in Richtung Etawa zum oberen Ganges geleitet. Hier trennt sich die Gruppe vom Niederländer, aber Kâlagani mit seiner Ortskenntnis verbleibt bei den anderen Europäern.

Kurze Zeit später wird der stählerne Reiseelefant von einer Herde lebender Elefanten verfolgt. Auf Bergserpentinen ist eine Flucht unmöglich, man versucht sich bei einem nahe gelegenen See den Attacken der wild gewordenen, fast hundert Tiere zählenden, Herde zu entziehen. Aber man schafft es nicht ganz, der letzte Wagen, leider der mit Verpflegung und Munition, wird noch an Land zertrümmert. Sich mit dem letzten Wagen auf den See flüchtend kann man den Tieren entkommen. Jetzt geht aber das Brennmaterial aus und der angeschlagene Tross treibt auf dem See. Kâlagani will schwimmend Hilfe holen.

Da wird das in die Nähe des Ufers getriebene Gespann von wilden Hindus überfallen. Zielgerichtet wird Oberst Munro entführt, die anderen werden zurückgelassen. Jetzt ist auch allen klar: Kâlagani ist ein Verräter. Beginnend beim Überfall der Tiere im Kraal, hat er die Gruppe den Häschern Nanas zugeführt. Wie schon erwartet lebt dieser den sein Zwillingsbruder wurde Opfer der Engländer. Nana bindet Munro vor eine Kanone um ihm eine „englische“ Bestrafung zukommen zu lassen. Werden die Freunde Munros zur rechten Zeit Rettung bringen? Was hat es mit der „Irren“ Fackelträgerin auf sich? Diese letzten Fragen möchte ich an dieser Stelle nicht auch noch beantworten ....

Auch in dieser Geschichte hat Verne einen historischen Hintergrund in eine seinem Zyklusgedanken entsprechende „außergewöhnliche Reise“ eingebettet (siehe dazu auch die Beispiele: „Jangada“, „Nord gegen Süd“, „Der Archipel in Flammen“ oder „Familie ohne Namen“).


Wie auch in mehreren anderen Werken von Verne, taucht auch in diesem Roman der Name Baedeker auf. Als bei der Durchquerung Indiens Reisepläne zur Besichtigung der Stadt Burdwan geschmiedet werden, heißt es: „Dort wollen wir ein bißchen baedekern...“ oder später: „Khanpur ist aber mindestens ebenso bedeutend. Die Stadt hat 60 000 Einwohner, aber keinen Stern im Baedeker!“. Mehr zum Thema BAEDEKER auf meiner Seite Karl Baedeker – Ein „Vater“ der Reiseliteratur

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Hinweis: Beschrieben werden nur in meiner Sammlung befindliche Bücher und Verfilmungen. Dargestellte Bücher sind Beispiele daraus.

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Copyright © Andreas Fehrmann 01/01, letzte Aktuslisierung 25. Sept. 2018