Collection Fehrmann

Jules Vernes „Voyages extraordinaires*"

Jules Verne - Short Stories (* Dieser Band ist nicht offizieller Bestandteil der VE)

Das Original:


/1/ Musée des Familles, Vol. 21; Jahrgang 1853-54; Der zweigeteilte Text ist auf den Seiten 193-200 (Ausgabe Vol. 21 Nr. 7 vom April 1854) und den Seiten 225-231 (Vol. 21 Nr. 8 vom Mai 1854) abgedruckt. Die Illustrationen aus dem „Musée des Familles“ sind nicht identisch mit den späteren Bildern aus den Voyages Extraordinaires. CF /6730/

Im deutschsprachigen Raum erschien die Kurzgeschichte unter anderem in diesen Büchern:


oben: „Meistererzählungen“ © Diogenes Verlag AG 1967, 1977, Diogenes Taschenbuch 1977, Auflage 1991, ISBN 3 257 22416 8; detebe Band 22416 (Diese Auswahl erschien erstmals 1967 unter dem Titel „Der ewige Adam und fünf andere seltsame Erzählungen“ bei Diogenes; siehe auch unten) CF /K0301/ - Buch unten: „Ein Drama in den Lüften“, Lizenzausgabe des Deutschen Bücherbundes GmbH & Co Stuttgart München mit Genehmigung der Diogenes Verlag AG, Zürich; © 1967 by Diogenes Verlag AG, Zürich; Die deutsche Ausgabe erschien im Diogenes Verlag unter dem Titel „Der ewige Adam ...“; Bücherbundnummer: -05290/2 – CF /K0401/





/2/ Originalfrontispiz oben rechts im Text „Le Docteur Ox“ von 1874 aus „Magasin d'Éducation et de Récréation“ Macé / Stahl / Verne; Paris 1874 20me volume S. 343 – CF/6601/


Quellen / Zitate aus „Drama in den Lüften“ (siehe oben):


/3/ ebenda, Seite 41

/4/ ebenda, Seite 42

/5/ ebenda, Seite 70

/6/ Illustration aus Verne: „Le Docteur Ox“, Hetzel & Cie Paris 1875; Les Voyages Extraordinaires; mit 212 Seiten CF /K0205/; Bildzitat von Seite 96 von Th. Schuler

/7/ Bildzitat aus /1/ Seite 232

Meister Zacharius“ (1854, 1874 in Buchform veröffentlicht)

Die Erstausgabe erschien unter dem Titel „Maître Zacharius ou l'horloger qui avait perdu son âme. Tradition genevoise“ im April und Mai 1854 in der Zeitschrift „Musée... “ (Details siehe /1/). In Buchform erschien die Kurzgeschichte unter dem Titel „Maître Zacharius“ 1874 in der Sammlung von Kurzgeschichten: „Le Docteur Ox“ (Siehe Frontispiz Bild rechts /2/). Dieses Werk ist in der Complete Jules Verne Bibliography by Volker Dehs, Zvi Har'El & Jean Michel Margot“ unter II, 2. Short Stories Nr. 4 erfasst. Die Kurzgeschichte erinnert stilistisch an die wundersamen und geheimnisvollen Erzählungen von Edgar Allan Poe's, den Jules Verne als Schriftsteller sehr verehrte. Ähnlich wie später in seinen Kurzgeschichten „Frrritt-Flacc“ oder auch der „Familie Raton“ hat Verne Elemente der Phantastischen Geschichte und des Märchens verwendet.

Vor einer nicht näher definierten Zeit, die wahrscheinlich zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert angesiedelt ist, wohnt am Rande des Genfer Sees in der damals noch kleinen Stadt Genf der Uhrmachermeister Zacharius. Sein Haus und die Werkstatt ist auf einer kleinen Rhone-Insel im Zufluss des Sees gebaut, recht abenteuerlich auf schon ziemlich verrotteten Pfählen gegründet. Zacharius, Uhrmacher mit Leib und Seele, hat einige kleinere Erfindungen gemacht, die ihm als Mechaniker einen über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Ruf verschafften. Gerade seine von ihm entwickelte Ankerhemmung brachte ihn eine Anerkennung, die ihn mit Stolz, aber auch mit Überheblichkeit erfüllte. Seine Uhren, die sich durch eine hohe Genauigkeit und Präzision, gepaart mit künstlerischen Anspruch auszeichneten, waren die Grundlage für ein materiell recht abgesichertes Leben.

Zacharius der in der Abgeschiedenheit seiner Werkstatt nur noch den Umgang mit seinem Gesellen Aubert pflegte, wohnte in seinem Hause noch mit seiner Tochter Gérande und der alten Haushälterin Scholastique zusammen. Und wie es der Zufall so will: Aubert und Gérande fühlen sich zueinander hingezogen, sie planen in naher Zukunft zu heiraten. Der schon immer introvertierte Zacharius wurde immer wunderlicher. Einher ging dies mit einer rätselhaften Krankheit, die ihn noch sonderlicher machte. Dabei war die eigentliche Krankheitsursache nicht erkennbar. Er machte den Eindruck, dass er einfach dahinsiechte, irgendwie war sein innerer Antrieb nicht mehr vorhanden. Parallel zu seiner seltsamen Krankheit gab es den bemerkenswerten Vorgang, dass seine von ihm früher gebauten Uhren Probleme bekamen. Zacharius der sich als Schöpfer seiner kleinen feinmechanischen Wunderwerke sah, sah sich in seinem Stolz angegriffen.

Er hatte sich eine ganz besondere Philosophie zu eigen gemacht, die er auch seinem Gesellen vermittelte wollte, der aber eine andere Einstellung zur Arbeit hatte als der Meister. So sprach Zacharius zu ihm: „... Du fühlst nicht, dass diese Metalle, die durch meine Genialität zum Leben erweckt wurden, zu pulsieren beginnen wie lebendiges Fleisch! Deshalb würde dich der Tod deiner Werke nicht umbringen, dich nicht!“ /3/ In seiner Verblendung bekannte er Aubert, dass er „.... hinter dem Geheimnis des Lebens gekommen bin (war), hinter der geheimnisvollen Verbindung zwischen Seele und Körper!“ /4/ In weiteren blasphemischen Äußerungen vergleicht er sich zunehmend mit Gott, dem er sich durch seine Arbeit und seinen Schöpfungen zumindest gleichgestellt sieht.

Der zur Glaubensfrage erhobene Konflikt zerfrisst zunehmend Zacharius. Als dann auch noch die ersten Kunden kommen, die ihm seine inzwischen allesamt defekten Uhren zurückbringen, sieht er sich von der Welt missverstanden und er leidet zunehmend auch körperlich darunter. In dieser Phase taucht ein sonderbares Männchen auf, skuril beschrieben wie eine vermenschlichte Uhr. Dieses Männchen besuchte den Meister, verfolgte aber selbst unterwegs in der Stadt die Kinder. In welcher Beziehung stand es zu Meister Zacharius? Gérande war zutiefst beunruhigt, zumal das vor sich hin meckernden Männchen auch äußerte: „Gérande wird Aubert nie heiraten!“

Inzwischen schwant der Tochter, dass ihr Vater den rechten Glauben verloren hat. Sie beschließt, neben ihren alltäglichen Gebeten soll auch ein Besuch des Vater in der örtlichen Sankt-Peters-Kirche diesen läutern. Gerade vor diesem Zeitpunkt wurden die letzten vom Meister gebauten Uhren zu ihm zurückgebracht. Die Kunden waren rigoros: Sie verlangten ihr Geld zurück, da die Uhren unbrauchbar waren. So musste er sich im Laufe der Zeit von seinen bescheidenen Wohlstand trennen, Armut kehrte in das Haus ein. Der Tag kam und Gérande konnte ihren Vater zum Kirchenbesuch überreden, war er doch wirklich schon lange nicht mehr beim Gottesdienst gewesen, was natürlich von den Genfer Mitbürgern misstrauisch registriert wurde. Aber Zacharius ist nicht der demütige Kirchgänger. Voller Hochmut bleibt er in der Kirche stehen, die Worte von der Kanzel dringen nicht zu ihm. Da passiert etwas, was den Alten bis in sein Innerstes trifft: Die Kirchenuhr, bis dato noch genau gehend, bleibt in mitten des Gottesdienstes kurz vor zwölf Uhr stehen! Besinnungslos bricht der Greis zusammen. Nach Hause gebracht schwant ihm, das seine Zeit abgelaufen ist. Völlig geschwächt verspricht er Aubert die Hand seiner Tochter. Dann aber bäumt er sich auf. Er will nicht sterben! Einer Ahnung nachgehend durchblättert er seine Auftragsbücher. Alles Uhren wurden zurückgegeben, alle bis auf eine! In einer Art Fieberwahn bildet er sich ein, dass sein Leben an die Existenz dieser Uhr gekoppelt ist. Er muss sie wiederfinden!

Kurz darauf hat er sich aufgerafft und zur Überraschung der jungen Leute ist er verschwunden. Der „Uhrenspur“ im Auftragsbuch folgend, beschließt man dem Alten zu folgen, der offensichtlich zum Aufstellungsort der Uhr, dem Schloss Andermatt unterwegs ist. Hier spielt auch der letzte Akt der Geschichte, der voller düsterer Dramatik beschrieben wird. Als der Alte „fast toll vor Glück“ die noch intakte Uhr findet, will er sich dieser bemächtigen, ist sie doch das Synonym seines Lebens. Dies ist jetzt aber die Stunde des geheimnisvollen Männchens. Es hauste ebenfalls im Schloss und es ist der Besitzer der Uhr! Es kommt noch schlimmer: In diabolischer Manier verspricht das Männchen dem Meister die Uhr. Aber zu welchem Preis! Er fordert Zacharius’s Tochter, um diese zu ehelichen. (siehe Bild links, Zacharius mit Tochter /6/) Die Verlobten sind entsetzt!

Der schon mehrfach erhobene Zeigefinger Vernes wird nun in der Erzählung besonders deutlich. Die gesuchte Uhr, ein Meisterwerk der Uhrmacherkunst, wurde so gebaut, dass sie in regelmäßigen Abständen über eine sinnreiche Mechanik fromme Sprüche in einer Anzeige zum Besten gibt. Jetzt erscheinen aber blasphemische Aussprüche, wie zum Beispiel: „Der Mensch kann Gott gleich werden“. „Aubert und Gérande sahen sich verblüfft an. Das waren doch nicht mehr die orthodoxen Devisen eines katholischen Uhrmachers! Da musste schon der Satan mitgespielt haben!“ /5/ Wird dem Leser erst suggeriert, dass sich hinter Pittonaccio, dem wundersamen Männlein die Zeit verbirgt, wird jetzt die Parallele zum Teufel gezogen. Oder wird die Zeit als Teufelswerk angesehen? In einem furiosen Finale zerbirst die Uhr, Pittonaccio verschwand mit einer Gotteslästerung auf den Lippen im Boden und der Meister stirbt (siehe Bild rechts: Pittonaccio und der Meister in der Originalausgabe des Musee in der Sterbeszene /7/)

Nachtrag: War dies nun eine katholische Geschichte über die existentielle Gefahr in die sich ein Mensch begibt, wenn er dem Glauben abtrünnig wird? Irgendwie erinnert mich der Ansatz der Kurzgeschichte doch an die damals kursierenden Traktätchen missionierender Weltverbesserer. Sah sich der Katholik Jules Verne dazu innerlich berufen?

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Hinweis: Beschrieben werden nur in meiner Sammlung befindliche Bücher und Verfilmungen. Dargestellte Bücher sind Beispiele daraus.

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© Andreas Fehrmann 03/04, update 8. Oktober 2008