Collection Fehrmann

Jules Vernes Voyages extraordinaires

 Band VE 39-




© 1984 Pawlak Taschenbuchverlag, Berlin, Herrsching. ISBN: 3-8224-1064-0 - Nachdruck v. Verlag A. Hartleben, Inh. Dr. W. Rob, Wien I. Ungekürzte, nur orthographisch angepasste Ausgabe. Pawlaks Collection Jules Verne Band 64 und 65 Band 2, ISBN 3-8224-1065-9 (CF /3901/ und /3902/).





Quellenangaben

(Die Systematisierung bezieht sich nur auf die Nutzung für diesen Beitrag)

/1/ Verne / Hetzel / Mace: Magasin d'Éducation et de Récréation Band 57 und 58 – 1. und 2. Halbjahr 1893; Bildzitat von Léon Benett Seite 236; CF /6618/

/2/ ebenda, Chromotypgraphie von Seite 113

Die weiter unten gezeigten Illustrationen von Benett wurden im Format beschnitten und optimiert.

/3/ Harms: Länderkunde von Europa; List & Bressendorf Leipzig 1922; Bildzitat von Seite 310 (Der obere Killarney-See in Südwest-Irland)

/4/ Interview in der Pittsburgh Gazette (1902); gefunden in Volker Dehs: Jules Verne Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH 1986; Seite 109; CF /5501/

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Der Findling (1893)

Die Originalausgaben erschienen im Jahre 1893; Band I am 2. Oktober und Band II am 20. November , beide unter dem Titel P'tit Bonhomme bei Pierre-Jules Hetzel in Paris. Die Bände wurden von Léon Benett illustriert. Eine Vorabveröffentlichung erfolgte im Magasin d'Éducation et de Récréation im Band 57 und 58 vom 1. Januar bis zum 15. Dezember 1893 (siehe auch Illustrationen weiter unten). Rechts eine deutschsprachige Ausgabe von 1895 bei Hartleben (CF /3903/).

OriginalillsustrationSchauplatz der Handlung ist das ausgehende 19. Jahrhundert in Irland, der grünen Insel, dem Smaragd im Meer. Damals aber ein Ort der Armut, der Menschenverachtung und der Willkür der Landbesitzer. Wer den Roman liest ohne den Autoren zu kennen, der vermutet einen Charles Dickens Roman oder einen der irischen Schriftsteller wie die McCourts, die ausschmückend von ihrer grausamen Jugend im kalten und armseligen Irland berichten. Es ist die Geschichte eines ausgesetzten Kindes, welches nach einer grausamen Jugend, langsam aber kontinuierlich besseren Zeiten entgegen geht. Das Heranwachsen des Hauptakteurs wird als eine Odyssee des Leidens beschrieben. Die Geschichte beginnt in einem kleinen Ort, in dem sich der reisende Papiertheater-Schausteller Thornpipe mit seinem Wägelchen seine Darbietungen zeigt. Doch die Zuschauer merkten bald, dass sich hinter der automatischen Bewegung der Puppen ein Geheimnis verbarg, welches im Inneren des Wagens verborgen sein musste. Der Neugier der Betrachter war es zu verdanken, dass aus dem Kasten unter dem Wagen ein halb verhungerter, mit Peitschenstriemen gezeichneter, zirka drei jähriger Junge befreit werden konnte. Nach seinen Namen gefragt antwortet er, dass er Findling heißt. Man entreißt ihm zwar den brutalen Händen des Schaustellers, aber seine Zukunftsaussichten haben sich damit nicht verbessert.

ChromotypograhieRückblickend wird erzählt, wie Findlings schmerzvolles Leben begann. Nachdem er von seiner Mutter ausgesetzt wurde, landete er im Armenhaus von Donegal. Von dort zur Pflege an die Trinkerin Hard in Rindock „vermietet“ lernt er aber auch das erste Mal einen Menschen kennen, der freundlich zu ihm ist: Seine Pflegeschwester Sissy (eigentlich Cecilie). Diese ist mehrere Jahre älter und sie gibt ihm etwas Wärme. Als eines der drei Pflegekinder an unterlassener Hilfe und an Auszehrung stirbt, kann er vor der Megäre Hard fliehen, landete aber, wie schon erzählt, bei Thornpipe dem Schinder. (Bild oben links im Text /1/: Die Hard bei der „Erziehungsarbeit“) Vor Thornpipe gerettet kommt Findling in das Kinder-Waisenhaus, der so genannten Ragged-School von Galway. Die dort untergebrachten Kinder vegetieren dahin, werden nur vor der Öffentlichkeit weggeschlossen und müssen für ihr Auskommen und Essen selbst aufkommen. Zum Betteln und Stehlen angehalten ist es nicht leicht für den kleinen Findling unter den herzlosen Anstaltsleiter O’ Bodkin und den gewalttätigen Jugendlichen unter Führung des halbstarken Carker seine Person und seine Achtung vor sich selbst zu schützen. Aber in der Einrichtung gewinnt er den 16-jährigen Grip als Freund und Beschützer. Nach einem Zechgelage brennt die Ragged-School nieder und nur dem todesmutigem Einsatz Grips ist es zu verdanken, dass Findling mit dem Leben davon kam.

Der Löscheinsatz (Bild rechts in Farbe (!) - /2/) wird von einer durch Zufall vorbei reisenden Schauspielerin beobachtet, die Findling als „Spielzeug“ in ihre Obhut nimmt. Ausstaffiert wie eine Puppe hat er jetzt keine existentiellen Nöte mehr. Aber seinen Freund Grip hat er verloren! Der Laune der Schauspielerin folgend wird Findling in der Rolle als Waisenkind publikums- und werbewirksam in ein Schauspiel integriert. Da der vierjährige aber Probleme hat, Schauspiel und Realität zu unterscheiden, wird die Vorstellung ein Fiasko. In seinem Kostüm als Armenjunge verlässt er dass Theater um draußen auf der Straße die Freiheit zu suchen. Durchfroren und hilflos wird er von der gerade bei einer Versorgungsfahrt befindlichen Farmerfamilie McCarthy mitgenommen, um dann in der Farm von Kerwan ein zu Hause zu finden. Das Farmerehepaar Martin und Martine, ihre Söhne Pat, der Seemann ist und Murdock und Sim die auf der Farm arbeiten und deren Großmutter, sind jetzt auch seine Familie.

Aber Findling gibt die ihm entgegengebrachte Wärme auch zurück. So hilft er bei leichten Arbeiten, hütet die Schafe und führt über alle Tätigkeiten, vor allem aber über alle zählbaren Dinge der Farm Buch. Als Lohn für seine Hilfe hat er sich je Tag einen Kieselstein ausbedungen, den er wie einen Schatz in einer Tonkruke unter seinem Bett sammelt. Als er mit sieben Jahren als Taufpate für das Patenkind Jenny fungieren soll, tauft man ihn selbst kurz vorher, um den Ansprüchen der Kirche zu genügen. Dabei erhält er den Namen Edit, der sich aber nicht durchsetzt, auch später wird er von allen immer Findling genannt.

Doch nach etwas über drei Jahren ist die bis dato schönste Zeit seines Lebens vorbei. Nach Missernte und Naturgewalten kann die Familie McCarthy nicht mehr die Pachtzins für die Farm zahlen. In der Zeit als Findling von seinem eigenen letzten „Notgroschen“ aus dem Nachbarort eine heilsame Tinktur für die um das Leben ringende Großmutter holen will, stirbt die diese und zeitgleich wird die Familie vom Hof gejagt und das gesamte Anwesen wird von den Häschern des Landlords unbewohnbar gemacht. Als Findling zurückkommt steht er fassungslos vor den leeren Ruinen der Farm. Als er über Land zieht um die McCarthys zu finden, schlägt er leider die falsche Richtung ein, er verliert sie vollends aus den Augen.

KillarneyseeDurch einen wertvollen Fund den er seinem Besitzer Lord Piborne zurückgibt, wird er als Groom, eine Art niederer Bursche, auf Trelingar Castle eingestellt. Den Schikanen des Verwalters und seines direkten „Herrn“, dem dümmlich arroganten Sohn des Hauses, Graf Asthon ausgesetzt, hat er auch hier wieder eine schwere Zeit. Nur die Freundschaft zu Kat, der Wäscherin und Kammerfrau auf dem Schloss, lässt die Zeit erträglich werden. Eine Abwechslung im tristen Alltag war die Ausflugsreise der Herrschaften zum Killarneysee (Bild links /3/). Als es nicht mehr auszuhalten ist, verlässt er das Schloss mit dem Ersparten seiner Dienstzeit.

Während er den Weg in die nächst größere Stadt, nach Cork einschlägt, rettet er beherzt den siebenjährigen (!) Bob, der sein jammervolles Leben in einem Fluss beenden wollte. Die beiden tun sich zusammen und Findling wird der Beschützer Bobs.

DetailBob und Findling beginnen in Cork mit einem kleinen Hausiererhandel, so dass beide nicht betteln müssen. Aber es kommt noch besser: Findling trifft Grip, seinen Retter aus der Ragged-School wieder. Dieser ist inzwischen Seemann geworden und er freut sich über die Beiden. (Bild rechts: Grip trifft Findling und Bob im Hafen /1/) Er gibt auch den Tipp nach Dublin weiter zu ziehen um dort als Hausierer bessere Geschäfte machen. Die beiden pfiffigen Jungen nutzen die Reise dorthin, um unterwegs noch mehr Waren zu verkaufen. So haben sie in Dublin so viel „Stammkapital“, dass sie sich bei dem alten Kaufmann O’Brien sogar ein Ladenlokal mieten können. Unter dem Namen ZUM KLEINEN GELDBEUTEL – Little Boy & Co, wobei Bob für „Co“ steht, machen sie gute Geschäfte.

Jetzt hat sich das Blatt für Findling gewendet. Er kann expandieren.

DetailDadurch kann er sich Kat als Haushälterin in das Geschäft holen und als er durch Zufall Sissy wieder trifft, kommt auch sie zu ihm. Wie der Zufall so spielt, gelingt es Findling seinen Freund Grip mit Sissy zu verheiraten. Durch einen klugen kaufmännischen Schachzug kann er preiswert eine gesamte Schiffsladung erwerben, die ihm später das Mehrfache seines Einsatzes bringen soll. Bei der Überführung des Schiffes währe er aber beinahe mit der gesamten Ladung untergegangen, als das Schiff schon von der Besatzung verlasen wurde.

Der Schluss ist schnell erzählt: Findling hat die Familie McCarthy ausfindig gemacht. Nach erfolgloser Ausreise nach Australien sind sie mit dem letzten Geld nach Irland zurückgekommen (wobei mir diese Lösung als die Unglaublichste erschien ...). Findling bestellt sie zur ehemaligen Farm und als Dank zahlt er ihnen für jeden Kieselstein den er erhielt als Gegenleistung ein Pfund. Damit kann sich die Familie eine Farm kaufen und alles ist zum guten Ende gekommen.

Nachbemerkungen: Sprach ich schon oben die Ähnlichkeit zu den Romanen von Charles Dickens an, so scheint diese nicht zufällig entstanden zu sein. Offensichtlich hat Verne den dramatischen Stil des von ihm verehrten Schriftstellers nachempfunden. Den Namen des Autoren finden wir in mehreren Romanen Vernes wieder, selbst im Findling wird er erwähnt, als es um die Sprechweise des aristokratischen Lord Pibornes geht. Weitere Erwähnungen von Charles Dickens fand ich in der Reise nach Schottland, in Claudius Bombarnac und in Reisestipendien. Und er sagt selbst von sich: „Wie Sie wissen, bin ich ein leidenschaftlicher Bewunderer von Dickens. Ich finde, daß er alles hat: den Geist von Sterne, den ich ebenso oft lese und von dem ich auch ein großer Bewunderer bin; die Erhabenheit und Gefühle von echtem Schrot und Korn, und Personen, Personen, Personen, Personen, daß man um den Verstand kommt! Kolossal, einfach kolossal, wie unser Balzac war er ....“ /4/

Der Roman Findling wurde von Jules Verne in seiner Phase der Rückbesinnung geschrieben. So wie er in diesem Roman einen Hommage an Dickens schreibt, setzt er später mit der Eissphinx Edgar Allan Poe, und mit dem Zweiten Vaterland Johann David Wyss ein Denkmal. Zur Besinnung auf seine Lieblingsschriftsteller kommt aber auch sein inzwischen bekannter und ausgefeilter Schreibstil, den er bereits in anderen Romanen erprobte. Davon kann er sich auch nicht mehr lösen. Er schreibt mit dem Findling zwar einen sozialkritischen Roman, aber trotz Bemühen bleibt es eine Schilderung, die plakativ ist und in der selbst die Armut nur als stilistisches Element erscheint. Zwischen den Zeilen ist immer heraus zu lesen: Es wird schon gut gehen. Trotzdem bin ich froh, dass der Roman von Jules Verne geschrieben wurde, rundet er doch damit sein Gesamtschaffen mit einer Beschreibung der Schattenseiten des Lebens ab



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Quellenangaben zu den Zitaten:

Titel Findling 1895

Jules Verne: Der Findling; A. Hartleben's Verlag Wien Pest Leipzig 1895; 424 Seiten; CF /3903/; von dort in Originalschreibweise zitiert:

/21/ ebenda S. 95

/22/ ebenda S. 116

/23/ ebenda S. 7

/24/ ebenda S. 28

/25/ ebenda S. 37

/26/ ebenda S. 100

/27/ ebenda S. 246

/28/ ebenda S. 250

/29/ ebenda S. 317

/30/ ebenda S. 326

/31/ ebenda S. 334

Alle Fotos © Fehrmann 10/2013

Unterwegs mit Jules Verne in Irland

Im Museumsdorfunter dem DachGetreu seinem Anliegen, mit seinen Romanen den Lesern gleichzeitig eine Region nahezubringen, liest sich der Roman, gefiltert von der eigentlichen Handlung, wie eine Reisebeschreibung durch die attraktivsten Regionen und Städte Mittel- und Südirlands. Als ich 2013 gemeinsam mit meiner Frau eine Irland-Rundreise machte, fanden sich viele der im Roman erwähnten Orte in unserer von einem Reisebüro organisierten Reise wieder. Nachfolgend möchte ich einige Orte und Landschaften im Spiegel der Jetztzeit und eben als „Schauplatz der Literatur“ vorstellen.

Das TorffeuerAls Einstimmung vielleicht eine Detailbeschreibung, die wir genauso in der Realität wiedererkennen konnten. Eine der ersten positiven Eindrücke im Leben des Romanhelden Findling erhielt er auf der Farm von Kerwan. Jules Verne legte diese in den Nordosten der Grafschaft Kerry. Und genau dort besuchten wir das Kerry Bog Village heritage museum. Es ist ein kleines Museumsdorf, mehr eine Anhäufung von typischen Hütten und Ställen des 19. Jahrhunderts, welches in seinen Details die direkte bildliche Umsetzung der Romanbeschreibung  der kleinen Fram von Kerwan darstellte: „Das Hauptgebäude, das aus Mauerwerk mit Strohdach bestand, enthielt nur ein Erdgeschoß (Siehe Bild oben links), worin die Großmutter, Martin und Martine Mac Carthy und Murdock mit seiner Frau  je ein Zimmerchen bewohnten. Dazu kam ein größerer Raum mit weitem Kamin, der die Insassen des Hauses bei den Mahlzeiten vereinigte. Darüber lag, zwischen Kornböden, eine von zwei Fensterchen erhellte Mansarde (Siehe Bild oben rechts), wo Sim und auch Pat, wenn dieser einmal da war, Unterkunft fanden.“/21/ Natürlich waren auch die beschriebenen typischen Stallgebäude und selbst das davorstehende Eselchen vorhanden. Nur das Letztgenannter nicht wie im Roman Disteln sondern Heu kaute. Und im Haus? Da brannte das beschriebene Torffeuer:  Man würde nicht glauben, daß solche Eulennester menschlichen Wesen zur Wohnung dienen, ohne den bläulichen Rauch, der aus der Blumendecke hervorwirbelt. Holz oder Steinkohle erzeugen diesen Rauch freilich nicht, nur Torf aus den benachbarten Sümpfen, der »Bog« von rostbrauner Farbe, den sich die Bewohner von Rindok nach Bedarf aus der nassen Erde schneiden.“/22/ Genau dieser hatte dem Museumsdorf den Namen gegeben. Verwundert es da, dass mir manches wie ein Dejavu vorkam?

Hochland von ConnemaraGalwayAber begeben wir uns auf eine kleine Irlandrundreise mit Findling. Gleich zu Beginn der Erzählung wandert der Schausteller mit Findling von Richtung Castlebar in die Berge. „Hierauf war der Mann die gefährlichen Schluchten des Hochlandes von Connemara hinabgestiegen in der Richtung nach den Seen Mask und Corril, die einen Ausfluß nach der Clew-Bai haben."/23/ Diese Region ist typisch mit seinen Bergen, Seen (Siehe dazu das Bild links), Hochmooren und geschichtsträchtigen Baudenkmälern. Dazu zählt unbedingt das Areal von Kylemore Abbey. Ein prachtvoller Herrschaftssitz aus dem frühen 19. Jahrhundert wurde im 20. Jahrhundert in zu einer Abbey umfunktioniert. Ein Bild davon währe hier zwar sehr attraktiv in der Darstellung, aber ich wollte mich ja auf Romanbezüge beschränken. Also wieder zurück zu Findling.  

Eine Stadt die als ungeliebter Hintergrund unseres Romanheldens diente war Galway. Hier kam Findling  in der „Lumpen-Schule“ unter. „O'Bodkins war der Director der »Ragged-School« von Galway, einer Kleinstadt an der Bai und in der Grafschaft gleichen Namens, im Südwesten der Provinz Connaught. Nur hier dürfen die Katholiken Grundeigenthum besitzen, und hierher (und nach Munster) befleißigt sich England, das nicht protestantische Irland zurückzudrängen.“/24/ Heute ist Galway, im Irischen Gaillimh genannt, die Hauptstadt der Provinz Connacht und sie steht bei allen Touristen auf der Pflicht-Besuchsliste (siehe Bild oben rechts: Die alte Brücke, die von der neuen Kathedrale in die Fußgängerzone der Altstadt führt). 

Die Klippen von MoherBlick auf den Ring of KerryEine weitere Perle der landschaftlichen Schönheiten wird im folgenden Abschnitt beschrieben, denn die Handlung verlegt sich zu den bekanntesten Steilküsten Irlands: „Von hier aus kann man die ganze Bai überblicken, die zu den schönsten Irlands gehört. Da sieht man die drei Inseln Aran, die sich am Eingange erheben, wie die drei Felskegel von Vigo - eine weitere Aehnlichkeit mit Spanien - und rückwärts die wilden Bergmassen des Burren und des Clare, sowie die steilen Uferklippen von Moher."/25/ - Siehe Bild links. Uns fiel spontan noch ein anderer Vergleich ein:  Denn erst vor ein paar Monaten standen wir an der französischen Steilküste rund um Etretat (siehe dazu  Meister Antifer). Beides Landschaften, die einem Besucher ein ehrfürchtiges Staunen abringen.

Ein weiteres Muss bei Irland-Besuchern ist die nachfolgende Region: „Im Ganzen bildet diese Grafschaft Kerry ein merkwürdiges Land, das die Aufmerksamkeit der Touristen mit seinen Amphitheatern bewaldeter Höhen, seinen überraschenden Fernsichten, die durch die hyperboräischen Nebeldünste eher verfeinert erscheinen, entschieden mehr verdiente, als bisher.“/26/ Dies könnte eine Beschreibung aus heutigen Prospekten sein. Denn der „Ring of Kerry“, eine fast 180 Km lange malerische Küstenstraße um die Halbinsel des County Kerry überbietet sich in vielen Abschnitten an ständig neuen überraschenden Aussichten und eindrucksvollen Kulissen (Bild oben rechts). Für mich eine der langanhaltendsten schönen Erinnerungen der Reise.

Die Seen von KillarneyWer Kerry als Ziel hatte, der kann die Region nicht verlassen ohne einen Besuch im heutigen Nationalpark von Killarney zu machen. Namensgeber ist der Ort Killarney, der heutzutage mehr als dreizehntausend Einwohner zählt. „Für diesen kleinen Ort ist es ein von manchen Städten Europas empfundener Vorzug, am Ufer eines schönen Binnensees zu liegen, und Killarney verdankt sein glückliches Gedeihen ohne Zweifel der Kette von Wasserflächen, die sich von seinem Fuße aus hinzieht.“/27/  Zu diesem Ziel zog es im Roman Lord und Lady Piborne, die gemeinsam mit ihrem Sproß und Findling die dortigen Seen besuchen wollten. „Die Seen von Killarney bedecken eine Fläche von einundzwanzig Quadratkilometern. Es sind ihrer drei: der Obere See, der aus der Umgebung die Flüsse Grenshorn und Doogary aufnimmt; der Muckroß oder Toresee, in den sich nach einem Verlaufe längs des schmalen Lough-Range-Canals die Gewässer des Owengariffe ergießen, und der Untere See, der Lough- Leane, der durch die Lawne und einige kleinere Wasseradern am Meeresufer in die Bai von Dingle ausmündet. Die Strömung in den Seen verläuft von Süden nach Norden, so daß der Untere See also der nördlichste ist.  Das Gesammtbild der drei Wasserbecken ähnelt etwa einem gewaltigen Schwimmvogel, einem Pelikan oder dergleichen, dessen Füße der Lough-Range, dessen Beine der Obere See und dessen Rumpf der Muckroß und der Lough-Leane darstellten.“/28/ Diese wie eine Perlenkette gereihten Seen sind im rechten Bild zu sehen.

Hochmoor in WicklowGlendaloughAls Findling mit seinem Hunde-gezogenen Verkaufswagen auf die Reise ging, wählte er (vielleicht weil der Autor einen Reiseführer zu Rate zog?), eine ebenfalls bei Besuchern beliebte Region: „Als Weg sollte der längs der Küste gewählt werden, weil dieser über mehrere, nicht unwichtige Städte, Waterford, Wexford, Wicklow, und auch durch verschiedene, zu dieser Zeit stark besuchte Badeorte hinführt.“/29/ 

GlendaloughDie Route führt durch die Wicklow Mountains, die heute einer der Nationalparks Irlands sind. Siehe dazu das Bild oben links: In einem Hochmoor von Wicklow. Die Berge sind zwar nicht sehr hoch, aber hier wurde Geschichte geschrieben und die Gegend ist absolut reizvoll. Ein beliebter Halt ist Glendalough. Hier liegt an zwei Bergseen ein altes Klosterdorf, dessen Wurzeln sich bis in das frühe Mittelalter verfolgen lassen. Diese Region sieht sich heute als das spirituelle Zentrum des Landes an. 

Und so klingt die Beschreibung bei Jules Verne:  Da und dort streben Berge empor, die mit denen von Donegal und Kerry wetteifern können, schimmern herrliche Seen, wie die von Bray und von Dan, deren klares Wasser die Alterthümer an ihren Ufern wiederspiegelt. Ferner dehnt sich hier, längs des Ovocabettes, das Thal von Glendalough aus mit seinen epheuumrankten Thürmen, seinen alten Kapellen am Rande eines mit glitzernden Moränen besetzten Sees (siehe dazu das Bild oben rechts), und das Heilige Thal mit den sieben Kirchen von Saint-Kevin, wo die Wallfahrer aus dem ganzen Erin zusammenströmen."/30/ Wie an der gleichen Stelle im Bild rechts zu sehen ist.

Die Half Penny BridgeDie Bibliothek im Trinity CollegeDas Ziel der Odyssee von Findling ist ein Ort, in dem er sich mit seinem Geschäft niederlassen will. Während der Roman dort endet, beginnen die Besucher Irlands meist dort ihre Reise auf die Insel:  Dublin, die Hauptstadt Irlands, hat eine Bevölkerung von dreihundertfünfundzwanzigtausend Seelen. Verwaltet von einem Lordmajor, der gleichzeitig Chef des Militärwesens und damit überhaupt der zweithöchste Beamte der Insel ist, während ihm vierundzwanzig Aldermen, zwei Sheriffs und hundertvierundvierzig Räthe zur Seite stehen, gehört Dublin mit zu den bedeutendsten Städten des britischen Inselreichs.“/31/  Heute hat Dublin fast 530.000 Einwohner. Ab 1922 war Dublin die Hauptstadt des Freistaates Irland, heute der Republik Irland. Anbei Bilder von der Half Penny Bridge, einem beliebten Ziel für Einheimische und Besucher, sowie ein Motiv aus dem Trinity College, der renommiertesten Universität Irlands. Dort hat mich als Bücherfreund natürlich besonders die alte Bibliothek beeindruckt. 
Was bleibt ist wieder einmal der Eindruck, das unser Autor belastbare geografische Details in seinem Roman einfließen ließ. Aber während für die meisten Leser im 19. Jahrhundert, außer denen aus Irland, die beschriebenen Ziele nie erreichbar waren, können wir heutzutage diese nach einem kurzen Flug recht leicht besuchen. Wer es noch nicht getan hat, dem sei es mit diesem Beitrag empfohlen.

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Hinweis: Beschrieben werden nur in meiner Sammlung befindliche Bücher und Verfilmungen. Dargestellte Bücher sind Beispiele daraus.

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© Andreas Fehrmann 03/01, letzte Aktualisierung 11. Dezember 2015