Jules Verne - rätselhaft

LogoSeit der Gründung des  Deutschsprachigen Jules-Verne-Clubs arbeite ich in der Redaktion der Clubzeitschrift NAUTILUS mit. Vor ein paar Jahren machten wir uns Gedanken, wie wir die schon öfters angebotenen Rätsel unterhaltsamer gestalten könnten. Diese Aufgabe setzte ich um, indem ich die Rätselfragen möglichst geschickt verpackt in fiktiven Geschichten einband. Dabei gab ich mir Mühe, möglichst alle Details des geschichtlichen Umfelds, der richtigen Reihenfolge in der Verne-Biographie, der lokalen Begebenheiten und der nachweislichen Fakten passend einzubringen. Nur eben die konkrete Handlung fand nie statt und die Gedankengänge Jules Vernes sind von mir frei erfunden worden. Für die Besucher meiner Seiten die noch kein Abonnement der Zeitschrift NAUTILUS haben, oder für die Freunde, die noch mal alles kompakt  sehen wollen, habe ich diese Seite gestaltet. Sie ist eine Wiedergabe der Zeitschriftenartikel. Viel Spaß beim Lesen und Rätseln!
Nautilus 17

NAUTILUS Nr. 17 - April 2010; CF /6775/

Bildquelle:

Paule Roy / Maurice Duvanel: Amiens de Daguerre à Jules Verne; Librairie Poiré-Choqet, Amiens 1988; ISBN 29502147-2-x; Bildzitat von Seite 42; CF /5710/

Rätselauflösung:

siehe hier

In dieser fiktiven Geschichte wird die Ideenfindung zu einem Roman beschrieben. Welchen Roman Jules Vernes suchen wir in unserem Rätsel?

Monsieur Verne macht einen Spaziergang

Eigentlich hatte er sein heutiges Morgenpensum geschrieben. Zielsicher angelte er seine Sprungdeckeluhr aus einer kleinen Tasche seines Hausrocks und nach einem kurzen Blick nickte er vor sich hin, es war die richtige Zeit, die geplanten Erledigungen in der Stadt zu beginnen.

So reinigte er die Feder, schob die neu beschriebenen Papierbögen auf einen kleinen Stapel und verließ dann sein Arbeitskabinett um sich im Ankleidezimmer „stadtfein“ zu machen. Die Haushälterin hatte schon seinen Ausgehrock und alles Notwendige bereit gelegt, bestimmt war sie jetzt auf dem Markt. Seine Frau Honorine hatte vor über einer Stunde das Haus verlassen, da sie einen Termin bei ihrem Schneidermeister hatte. Sie hatte sich gar nicht erst bei ihrem Mann verabschiedet als sie das Haus verließ, denn einmal in seiner Arbeit vertieft, war Jules immun gegen Störungen alltäglicher Art. Jetzt war es ihm recht, dass keiner im Hause war, denn ihm war nicht nach Konversation. Eigentlich war er gar nicht so richtig bei Laune, denn in Gedanken hatte er sein aktuelles Projekt schon abgeschlossen, aber ein zündender Gedanke für den nächsten Roman war ihm noch nicht gekommen. Den Schauplatz hatte er sich schon auf dem Atlas ausgesucht: Irgendwo zwischen Australien, besser noch Neuseeland und den Weiten des Pazifiks sollte die Handlung liegen. Aber die richtige Inspiration zum Aufhänger der Geschichte wollte sich nicht einstellen. Die Gedanken drehten sich im Kreise. Noch einen kurzen Blick in den Spiegel, mit der Handkante korrigierte seinen Hut - er war ausgehbereit – Amiens, ich komme!

Den Boulevard Longueville hinter sich lassend, bahnte er sich etwas später  stockschwingend auf dem belebten Trottoir der Rue des Trois Cailloux seinen Weg. Frauen kamen ihm mit sichtlich beladenen Tragekörben vom Markt entgegen. Die Gemüsesaison schien in vollem Gange zu sein, die „schwimmenden Gärten“ am Rande der Stadt sorgten für ein reiches Marktangebot. Kaum hatte er die Beobachtung gemacht, war er in Gedanken schon wieder bei einem neuen Thema. Lebensmittel kaufen, allgemein die  kleinen alltäglichen Notwendigkeiten waren kein Thema für ihn, solche Dinge wurden von anderen erledigt. Nur wenn diese nicht funktionierten, so wie vor kurzem, als er Abends noch schreiben wollte und er konnte sein Arbeitskabinett nicht nutzen, da das Petroleum nur noch für die Beleuchtung des Speisezimmers reichte, dann holten ihn die lästigen Kleinigkeiten der Realität ein.

Da er nicht unter Zeitdruck stand, wollte er heute eine größere Runde machen, um sich dann zur Mittagszeit mit einem Lokalpolitiker zum Essen zu treffen. Inzwischen hatte er die alles überragende Kathedrale Notre Dame passiert, in deren Schatten sich die Häuser dicht an dicht kauerten. Aber sein Ziel lag in Richtung der Somme, die sich gleich in der Nähe in mehrere Kanalarme verzweigte. Jetzt änderte sich die Gegend: Gerade noch separat von der Straße gehend, verschmolzen jetzt Geh- und Fahrweg zu einer groben Pflasterung. Zwar befestigt, doch weit entfernt vom Standard einer größeren Stadt. Darüber sinnierend, das die Straßen und Wege in Amiens doch sehr erneuerungsbedürftig waren, ließ er seinen Blick über den Boden schweifen. Plötzlich erschreckte ihn ein dicht an ihm vorbeifahrender laut rumpelnden Einspänner. Die eisenbereiften ungefederten Räder machten auf dem buckligen Pflaster einen Höllenlärm. Verne schaute dem einachsigen Gefährt hinterher. Trotz der recht großen Räder schwankte der mit  Leinen bespannte Wagen recht unruhig hin und her. Er schüttelte seinen Kopf, dann lieber laufen, sonst wird man noch Seekrank. Schon hatten seine Gedanken eine neue Richtung eingeschlagen, er war wieder im Pazifik. Automatisch Fuß vor Fuß setzend näherte er sich kaum merklich den in gemauerten Einfassungen fließenden Wasserarm eines Kanals.

Amiens Rue FernelDie meist zweigeschossigen Häuser der Rue Fernel und der Rue Tagault trennte nur eine schmale Gasse vom Wasser. Gusseiserne Geländer sicherten den Kanalrand von der Gasse. Zwei barfüßige Jungen standen bei einem etwa ein Kopf Größeren, der es sichtlich genoss, im Mittelpunkt zu stehen. Mit einer Handangel lehnte er am Kanalgeländer, stolz zu seinen Füßen die bereits gefangene Beute präsentierend: Zwei Handteller große Weißfischchen. Der sichtbare Teil seines Angelgeräts bestand nur aus einer Schnur und einem selbstgeschnitztem Flott, welches im fast stillstehenden trüben Wasser trieb. Jetzt verlangsamte Verne seine Schritte, blieb dann in zirka zwanzig Meter Entfernung ganz stehen. Die Szenerie hatte es ihm angetan. Trotz dessen die Jungen in mitten der Stadt waren, versetzte er sie gedanklich in eine neue Umgebung. Er blendete das Haus hinter ihnen aus, auf dessen gekalkter Fassade mit schlanken Lettern gut sichtbaren die Firmierung eines Händlers stand. Genauso wie den Pferdekarren, der just in diesem Augenblick hinter den Jungs vorbei fuhr. Er sah auch nicht, dass im eingemauerten Kanal gleich neben dem Flott der Angel einige Küchenabfälle schwammen. Der Hintergrund hatte sich völlig aufgelöst. Auf einem Felsblock an einem recht schnell fließenden Fluss kauerten ein Junge. Während er versuchte mit einer Angelschnur Fische zu fangen, staksten zwei weitere Kinder zwischen dem ruhigerem Wasser einer steinigen Flachstrecke, um im Schatten der Steine nach Krebsen zu suchen. Sie mussten etwas zum Essen beschaffen! Die zwei kleinen Fischchen die bereits auf dem Stein lagen, reichten bei weitem nicht...

Vernes Spaziergang und seine Verabredung war erst einmal vergessen. Eine Gruppe von Jungens auf einer Insel... sofort erinnerte er sich an seine Leseerlebnisse seiner Jugend zurück ... diese Thematik, dieses Träumen von einsamen Inseln ... es hatte ihn nie wieder verlassen. Jetzt spann er den Gedanken weiter, ja - abseits der Zivilisation, drei oder vier Jungs? Nein, eine größere Gruppe  – das war es!

Zwei Männer näherten sich. Sie trugen schwere Lederschuhe und über ölfleckigen Hosen sah man grobe Baumwollhemden über denen sich breiten Lederhosenträger spannten. Es waren Arbeiter, die aus der nahe gelegenen Manufaktur für Feilen und Raspeln kamen. Sie wollten die kurze Mittagspause nutzen, um ihre nahegelegenen Wohnung aufzusuchen. Gerade noch eifrig plaudernd, verstummten sie und verhielten den Schritt. Sie sahen einen elegant gekleideten reifen Mann am Kanal stehen, mit zusammengekniffenen Augen, beide Hände auf dem Spazierstock gelehnt. Er beobachtete, daran gab es keinen Zweifel, die angelnden Jungs aus dem hiesigen Quartier. Jetzt erkannte einer der Männer seinen eigenen Sohn in der Gruppe. Er schien erfolgreich Fische gefangen zu haben. Sollte sich Ärger anbahnen? „Bonjour Monsieur!“ Der Vater lüftete seine schmierige Kappe: „Gibt es Probleme? Hat mein Jacques etwas Unrechtes getan?“

Die Wirkung war verblüffend – der Beobachter zuckte so zusammen, dass er fast das Gleichgewicht verlor. „Nein, nein ...“ stotterte der Mann, ergriff seinen Stock wieder mit der Rechten und ging mit eiligen Schritten in Richtung Place Vogel.

Inzwischen hatte der überraschte Verne den Kanal hinter sich gelassen. In Gedanken jedoch antwortete er dem besorgten Vater: „Ja Monsieur, es gibt Probleme. Ernsthafte, existenzielle - doch wir werden sie gemeinsam lösen, gemeinsam auf einer einsamen Insel in Mitten des Pazifiks“.

Nautilus 19

NAUTILUS Nr. 19 - Mai 2011; CF /6784/


Rätselauflösung:

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In dieser Geschichte wird wieder die fiktive Ideenfindung zu einem Roman beschrieben. Welchen Roman Jules Vernes suchen wir in unserem Rätsel?

Der einsame Mann

Jules nahm das Federmesser und spitze seine Schreibfeder an. Der eigentlich routinemäßige Vorgang brachte ihn fast zur Verzweiflung. Er hatte seinen Schreibtisch zwar schon unmittelbar an das Fenster gerückt, aber mehr Licht ließ ihn die Feder auch nicht besser erkennen. Der Graue Star schränkte ihn doch sehr ein. Missmutig befühlte er das Ergebnis. „Brauchbar ….“ knurrte er vor sich hin. Er haderte mit seinem Schicksal. Seine körperlichen Einschränkungen nahmen merklich zu. Schon seit mehreren Jahren konnte er nicht mehr schmerzfrei gehen, hatte ihn doch damals sein geistig verwirrter Neffe Gaston in den Fuß geschossen. Darüber sinnierend strich er mit der Hand über sein Bein. Mit boshafter Leere lag vor ihm ein Stoß leerer Blätter auf dem Schreibtisch.

Noch vor ein paar Tagen hatte er Louis-Jules, dem Sohn seines verstorbenen Freundes und Verlegers Pierre-Jules Hetzel vermittelt, dass er schon mitten in einem neuen Werk stecke. Geheimnisvoll hatte er ihn angelächelt. In Wirklichkeit war ihm der Stoff ausgegangen. Seine Geschichten waren eigentlich schon alle erzählt. Das weiße unbeschriebene Papier leuchtete ihm entgegen.

Langsam lehnte er sich in seinem Schreibsessel zurück, in Erinnerungen schwelgend. Seine Gedanken ließen ihn in seine Kindheit reisen. Unbeschwerte und glückliche Jahre wahren das damals. Gemeinsam mit seinem Bruder Paul sah er sich am Ufer der Loire herumtoben. In der Nähe von Nantes hatte Ihr Vater ein Sommerhaus in Chantenay, im Westen der Stadt an der Loire gelegen, erworben. Jules hatte mit Paul ein Baumhaus gebaut, auf dem sie abwechselnd Piraten, Forscher oder Ritter waren … Paul könnte sich hier in Amiens auch mal wieder sehen lassen, er selbst fühlte sich gesundheitlich nicht in der Lage Reisen zu machen. Das leichte Lächeln auf seinem Gesicht war sogleich wieder verschwunden. Er spürte die sich breit machende Einsamkeit …

Trotzdem drehte er in Gedanken die Uhr wieder zurück. Denn seine Jugendjahre waren die schönste Zeit seines Lebens. Wer einen gut situierten Notar als Vater hatte, den plagten keine Existenznöte. Da konnte man sich als Junge frei entfalten. Dazu gehörte auch, dass der Vater einiges an Geld ausgab, um seinen Jungs das Bücherregal zu füllen. Abenteuer und exotische Schauplätze waren die Favoriten. Dem Vater war es recht, wenn sich seine Sprösslinge mit Büchern zurückzogen, dann stellten sie wenigstens in der Umgebung nichts an. Jules glitt in Gedanken mit dem Finger über die Buchrücken im Regal. Manche Bücher hatte er mehrfach gelesen. Nie wieder hatte er so intensive Leseerlebnisse.  Er sah die Bücher direkt vor sich: Den „Zwölfjährigen Robinson“ von Frau Mallès de Beaulieu, den „Robinson im Wüstensand“ von Frau de Mirval, die „Abenteuer von Robert-Robert“ von Louis Desnoyers, den „Robinson im Eis“ von Fouinet. In der nächsten Reihe standen Bücher von Wyß und Cooper. Darüber nachsinnend, kam ihm plötzlich eine Idee ein. Könnte er nicht von einem seiner Lieblingsbücher einfach eine Fortsetzung schreiben? Hatte er sich nicht schon als Kind gewünscht, dass seine Bücherhelden noch weitere Abenteuer erleben sollten?

Er richtete sich auf … seine Gedanken überschlugen sich … ja … das war es! Seine Helden vergangener Tage sollten weiterleben. Energiegeladen schob er das oberste Blatt in die richtige Position und seine Feder kratzte über das Papier:

Die schönere Jahreszeit begann wieder in der 2. Woche des Oktobers, des ersten Frühlingsmonats der südlichen Erdhälfte. Der Winter unter dem 19. Breitengrade zwischen Äquator und Wendekreis des Steinbockes war nicht sehr rau gewesen. …

Nautilus 20

NAUTILUS Nr. 20 - Oktober 2011; CF /6785/

Bildquelle:

Ein Bild zum Rätsel, aber nicht die Lösung: Jules Verne Clovis Dradentor; Hetzel 1886;  Bildzitat zu Seite 50; CF /4303/

Rätselauflösung:

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Lapin aux Pruneaux – oder wie ein Mittagessen die Literatur beeinflusste

Die diesjährige sommerliche Hitze ließ in Paris das Pflaster flimmern. Staub wurde von den Gespannen aufgewirbelt. Das quirlige Treiben der Rue de Richelieu hinter sich lassend, tauchte Jules Verne in die Räumlichkeiten der Bibliothèque nationale ein.

Bild aus DardentorEr musste sich eingestehen, dass die Hitze und die innerstädtische Hektik ihn zunehmend anstrengten. Jetzt am Stadtrand von Paris im idyllischerem Auteuil lebend, genoss er zunehmend die Beschaulichkeit und Ruhe. Er brauchte nicht ständig hunderte von Pferdedroschken, fliegende Händler und einen nicht abreißenden Fußgängerstrom. Noch vor einer halben Stunde hatte er mit seinem Verleger ausgiebig gespeist. Monsieur Hetzel hatte sich aus einer Laune heraus ungewohnt spendabel gezeigt.

Jetzt hätte sich Jules eigentlich zu Hause ein Mittagsschläfchen gönnen können. Aber erstens war er schon mitten in Paris, da bot sich der fast routinemäßige Besuch der Bibliothek an, und zweitens war er mit seinen Recherchen in Verzug. Er brauchte noch ergänzende Details zu einer australischen Provinz. Seine Wünsche hatte er schon zwei Tage vorher geäußert und Pasquale, einer der dienstbaren Geister der Bibliothèque Impériale, erwartete ihn schon mit einem kleinen Stapel von Journalen und mehreren Büchern.

Er quittierte den Empfang und suchte sich einen Platz in einem der Leseräume. Es wurde Zeit, dass die Bauarbeiten für den großen Lesesaal beendet würden, denn er fand kaum genügend Platz, um sich auszubreiten. Kaum hatte er sich gesetzt, spürte er wieder die aufkommende Müdigkeit. Die Völlerei machte sich bemerkbar. Aber das Lapin aux Pruneaux, ein wirklich köstlich zubereitetes Wildkaninchen, hatte ihn mehr essen lassen, als vernünftig war.

Er begann zu blättern und seine Zettel füllten sich mit Notizen: Fakten, Namen und Ereignisse. Zunehmend ging es flüssiger, er kam in Form. Als er sich an der Besiedelungsgeschichte von Victoria „fest las“ stutzte er beim Stichwort Kaninchen. Ein Thomas Austin, ein 1815 in England geborener Siedler, sollte vor kurzem, im Jahre 1859, diese in Australien eingeführt haben. Unwillkürlich musste er wieder an seine Schlemmerei heute Mittag denken. Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.

Eigentlich sollte man diesem Mann ein Denkmal setzen. Konnte er den Namen nicht in seiner Geschichte einbauen? Die Namensgebung des in der Handlung agierenden Siedlers hatte er schon abgeschlossen, welche Personen hatte er noch nicht „getauft“?

Schmunzelnd nahm er ihn auf die Mannschaftsrolle des Schiffes, welches maßgeblich in seinem Roman beteiligt war.

„So mein Kaninchenfreund …. die Lesewelt soll an dich denken!“

Eine komplett erfundene Episode die sich um die Person eines Verne-Romans rankt.  Wie heißt der Roman?



Nautilus 21

NAUTILUS Nr. 21 - April 2012; CF /6792/

Bildquelle:

Szenenbild aus  Auf der Suche nach Kapitän Grant, UdSSR 1985, Regie Stanislaw Goworuchin (Das Bildmotiv ist reine Dekoration, ist weder echt noch hat es etwas mit dem Rätsel zu tun)

Rätselauflösung:

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Gewitterwolken am Olymp

 Erschrocken über sich selbst, hatte er das schwere Eingangstor doch lauter in das Schloss fallen lassen als beabsichtigt. Doch dies war nur ein äußeres Zeichen seiner inneren Bewegtheit. Jetzt stand Jules Verne wieder im hellen Sonnenlicht der Rue Jacob 18. Noch ein paar Stunden zuvor hatte er geglaubt, dass sein Besuch in Paris erfolgreicher verlaufen würde.

Sein letztes Manuskript hatte er erst vor etwa zehn Tagen Pierre-Jules Hetzel übergeben. Zwar hatten sie im Vorfeld bereits über das Romanprojekt gesprochen, trotzdem war er wie immer neugierig auf die Einschätzung seines Verlegers. Diese war aber diesmal ganz anders ausgefallen als erwartet. Schon nach wenigen Tagen war die erste schriftliche Reaktion Hetzels eingetroffen. In der Morgenpost fand er dessen Brief, in der ihm eigenen krakeligen Schrift. Hetzel hatte zwar noch nicht den kompletten Text durchgelesen, aber entsprechend seiner Sichtweise, die eben auch die eines Geschäftsmannes war, hatte er zuerst einmal Beginn und Schluss des Romans gelesen, um sie auf ihre Publikumswirksamkeit zu prüfen.

HETZEL als FilmkulisseUnd der Schluss war es, der komplett seiner Kritik zum Opfer fiel. Schon in diesem ersten Brief kam die Aufforderung: „Unmöglich! Komplett umschreiben!“. Sofort griff Verne zur Feder, um zur Verteidigung überzugehen. Zum Teil konnte er Hetzels Sicht ja nachvollziehen: Das Thema des Romans war allzu fantastisch, als dass es in das Projekt der Voyages extraordinaires passte, in denen Glaubwürdigkeit die Kardinalstugend war. Und deshalb verlangte Hetzel nun die nachträgliche Klarstellung, dass es sich um einen Traum handelte, nur um einen Traum, eine reine Fantasiegeschichte, die das beschriebene Geschehen für den Leser akzeptabel machen sollte. Jules Verne schäumte: Eine Unglaubwürdigkeit durch eine noch abstrusere zu ersetzen, das war mit seinem Plan wirklich nicht vereinbar.

Emotionsgeladen nahm er sich ein Blatt Papier vor und begründete, weshalb er sich nicht ans Umschreiben machen wollte. Schade, dass er nicht mehr in Paris wohnte. Dort wurde die Post mehrfach am Tage zugestellt. Aber vielleicht hatte er Glück, und schon am Folgetag würde sein Protest auf dem Schreibtisch von Hetzel liegen. Dies schien geklappt zu haben, denn bereits am übernächsten Tag kam dessen Antwort zurück. Als er morgens an seinem Schreibtisch saß, hatte ihm Honorine stillschweigend den Brief übergeben. Sofort legte er seine Feder beiseite, um den Brief zu öffnen. Seiner Frau schwante schon, dass etwas in der Luft lag. Jules hatte seinen Brieföffner wie eine Waffe geführt. Diskret zog sie sich zurück. Ihr Gefühl täuschte sie nicht. Als sie die Stufen hinab ging, machte sich ihr Mann in seinem Zimmer durch einen derben Fluch Luft. „Sieh an…“, dachte sie, er kann doch noch Gefühle zeigen.“

Der Grund war leicht zu verstehen, denn was Jules schon geahnt hatte: Der alte Hetzel wich nicht einen Deut von seiner vorgefassten Meinung ab. Seine Kritik war noch schärfer geworden. Das musste geklärt werden! Sofort schrieb er zurück, er wolle sich am Folgetag nachmittags persönlich im Verlag bei ihm melden.

Jetzt, nach dem Besuch in Hetzels Bureau, war Jules Vernes Stimmung völlig dahin. Er hatte seinen Verleger nicht zu einem Einlenken bewegen können. Nach einigem Hin und Her hatte dieser sein schon öfters angewendetes Totschlagargument vorgeschoben: Er sei schließlich für den kommerziellen Erfolg verantwortlich, und davon lebe ja auch ein Jules Verne als Autor, und nicht zuletzt dessen Familie...

Eiligen Schrittes, heftig seinen Stock schwenkend, ging er zur Ecke Rue des Saints-Pères. Dort hoffte er eine Kutsche zu finden, um möglichst schnell zum Bahnhof zu gelangen.

Diese Geschichte ist natürlich rein fiktiv. Aber der eigentliche Aufhänger ist real. Welchen Roman musste Verne auf Hetzels Druck umschreiben und mit einem neuen Schluss versehen, um ihn von einer realen Geschichte zu einer Traumsequenz zu machen?

NAUTILUS 22

NAUTILUS Nr. 22 - April 2013; CF /6800/

Bildquelle Bild im Text:Aus meiner Sammlung alter franz. Postkarten - Südliches Tunesien - Dattelpalmen ; auch in der NAUTILUS; aber kein Hinweis auf die Romanvorlage

Rätselauflösung:

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Die Karawane

 

KarawaneJules Verne saß an seinem Schreibtisch und sah zum Fenster heraus. Er ließ seine Gedanken schweifen. Also: Sie waren mit dem Schiff im Hafen angekommen und hatten ihre Recherchen durchgeführt, um dem Geheimnis der noch fehlenden Information näher zu kommen. Jetzt suchten sie einen sicheren Weg zurück. Er grübelte vor sich hin. Da er gerade den Faden nicht weiterspinnen konnte, blätterte er zur Überbrückung in einem Nachschlagewerk und fügte in der soeben niedergeschriebenen Hafenbeschreibung noch die wichtigsten landesspezifischen Handelsgüter ein. Seine Feder kratzte über den Papierbogen.

So, noch etwas Flair durch Beschreibung von Palmen und osmanischen Bauwerken … Tiere fehlten noch. Tiere machten sich immer gut. In seinem Kopf versuchte er sich eine Szenerie vorzustellen. Palmen umsäumten ein weißes Haus, Kamele wankten vorbei … wie damals 1879, als er mit seinem Bruder Paul mit der Saint Michel Algerien besuchte und sie einen Abstecher in die nahe Küstenregion machten. Klare Bilder entstanden, aus den Erinnerungen hervorgekramt. Richtig, an dieser Stelle könnte er eigentlich mal wieder Kamele, vielleicht sogar eine ganze Karawane einbauen. Schiffsreisen gab es schon zur Genüge in seinem Manuskript und allerlei Hafenimpressionen hatte er auch schon beschrieben, jetzt könnte der Weg wieder einmal über Land gehen. Sozusagen mit einem Wüstenschiff. Das war auch sicherer, denn in der letzten Schiffspassage des Vorkapitels hatte er die Gefahr von Seeräubern angesprochen. Das nächste Reiseziel, eigentlich eine Etappe zurück, muss also mit einer Karawane auf dem Landweg erreichbar sein. Er fühlte, wie er wieder in Schreibfluss kam, und aus seinem Hintergrundwissen formulierte er eine Diskussion über die Vor- und Nachteile unterschiedlicher Reittiere. Mit der Feder stellte er eine Karawane aus Maultieren, Eseln und Kamelen zusammen.

Um die Situation nicht so steif  zu gestalten, malte er dem Leser aus, wie der nicht gerade zierliche Akteur das stabil gebaute Kamel zugesprochen bekam. Er schmunzelte vor sich hin, als er beschrieb, wie der Reiter auf dem Tier den gesamten Raum zwischen den Fetthöckern des Wüstenschiffes ausfüllte. Die Karawane startete also, durchzog anfangs den noch bewaldeten Streifen entlang der Küste, aber dann wurde die Vegetation spärlicher… Verne überlegte wieder – sollten jetzt seine Helden den Übergang zur Sandwüste nehmen? Kurzentschlossen beschrieb er noch die abendliche Rast unter einem riesigen Baum …

Diese fiktive Geschichte soll die Ideenfindung eines Teiles eines Romans beschreiben, der in mehreren Regionen spielt – an dieser Stelle aber an der Nordostseite Afrikas. Um welchen Roman handelt es sich?

NACHTRAG: Das Rätsel war eine ziemliche Herausforderung. Unter den Zusendungen der Rätsellöser der NAUTILUS war nur eine richtige Antwort. Die gesuchte Stelle im Roman war also ziemlich versteckt. Also versuchte ich es im nächsten Heft etwas augenscheinlicher ....

Nautilus Oktober 13 Nr. 23

NAUTILUS Nr. 23 - Oktober 2013; CF /6808/

Bildquelle Bild im Text:  Foto ©  Fehrmann 2011

Rätselauflösung:

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Der seltsame Besucher

Die Türme der Bibliothèque nationale de France reckten sich in den trüben Morgenhimmel. Marc stieg aus der Pariser Metrostation Quai de la Gare und eilte der Straße entlang  zur Bibliothek. Er war spät dran, denn in ein paar Stunden musste er schon wieder im Zentrum sein, private Reisevorbereitungen standen an. Er hastete die Treppenstufen hinauf, um zu den von ihm schon lange erwarteten Materialien zu gelangen.

Seit zwei Jahren recherchierte er in allen ihm verfügbaren, möglichst alten Quellen zum Thema Jules Verne. Dabei versuchte er die Persönlichkeit des Literaten zu erkennen, denn sein Ziel war es, diese zum Thema einer Spezialpublikation zu machen. Schon seit seiner Jugend beschäftigte er sich mit der Person Verne. In seinen Recherchen hatte  er versucht, Beweggründe und Reflexionen des „Menschen“  Verne im Spiegel seines damaligen Umfeldes zu erkennen und zu verstehen. Heimlich bildete er sich ein, schon etwas in die Gedankenwelt seines  Idols eingedrungen zu sein.

Er freute sich, dass alle bestellten Unterlagen  für ihn verfügbar waren. Bestimmt hatten sie schon den Weg über die kilometerlangen automatischen Buchtransportbänder zur benannten Ausgabe genommen. Er nahm sie in Empfang  und voller Freude zog er sich in den zugewiesenen Leseraum zurück.  Schon kurz nach der Eröffnung gegen Ende der neunziger Jahre besuchte er dieses Haus. Doch die angenehme Atmosphäre älterer und vor allem kleinerer Bibliotheken wollte sich in dem modernen und durchorganisierten Bau nie so recht einstellen.  Er nahm den angewiesenen Platz ein, nachdem er kurz sein Umfeld betrachtete hatte. Zur Zeit saß nur ein Leser in seiner unmittelbaren Nähe. Nachdem er vor sich die auszuwertenden Schätze platziert hatte, hatte er diesen auch schon wieder vergessen. Er schwelgte in den Dokumenten.

Die BNF in Paris (2011)Durch ein Scharren und Stuhlrücken aufmerksam geworden, sah er sich seinen Nachbarn kurz aufblickend näher an. Ungewöhnlich für die üblicherweise herrschende Arbeitsatmosphäre war dieser mit einem Anzug ziemlich förmlich gekleidet. Dazu passte auch ein nicht so oft anzutreffender Backenbart, der sein Gesicht einrahmte.  Er hatte ein Buch vor sich liegen, in das er vertieft war. Marc wollte sich gerade wieder einem alten Protokoll widmen, als ihm eine im Unterbewusstsein registrierte Auffälligkeit stutzig werden ließ. Er betrachtete seinen Nachbarn direkter. Sein diskret gefärbter Anzug passte ihm sehr exakt. Die sonst üblichen Details wie Revers, Taschen und Knopfleisten waren nicht erhaben – sie waren auf dem Stoff aufgedruckt! Ein interessanter Mode-Gag. Noch seine Beobachtung auswertend, stutzte Marc schon wieder. Wie um besser lesen zu können, hatte der Besucher sein Buch schräg angestellt und Marc konnte ein Konterfei von Jules Verne erkennen. Aber das war es nicht: Der aufgedruckte Autor, zu lesen an der Oberkannte des Buches, war er selbst! Nur dass er noch kein Buch geschrieben hatte! Seine Arbeiten waren bisher stets in irgendwelchen Zeitschriften gedruckt worden. Ein kurzer Schauer lief ihm über den Rücken.

Der Fremde blickte ihn jetzt direkt an. „Ich wusste, dass ich sie hier heute treffe. Daher hab ich diskret in die Platzvergabe eingegriffen.“, sagte dieser in einem Französisch mit einem unverkennbaren englischen oder amerikanischen Akzent. „Wissen sie, ich bin Journalist und ich habe mich auf die Literaten des 19. Jahrhunderts spezialisiert. Verne ist mein Favorit.“ – Marc schluckte. Seine Sprachlosigkeit ausnutzend, plauderte der Fremde weiter:  „Ihre Betrachtungen kommen der Person Vernes schon sehr nahe. Aber einige Schnitzer und Fehlinterpretationen sind doch dabei.“

„Wie…, woher wissen sie…“ Marc hatte es immer noch die Sprache verschlagen und der andere sprach weiter: „Also wie schon erwähnt, in ihrer Ausarbeitung werden Fehler drin sein, daher wollte ich, da ich noch einige Energie übrig habe, noch in dieser Phase etwas korrigierend eingreifen.“

Langsam dämmerte Marc, dass es entweder ein Riesenulk seiner Kollegen war die ihn verladen wollten, denn sein Buchprojekt hatte sich herumgesprochen  – oder hier passierte etwas so Ungewöhnliches, dass sich eigentlich alles in ihm sträubte dieses zu glauben. Aber der Fremde blickte kurz auf eine etwas unförmige Uhr an seinem Arm und sagte: „Sie haben noch drei Stunden, nutzen wir sie intensiv. Ihre Unterlagen können sie später nochmals ausleihen.“ Verblüfft über die Sachkenntnis seines Terminplanes, denn nicht mal seine Kollegen wussten, dass er heute noch auf Reisen gehen wollte, formulierte sich jetzt doch eine Frage: „Wie kommen sie zu meinem Manuskript?“ - „Sie haben immer noch nicht verstanden. Ich habe hier ihr fertiges Buch! Sie werden allerdings noch über ein Jahr dran schreiben…“ - „Wie…“ - „Das Wie steht hier nicht zur Debatte. Dazu ist die Zeit zu kurz.“ Er kicherte leise. „Vielleicht hab ich auch zu ungeschickt unseren Kontakt angebahnt. Bei Jules Verne hab ich mich einfach als interessierter Journalist vorgestellt…“

Marc brach der Schweiß aus: „Sie haben Jules Verne kennengelernt?“ Wie sollte das möglich sein, könnte so etwas wie eine Zeitreise geben?

„Ja, sagte der Fremde. Ich konnte es mir nicht verkneifen. Ich bekam für meine Literaturrecherchen die notwendige Energie zugeteilt, und so schlug ich als Besucher aus den Staaten bei ihm auf. Er war bei unserem ersten Kontakt gerade in der Vorbereitungsphase für Die Geheimnisvolle Insel, da war er sehr kontaktfreudig als ich als Amerikaner vor der Tür stand. Ich hab ihn irgendwie beeindruckt, obwohl ich mich als damaliger Zeitgenosse vorstellte.“ Nochmals wurde der Fremde von Marc gemustert. Ein Mann von etwa vierzig Jahren, ein heller Backenbart, nicht zu klein, soweit man das im Sitzen einschätzen konnte  … Ein Gedanke kam ihm. Wenn das alles wahr sein sollte… Marc grübelte: „ Sie sind Gedeon Spilett? – Nein, sie waren Gedeon Spilett?“ - „Ja und nein. Ich wurde es. Er hat es sich ziemlich leicht gemacht. Er hat mich rein äußerlich beschrieben. Und mein sicheres Auftreten scheint positiv bei ihm angekommen zu sein. Ich konnte im Gespräch einiges aus ihm heraus locken, musste ihm aber versprechen, dass solche intimeren Details nicht durch mich publiziert werden.  Das konnte ich zusagen. Meine zukünftigen Veröffentlichungen darüber konnte er bestimmt nicht lesen.“ Der Fremde grinste wieder.  „Ich besuchte ihn mehrmals. Er schien es zu akzeptieren, dass ich rein persönlich an ihm interessiert war. Im Ergebnis meiner Besuche tauchten dann aber in seinen Romanen öfters amerikanische Journalisten auf… zuletzt erkannte ich mich unter anderem auch als Harris Kymbale im Testament eines Exzentrischen.“ Zufrieden lehnte er sich zurück.

Marc ließ an dieser Stelle einige Fragen zu Verne im Gespräch einfließen. Die Antworten rundeten sein Bild über den Autoren ab. Dann fiel ihm noch eine Frage ein: „Aber es gibt doch bekannte Interviews ausländischer Journalisten…“ Der Fremde lachte laut auf.  „Ja, aber diese Kollegen waren echt, beziehungsweise Vernes Zeitgenossen.  Daher kennen sie auch deren Artikel.“ Er machte eine kurze Pause. „Jetzt wieder zu meinen Hinweisen: Natürlich können sie mich nicht zitieren. Aber ich hatte damals eine aus meiner Sicht gute Idee: Fragen Sie mal hier nach diesem Dokument…“ und er kritzelte auf ein Blatt Papier den Namen einer kleinen Bibliothek und eine Registratur. „Es ist eigentlich ein handschriftlich geführtes Kassenbuch, das Ladengeschäft wurde noch im 19. Jahrhundert eingestellt. Aber das Buch rettete sich in das dortige städtische Archiv. Dort habe ich auf den hinteren Seiten ein umfangreiches Dossier über Verne  handschriftlich eingetragen.“ Er sah Marcs fragenden Blick. „Ja, auch zu ihrer Zeit ist das Dokument noch vorhanden. Ich hab es erst vor kurzem überprüft. Nach ihrer Zeit war es erst gestern. Aber ich denke in ein paar Tagen wird es nach ihrem Fund einen Standort in einer berühmteren Bibliothek  erhalten?“ Fragend blickte er zu Marc um dann fortzufahren: „Eigentlich ist es uns untersagt in Handlungen einzugreifen und Spuren zu hinterlassen. Aber ich denke ich durfte den Ratsbeschluss umgehen, da ich ja nur über Vergangenes schrieb. Ich hoffe nur, dass unser heutiges Gespräch und meine Handlungsweise den Zeitprüfern verborgen bleibt.“

Marc wollte es noch immer nicht glauben. Zweifelnd hielt er den Zettel in der Hand. „Wie lange hatten sie den Kontakt zu Verne? Begleiteten sie ihn bis in das zwanzigste Jahrhundert?“  Er wollte nicht das Wort Ende oder Tod nutzen.  „Nein gegen Ende der achtziger Jahre musste ich den Kontakt abbrechen. Unglücklicherweise hatte ich dem Rat mitgeteilt, dass meine Identität offenbar erkannt wurde. Heute passiert mir das nicht mehr. Meine Reiseauswertungen sind diskreter geworden…  Sie schreiben ja bestimmt auch Reiseabrechnungen, die nicht alle Details enthalten.“ Eine seiner Augenbrauen erhob sich fragend. Ohne darauf einzugehen hakte Marc nach: „Sie wurden als Zeitreisender erkannt?“.

„Ja. Er wurde stutzig, da ich offenbar nicht alterte. Er hatte inzwischen einige gesundheitliche Handicaps – aber, und das fand ich besonders beeindruckend, er erkannte, dass ich stets denselben, aber nicht abgenutzten Anzug trug. Ein guter Beobachter! Aber der Anzug war maßgeschneidert und wir hatte nur ein begrenztes Budget, von der Freigabeprozedur der notwendigen Energie will ich gar nicht erst reden… Bei Reisen in ihre Zeit treiben wir den Aufwand mit der Schneiderei nicht mehr. Sie können ja alle Narrheiten tragen. “ Marc ging darauf nicht weiter ein aber Eines interessierte ihn: „Also offenbarten sie sich?“

„Na ja, ich beschrieb ihm einiges aus meinem Umfeld und meiner Arbeit. Aber er zweifelte stark an meiner Glaubwürdigkeit und verstand auch nicht alle beschriebenen technischen Prinzipien. So beschrieb er eben alles mit seinen Worten und nach dem damaligen Verständnis.“ - „Er beschrieb es?“ - „Ich denke sie kennen sich mit dem Werk Vernes aus…“ Enttäuschung klang aus den Worten des Zeitreisenden.  Es reichte zwar nicht zu einem Roman…“

Marc dämmerte es. Er begriff die Zusammenhänge. „Trotzdem wollte ich jetzt, ein paar Wochen nach meinem letzten Verne-Besuch noch etwas Gutes für uns alle tun. Ich hoffe, sie können mit der Gesamtsituation etwas anfangen. Ich rechne außerdem auf ihre Diskretion. Marc wurde unruhig und auf die Uhr blickend wollte er wieder auf seine inhaltlichen Fragen übergehen. Doch der Besucher lehnte weitere Fragen ab: „Jeder von uns hat gleich einen Termin. Alles weitere finden sie hier…“ und er tippte wieder auf den Zettel. Dann griff er nach Marcs zukünftigem Buch und versteckte es am Körper.

„Das werd‘  ich mal sicherheitshalber wieder rausschmuggeln. Es wird sich sowieso de-materialisieren.  Denn schon bei der nächsten Ausleihe werde ich bestimmt ihr korrigiertes Werk lesen können! Guten Tag! – denn wir werden uns nicht wiedersehen!“  Eilig erhob er sich, winkte und strebte dem Ausgang entgegen.

Er ließ einen grübelnden jungen Mann zurück, der die alten ausgeliehenen Dokumente  zur Seite  geschoben hatte. Mit feuchten Fingern hielt er ein Blatt Papier in der Hand.

Und jetzt die Frage an die Leser: Aus welchem Jahr der Zukunft kam der Zeitreisende? Eine Abweichung von fünf Jahren gilt nicht als Fehler.

Nautilus 24
NAUTILUS Nr. 24 - April 2014; CF /6823/

Bildquelle Bild im Text:  Foto ©  N. Scholz 2013

Rätselauflösung:

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Unter der Sonne Floridas

Lassen wir uns von unserer Fantasie in den Nordosten Floridas versetzen und stellen wir die Zeit auf den Amerikanischen Bürgerkrieg zurück.

Die zwei Männer hatten schon eine längere Wegstrecke  mit Eisenbahn und Planwagen zurückgelegt. Vor drei Tagen hatten sie sich für die jetzige Etappe Pferde gekauft. Bevor sie für die letzten fünfzig Meilen auf ein Schiff umsteigen wollten, hofften sie diese gewinnbringend wieder los zu werden. Gleich zu Beginn der Auseinandersetzung mit dem Norden hatte die Kavallerie der konföderierten Armee fast alle Pferde requiriert, deshalb sollten Reittiere eigentlich hoch im Kurs stehen.

Der größere der beiden Tramps, ein wettergegerbter hagerer Kerl, genauso staubübersät wie sein Begleiter, machte auf das Gedränge an der Landungsbrücke aufmerksam. Die Schiffsankunft schien nicht mehr lange auf sich warten zu lassen. Eigentlich hatten sie eine größere Zeitreserve bis zur Weiterfahrt eingeplant, jetzt schien es eng zu werden. Sie entschieden sich, sich kurz zu trennen. Während der Lange den Schiffsanleger im Blick behielt, versuchte der andere, das Pferdegeschäft abzuwickeln.

Der Zurückgebliebene hatte  nichts zu tun, denn die Tickets gab es erst an Bord zu kaufen. Der  gesamte „Hafen“ bestand nur aus ein paar Hütten, darunter eine schäbigen Spelunke und ein Lagerhaus. Hätte es nicht den aus Baumstämmen gezimmerten Anleger gegeben, eine Konstruktion, die nur mit grob behauenen Planken belegt war, hätte nichts auf den Landeplatz hingewiesen. Gelangweilt auf seinen Kumpan wartend, angelte er sich ein zerfleddertes Buch aus der Tasche seines ledernen langen Staubmantels. Das arg geschundene Werk war eine Beschreibung Floridas mit seiner Geschichte und seinen Sehenswürdigkeiten. Für Reisedetails und den jetzigen Umständen war es völlig veraltet und unbrauchbar, aber es war die einzige Lektüre, die er bei sich hatte.

Das FortEr blätterte hin und her. Er suchte das Fort, welches das Ziel der Beiden war. Dort winkten Geschäfte zur Truppenversorgung, die man anbahnen wollte. Jetzt hatte er es gefunden: Überraschenderweise war das Fort gar nicht von den Briten gebaut worden, wie er es vermutet hatte. Schon die Spanier hatten es zum Schutze der belagerten Stadt gebaut. Mühsam versuchte er den Namen des Bauwerkes zu lesen: „Cas…, Casti…“, die Stelle war verschmutzt. Weiter ging es mit „San Marcos“. Er stutzte. Das hatte ja gar nichts mit dem heutigen Namen zu tun. Noch während er weiterblätterte, kam sein Begleiter mit wütendem Gesicht zurück.

Das Pferdegeschäft schien doch nicht erfolgreich gewesen zu sein. Doch um dem Ärger Luft zu machen, war nicht viel Zeit. Das ankommende Schiff und die Sorge um die Weiterfahrt waren wichtiger, denn auf dem anlandenden Dampfboot war schon von Weitem ein mächtiges Gewimmel an Deck zu erkennen …

Die beiden Reisenden der fiktiven Geschichte wollen ein Fort besuchen, dessen Name das gesuchte Lösungswort ist. Dieses Fort ist in einem Roman Jules Vernes, zeitgleich wie oben beschrieben spielend, von zentraler Bedeutung. Wie heißt es im Roman? Dazu passend hat Norbert Scholz eine Foto-Impression des gesuchten Bauwerks von seiner letzten Urlaubsreise aus den Staaten mitgebracht.

Nautilus 25

NAUTILUS Nr. 25 - Oktober 2014; CF /6838/; Bildquelle Bild im Text: Sammlung Fehrmann 

Rätselauflösung:

Die gibt es natürlich erst mit Erscheinen der neuen Nautilus. Bis dahin kann jeder mitraten. Einsendeschluß ist der 28. Februar 2015. Und hier kann man sich melden:
  Redaktion Nautilus

Nebelwetter

Das kleine zweistöckige Haus war von weitem mit seinem verwaschenen Weiß kaum im grauen Dunst der feuchten Luft zu erkennen. Das ohnehin ruhige Fischerstädtchen schien unter einer feuchtnassen Nebelglocke endgültig eingeschlafen zu sein.

Aus dem Speisezimmer kommend ging Jules Verne missmutig die Treppe seines Hauses hinauf. Als er oben an der Fensterbrüstung stand, wurde seine Laune auch nicht besser. Normalerweise hätte er von hier einen guten Blick zum Fischerhafen haben müssen, um dahinter das offene Meer zu sehen. Die heutige Nebelsuppe ließ aber gerade noch die kleine Werft erkennen. Dort wurden Fischerboote instand gesetzt und ab und zu auch mal ein neues Boot auf Kiel gelegt.

Er öffnete das Fenster und stütze sich auf die Fensterbank ab. Sein Blick war zwar begrenzt, aber die Geräusche des Hafens und die Bautätigkeit auf dem Schiffsbauplatz waren gut zu hören: Kreischende Möwen, hämmernde Werfarbeiter, und von irgendwo hörte man das Poltern von Holzbohlen, die offenbar abgeladen wurden. Vielleicht war es gerade diese intensive Wahrnehmung, durch die er sich an das Meer sehnte.

Rätselbild ohne Auflösung

Verträumt dachte er sich an Bord seiner kleinen Jacht. Irgendwo dahinten musste sie am Kai liegen. Dort hatte er sich in einer engen Kajüte, die er trotz der nur knapp zwei Meter Breite großzügiger Weise Kapitänszimmer nannte, seine Schreibstube eingerichtet. Das Schaukeln der Wellen, der Geruch des Meeres und des geteerten Holzes – all dies inspirierte ihn bei seinem neuen Roman. Da dieser weitestgehend die Ozeane aus Schauplatz haben sollte, flossen ihm die Beschreibungen und Szenen recht flott aus der Feder.

Jetzt musste er sich entscheiden, was mit dem Nachmittag werden sollte. Sollte er bei diesem Wetter sein Haus verlassen um weiter zu schreiben? Denn all seine Entwürfe lagen noch an Bord. Er entschied sich für den kurzen Weg nach unten an den Kamin. Ein Stapel Bücher über Meeresbiologie und Walfang harrten der Auswertung. Bestimmt fand er noch nützliche Hinweise für sein aktuelles Romanprojekt …

An welchem Roman arbeitet Jules Verne?

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Copyright © Andreas Fehrmann – 5/2012, letzte Aktualisierung 8. Februar 2016