Zu Hause bei Jules Vernes in Nantes 

(1828 bis 1848)



Jules Verne Zitate sind wie gewohnt in blau dargestellt.


Quellenangaben:

/1/ Irene Martschukat: Tal der Loire;  DUMONT-Reiseführer Köln 1995 ISBN 3-7701-3259-9; Seite 220

/2/ Jules Verne: Kindheits- und Jugenderinnerungen; Deutsch von Bernhard Krauth, aus: NAUTILUS Nr. 6, September 2005; Zitat von Seite 5

/3/
Die historischen Postkarten sind aus meiner Sammlung. Aufnahmen ca. 1900 - 1905. Motive CF/21209/ und CF/21208/

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Jules Verne: Reise mit Hindernissen nach England und Schottland; Paul Zsolnay Verlag Wien 1997 ISBN 3-552-04861-8; Seite 20. Siehe auch hier:  Reise mit Hindernissen nach England und Schottland

Nantes
Nantes LoireIn Nantes spürt man bereits das Meer. An sonnigen blauen Tagen reflektieren die Kalksteinfassaden der Bürgerhäuser das gleißende atlantische Licht, und die stets ein wenig feuchte, schmeichelnde Luft bringt den Geruch der nahen See mit sich.“ /1/ schwärmt ein Reiseführer. So motiviert besuchten wir eines Tages die Loire-Metropole und ich hatte Muße auf den Spuren Jules Vernes zu wandeln. Unsere Eindrücke sind durch Beschreibungen und Bildmaterial  im nachfolgenden Beitrag eingeflossen.

Nantes InnenstadtIn die gerade beschriebene reizvolle Umgebung hinein wurde Jules Verne geboren. „Sohn eines Halb-Parisers und einer rein bretonischen Mutter, habe ich ein einer durch die Seefahrt belebten großen kommerziellen Stadt gelebt, die Ausgangspunkt zahlreicher langer Reisen ist. Ich sehe wieder die Loire, deren zahlreiche Nebenflüsse durch die Brücken verbunden sind.“ ... „Die Schiffe liegen am Kai in zwei oder drei Reihen. Andere fahren den Fluss hinauf oder hinab.“/2/ So beschreibt Jules Verne seine Geburtsstadt Nantes in seinen Jugenderinnerungen. (Bilder: /3/). Die malerischen Umgebung seiner Jugend brachte Jules Verne im Roman Reise mit Hindernissen nach England und Schottland den Lesern nahe. So beschrieb er die Region wie folgt: „Am Ende des Hafens von Nantes verbreitert die Loire sich auf majestätische Weise; ihre Wasserfläche besteht an dieser Stelle aus dem Zusammenfluß von acht oder neun Armen, deren gelbliche Fluten sich an den Bogen vieler Brücken gebrochen haben. Auf der linken Seite erstreckten sich friedlich die Insel und das Dorf Trentemoult, deren Bewohner ein recht auffälliges Äußeres besitzen, ihre alten Bräuche bewahrt haben und sich, wie es heißt, nur untereinander verheiraten. Zur Rechten stieß der Kirchturm von Chantenay seine lange Spitze in den abendlichen Nebel.“ /4/ In Besinnung seiner Wurzeln lässt Verne die vorgenannten Orte in mehreren seiner Romane wieder „auftauchen“. So finden wir Beschreibungen oder Bezugnahmen von NANTES in: Reise mit Hindernissen nach England und Schottland, Paris im 20. Jahrhundert, Die 500 Millionen der Begum, Robur der Sieger, Meister Antifers wunderbare Abenteuer, Der stolze Orinoko, Reisestipendien, Der Goldvulkan“ Weiterhin tauchen in vielen seiner Bücher Schiffe auf, die Nantes als Heimathafen haben. TRENTEMOULT in: Reise mit Hindernissen nach England und Schottland und von Paul Verne in der Kurzgeschichte:  Von Rotterdam nach Kopenhagen. CHANTENAY in: Reise mit Hindernissen nach England und Schottland  und Der stolze Orinoko. Dieser Ort wird als Namensgeber von mehreren Schiffen in seinen Romanen verwendet. Warum Nantes sich mit seinem maritimen Umfeld so prägend auf Jules Verne auswirkte, versuche ich mit meinem Beitrag Nantes maritim - Die Vaterstadt Jules Vernes als Tor zur Welt darzustellen. 
/5/ Lithographie: Poissonnerie; Ursprünglich aus: La France des nos jours, Paris, F. Sinett 1853-1856

/6/ Fotos © 2013 Fehrmann

/17/ Carte Postale zwischen 1890 bis 1900 CF /21247/

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Die Wohnungen der Familie Verne

historische Sicht von 1830Die Eltern Jules Vernes lebten zum Beginn ihrer Ehe noch im Hause der Eltern der Braut. Dort wurde am 28. Februar 1828 der kleine Jules geboren. Sein Geburtshaus stand auf der damaligen Loire-Insel Feydau, die nur mit Brücken zum „Festland“ verbunden war. Diese Insel war die erste "Großbaustelle" Nantes, ab 1723 wurde sie planmäßig bebaut, und erste Zuzüge fanden ab 1740 statt. Der instabile Boden der Insel war eine große technische Herausforderung, und noch heute kann man dies an der Neigung einzelner Häuser erkennen. 

Die Vernes bewohnten ein Eckhaus an der Rue Kervégan und der Rue Olivier-de-Clisson Nr. 4. Die Rue Kervégan und deren Seitenstraßen zeigte deutlich den Wohlstand des Bürgertums von Nantes. Die Häuser der gesamten Insel waren mit üppigen Balkonen und Balustraden geschmückt, noch heute beeindrucken die üppigen schniedeeisernen Balkone. Im oberen rechten Bild ist die Insel im ersten Bebauungszustand zu sehen, rechts auf dem Foto darunter zeige ich die heutige Situation, nur noch an den Häusern zu erkennen, die die Rue Kervégan umschließen /9/.

Feydeau heuteWie unten auf der Karte zu sehen ist, lag die Insel zwischen zwei Loire-Armen und die Straße des Geburtshauses endete genau am künstlich befestigten Zufluss der Erdre, die in der Karte am oberen Rand zu sehen ist. Heute ist der Inselcharakter von Feydeau nicht mehr ersichtlich, denn durch die Zuschüttung eines verödeten Loire-Arms ab 1926 ist dieses Gebiet seitdem mit dem „Festland“ verbunden. Die Erdre ist auch aus dem ehemaligen Flußbett verbannt worden. Heute ist dort eine Straße und die Einmündung erfolgt lageversetzt durch Rohrleitungen in die Loire.

Feydeau 1836

Nantes Rue KerveganZum Bildmaterial: Die obige Karte zeigt die damalige Insel in einer Darstellung um 1836. Ich habe die Rue Olivier-de-Clisson in Rot besonders hervorgehoben. Im Bild ganz oben rechts über der Karte ist das runde Gebäude der Poissonnerie zu sehen. Auf der Karte ist es auf der links zu sehenden flussabwärtts liegenden Spitze der Insel platziert /5/. Um die weiter oben beschriebene Situation der Bürgerbauten zu illustrieren, zeige ich rechts noch einmal die Rue de Kervégan auf einer Postkarte nach 1890 /19/.

Die damalige Insel, aus der Vogelperspektive fasst in Schiffsform, ist heute nur noch für die sichtbar, die bewusst die alten Konturen in ihrer Form suchen. Alle Gebäude rechts neben der Straße des Geburtshauses, der  Rue Olivier-de- Clisson, also in der Karte rechts neben der roten Markierung, sind heute nicht mehr vorhanden. Das ehemalige Haus in der sich die Vernes eingemietet hatten, steht heute direkt neben einer Straßenbahnmagistrale und auf der anderen Straßenseite entstehen protzige Neubauten. Die Bilder unten zeigen die Tafel zu Ehren Jules Vernes über den Eingang des Hauses Nr. 4 und darunter das Geburtshaus Rue Olivier-de-Clisson Nr. 4 heutzutage /6/, es ist das oberste Foto im Abschnitt "Die Wohnung wird zu klein".

Gedenktafel






/7/ Autor unbekannt; Bildzitat von mir bearbeitet aus: Hrsg. Stéphan Pajot NANTES Fascinante, Calendrier 2013; Editions d'orbestier 2, St. Sebastien-sur-Loire 2012; CF /5733/

/8/ Fotos © 2013 Fehrmann

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Die Wohnung wird zu klein

Das Geburtshaus heuteLinks im Foto /6/ ist die das Haus Rue Olivier-de-Clisson Nr. 4 zu sehen. Es handelt sich um den EIngang mit der Bronzetafel über der Tür. Im Jahre 1829 entschlossen sich Jules Eltern nach der Geburt von Jules Bruder Paul zu einem Wohnungswechsel, denn die Wohnung im Hause der Eltern Honorines wurde zu klein. So verließen sie die links zu sehende Wohnung und sie zogen zum Quai Jean Bart Nr. 2 in eine eigene Wohnung, direkt über der Rechtsanwaltspraxis von Pierre Verne. Sie lag direkt vor der Einmündung der Erdre in der Loire. Siehe dazu erläuternd die Bilder unten: Zuerst im historischen Stich auf der rechten Seite - dort nimmt ein Boot den Weg von der Loire in die Erdre /7/.  Die Wohnung befindet sich im rechten Haus im 1. Stock. Der heutige Zustand ist auf meinen Fotografien weiter unten zu sehen. Auf der linken Seite das komplette Haus /8/ zu erkennen, gut vergleichbar mit dem alten Stich. Neben dem Eingang der Nummer 2 ist wie ganz rechts zu sehen, eine Ehrentafel angebracht /8/. 

Die ehemalige ErdremündungNur zwei Querstraßen weiter war das Ladengeschäft Au rat goutteux (Zur gichtigen Ratte), welches Jules Verne später zu seinem einzigen Märchen  Die Abenteuer der Familie Raton inspirierte. Der merkwürdige Name des Ladengeschäftes basiert auf ein spezielles Ladenschild. Denn an der Stirnseite des Hauses, genau über dem Eingang des Gebäudes zierte ein Schild das Gebäude, auf dem Ratten zu sehen waren. Weitere historische und lokale Details habe ich auf der eben verlinkten Seite niedergeschrieben. Wer heutzutage auf den Spuren Vernes in Nantes wandeln möchte, der ist gut beraten, wenn er sich einen speziellen Verne-Reiseführer, in der Tourismusinformation als Faltblatt erhältlich, zulegt. Und auch dann ist es nicht leicht, die mehrfach umbenannten Straßen wieder zu finden. Aber auf Entdeckung zu gehen ist ja spannender als nur gut bestimmbare Standards abzuhaken.

heutige Sicht

Das ehemalige Wohnhaus



/9/ Fotos © 2013 Fehrmann

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Und es wird weiter umgezogen ...

Die WohnungenIm Jahre 1838 kaufte der Rechtsanwalt Pierre Verne ein Loire-abwärts in Chantenay liegenden Sommerhaus. Diesem habe ich ein Extrakapitel gewidmet, da es für Jules Verne sehr prägend war. Siehe Die Vernes in der Sommerfrische: Das Haus in Chantenay.

Von ihrer ersten eigenen Wohnung zogen die Eltern erst elf Jahre später wieder weg. „1840 war die Familie des Anwalts – zum letzen Mal – umgezogen, wieder entlang der Loire und dann ein wenig stadteinwärts in die Rue Jean-Jaques Rousseau Nr. 6. Hier sollten es die Vernes mit der Zeit zu einer richtigen kleinen Kolonie bringen: In der Nr. 8 wohnten die Châteaubourgs, später Marie mit ihrem Mann, in der Nr. 13 Paul mit seiner Frau Berthe; direkt gegenüber, in der Rue Suffren Nr. 1, mietete sich Jules Verne samt Gattin während der Jahre 1877 und 1878 ein.“/3/ .
Das Bild links unten zeigt eine aktuelle Ansicht des Hauses Rue Jean-Jaques Rousseau Nr. 6 /9/ und auf der rechten Seite ist die aktuelle Ansicht des Hauses  Rue Suffren Nr. 1 zu sehen. Es ist der mittlere EIngang /9/.
Um zu zeigen wie dicht alle Wohnungen der Vernes in Nantes bei einander liegen, habe ich sie schematisch in den rechts abgebildeten alten Kartenausschnitt eingetragen. Dabei handelt es sich um die Wohnungen in: (1) der Rue Olivier-de-Clisson, (2) im Quai Jean Bart, (3) in der Rue Jean-Jaques Rousseau und (4) Rue Suffren.
Rue SuffrenRue Rousseau
/10/ Die historischen Postkarten sind aus meiner Sammlung. Aufnahmen ca. 1900 - 1905. Motive CF/21211/ und CF/21212/

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Der Lernende

SchuleDie erste schulische Bildung erhielt Jules in einer Privatschule. Dort bei Madame Sambin erhielt er die ersten Unterweisungen im Lesen und Schreiben. Das Schicksal dieser Dame soll ihn noch viele Jahre lang beschäftigt haben, denn schon zu seiner Schulzeit war der Mann von Madame Sambin dreißig Jahre lang auf See verschollen. Es wird allgemein interpretiert, dass dieser Fakt ein Ideengeber u.a. für den Roman Mistress Branican gewesen sein könnte.

Nach dieser Zeit besuchte der heranwachsende Jules die Schule „l’école Saint-Stanislas“. Siehe dazu das Bild links mit dem Säulengang. Danach kam er auf das „Petit séminaire Saint-Sébastien“ am Livet. Später ging er in das „Lycée Imperial", welches nach dem Bau des Nachfolgeobjektes in  "L'ancien Lycée" umbenannt wurde, um es nicht mit dem Neubau zu verwechseln. Siehe dazu meine alte Postkarte unten. Der Eingang zur Einrichtung ist genau zwischen den abgebildeten Personen platziert. Nach größerer Umgestaltung gab es einen neuen Ersatzbau, dem späteren "Lycée Clémenceau“. 1846 begann Jules sein Jurastudium in Nantes, um dieses dann ab 1848 in Paris fortzusetzen. Danach hatte er in Nantes nie wieder seinen Hauptwohnsitz.

Gymnasium

/16/ Die historische Postkarte ist aus meiner Sammlung. Aufnahmen ca. 1905 - 1910. Bild  CF/21210/

/17/ Zeitschrift: Point de Vue - Images du Monde (Paris) vom 14. April 1978; Bildzitate von den Seite 20-21; CF /6788/

/18/ Foto © 2013 Fehrmann
das ursprüngliche GebäudeAndrang bei der EröffnungDas Jules Verne Museum in Nantes

In Nantes, in der Rue de l'Hermitage Nummer 3 ist heute eines der französischen Verne-Museen untergebracht. Diese interessante Gebäude aus dem späten 19. Jahrhundert hat eine attraktive Lage, hat man doch vom Hügel Sainte-Anne einen schönen Blick über die Loire. Obwohl Jules Verne nie in diesem Gebäude gewohnt hat wurde es von den Vätern der Stadt als Standort des dortigen Museum ausgewählt. Bestimmt keine schlechte Wahl, strahlt es doch den typischen Charme dieser Zeit deutlich aus. Am 8. April des Jahres 1978, kurz nach Vernes 150. Geburtstag wurde es mit großer Zeremonie eingeweiht. Neben den Offiziellen der Stadt war auch  Jean-Jules Verne, der damals noch lebende Enkel Jules Vernes, bei den Feierlichtkeiten dabei. Im Museum kann man eine Vielzahl von Büchern, Manuskripten und Dokumenten sehen, ergänzt durch Auszüge aus seinen Werken und Illustrationen. Das Ganze wird durch Multimediashows noch untermalt.

Jean-Jules VerneDas Museum heuteZum Bildmaterial:
Links oben /16/: Historische Ansicht von ca. 1900 mit dem Blick von der Loire hoch zum Saint-Anne. Markant ist rechts oben am Ende der Treppen das Gebäude des heutigen Museums zu erkennen.

Rechts oben /17/: Der Andrang zur Eröffnung des Museums 1978, Bildmaterial aus einem zeitgenössischen Artikel

Bild links: Aus der gleichen Quelle /17/ ein Schnappschuss von Jean-Jule Verne beim ersten Rundgang durch das Museum.

Jean-Jules Verne, der Enkel Jules Vernes, Sohn von Michel Verne wurde 1892 geboren und er starb 1980. Er setzte sich sehr für das Erbe seines berühmten Großvaters ein, fühlte sich auch berufen selbst zu schreiben. So stammt von ihm die Fortsetzung des Kurier des Zaren: Der Triumpf Oberst Strogoffs. 1973 brachte er eine vielbeachtete Jules-Verne-Biographie bei Hachette heraus. Weitere Details siehe Genealogie der Familie Verne


Rechts unten /18/: Das heutige Museum von der Eingangsseite.
NACH OBEN - SEITENANFANG  Chronologisch in der Biographie geht es weiter mit:  Jules Verne in Paris


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Copyright © Andreas Fehrmann – 10/2005, letzte Aktualsierung 21. August 2018