Jules Verne im Umfeld von Nantes - in Brains




Quellenangaben:

/1/ Faltblatt: Laissez-vous conter Nantes - sur le pas de Jules Verne, Herausgeber: Musée Jules Verne - Ville de Nantes - Bibliothèque Municipale Nantes, Text von Agnes Marcetteau, ca. 2010

/2/ Volker Dehs: Jules Verne – Biographie; Arthemis & Winkler / Patmos Verlag GmbH & Co KG 2005, ISBN 3-538-07208-6; Seite 15

/3/ Angabe nach William Butcher: Jules Verne – The Definitive Biography; Thunder’s Mouth Press New York 2006, ISBN 1-56025-854-3

/4/ Angabe nach Jean Jules-Verne: Jules Verne; Macdonald and Jane’s London and New York 1976; ISBN 0 356 08196 6; Seite 9

/5/ Yves Lostanlen: Brains … vous connaissez?; Editions des Paludiers, La Baule, 1978; Angaben aus dem Kapitel: Chez L’Oncle Prudent (Bild unten)

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/6/ en.wikipedia zu: Brains, Loire-Atlantique

/7/ www.infobretagne.com/brains.htm

/8/ Postkarte 1900-1910, Sammlung Fehrmann CF /21360/

/9/ Angabe nach:  Mairie de Brains: Brains d’Histoire – Edition 2012 – A l’initiave de la mairie de Brains; Text: Yves Lostanlen

/10/ Cécile Compère: Les vacances, in Revue Jules Verne no 4, Paris 1997, Seite 35-36

/11/ Remi Guerin: JULES VERNE - Testament d'un excentrique; Edition Michel Lavon, Neuilly-sur-Seine Cedex 2017, ISBN 978-2-7499-3343-6, Bildzitat von Seite 26 unten; Quellverweis: Collection Musee Jules Verne / Nantes

/12/ Autorenkollektiv BULLETIN DE LA SOCIÉTÉ D’ÉTUDES ET DE RECHERCHES HISTORIQUES DU PAYS DE RETZ, Bulletin No.10 1990 Editons du Pays de Retz, Paimbœf, ISSN 0294-3484, Yves Lostanlen: La Guerche en Brains et Jules Verne, Seite 9 bis 12 (Bild unten)

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/13/ Idee und Ursprungsskizze © Yves Lostanlen 1990. Digitale Aufbereitung, Legende, Neubeschriftung und Übertragung in einen aktuellen Stadtpan 2019 von mir. Hinweis: Das Chateau du Plessis ist südlich "unter der Karte" links von der Straße Rue du Plessis zu finden.

/14/ Snapshot von Google Maps Streetview © 2019 Google. Hinweis: Das Bild wurde von mir bearbeitet und nach den Regularien von Google mit einem Copyright  versehen.

/15/ Angabe nach /12/ ebenda





Zu Besuch bei Onkel Prudent


Bei einem Besuch in Nantes fiel mir ein Faltblatt der Tourismusinformation zum Thema Jules Verne in die Hände, in dem auf der letzten Seite unter der Überschrift: „Für einen umfassenderen Rundgang …“ der spartanische Hinweis stand: „Im Südwesten … nach einer Überquerung der Loire … kann man immer noch La Guerche en Brains sehen, das Haus des Onkels Prudent Allotte de la Fuÿe.“ /1/. Keine weiteren Angaben und keine detailliertere Ortsbeschreibung. Meine Neugier war geweckt.

Klären wir zuerst einmal die Familienbeziehungen: Onkel Prudent war streng genealogisch betrachtet eigentlich der Großonkel von Jules. Denn seine Mutter Sophie Nanine Heriette Allotte de la Fuÿe war die Tochter von Jean Isaac Augustin Allotte de la Fuÿe. Dessen Bruder war der Kaufmann und Reeder Prudent. (Weitere Details zur Genealogie der Familie Verne sind auf diesen Seiten von mir zu finden: Nachkommenchronik). Dieser war ein weltgewandter und weitgereister Mann. „Das war ein außergewöhnlicher Charakter, dieser ruppige Alte …“, so die Erinnerungen von Georges Allotte de la Fuÿe /2/. Ich denke schon, dass Prudent auf den jungen Jules und dessen Bruder einen tiefen Eindruck hinterlassen hat. So erzählte dieser von seinen Reisen nach Südamerika, die ihn bis nach Venezuela führten. Seine exotischen Abenteuer, ergänzt durch allerlei Geschichten zur See /3/, waren eine willkommene Abwechslung für die wohl behüteten und konservativ erzogenen Söhne des Juristen Pierre Verne. Regelmäßig besuchte man sich gegenseitig. So war Prudent öfters zu Gast im Wohnhaus der Vernes in Nantes und im Landhaus in Chantenay. Die Vernes kamen gern zum Anwesen des Onkels. Denn dessen Haus galt als Treffpunkt der weitverzweigten Verwandtschaft. Jules verbrachte dort mehrmals einen Teil seiner Sommerferien. La Guerche und dessen dörfliche Umgebung war der ideale Ort zum Spielen und Toben mit seinem Bruder Paul und ihren beiden Cousinen. Eine von ihnen, die ein Jahr ältere Caroline Tronson (die Tochter seiner Tante Lise) war Jules’ erster Jugendschwarm /4/. Als Jules Verne kurz nach seinem Abitur im September 1846 im Alter von 18 Jahren auf dem Anwesen seines Onkels weilte, schrieb er seiner Mutter: "Ich habe so viel Spaß, ich kann mich nicht überwinden, den Ort meines Vergnügens zu verlassen.“ /5/

Warum er seinem Onkel Prudent, den er eigentlich mochte, später einen nicht so angenehmen Namensvetter im Roman Robur der Eroberer gegeben hat, kann ich nicht nachvollziehen. Volker Dehs vermutet, dass dazu vielleicht Vernes Erkenntnis der späteren Jahre beigetragen hat, dass der Wohlstand seines Großonkels offenbar auf dem schmutzigen Geld des Sklavenhandels beruhte. Wie dem auch sein, der sich bester Gesundheit erfreuende Prudent starb im Alter von 94 Jahren in Brains. Das Anwesen wurde nach seinem Tod im Jahre 1860 verkauft. (Bild weiter unten rechts: La Guerche /11/)

La GuercheGut – zurück zum Ausgangspunkt. Wenn es also einen Ort mit einer Beziehung zu Jules Verne gibt, dann sollte man ihn als Vernianer auch erkunden. In Nantes fehlte mir die Zeit, um der Spur nachzugehen, also begann ich zu Hause zu recherchieren. Brains, heute ein Ort mit rund 2.800 Einwohnern, liegt fast zwanzig Kilometer südwestlich von Nantes. Für einen Fußweg von Nantes nach Brains, wie im Faltblatt angeregt, eine ziemliche Strecke. Für die Leser, die ebenfalls auf Vernes Spuren wandeln wollen, noch der Hiweis: Brains ist ein öfters in Frankreich anzutreffender Ortsname. Um Verwechslungen zu vermeiden: Die korrekte Ortsbezeichnung lautet: Brains, Loire-Atlantique - denn so heißt das zutreffende Department.

Nach Auswertung des Stadtplans von Brains war ich etwas ratlos. Wie findet man ein Gebäude, welches La Guerche hieß oder heißt, wenn es in keinem Plan eingezeichnet ist? Nach Konsultation eines Internetlexikons /6/ erhielt ich die Information, dass der Ort Brains in der Vergangenheit von den historischen Personen „… Le Plessis, Le Pesle, Loriére, La Sauvagerie, La Pilaudiére und La Guerche geprägt wurde. Das Château von Le Plessis war im Besitz von Pierre-Suzanne Lucas de La Championnière, Leutnant von François de Charette während des Krieges in der Vendée von 1793-1796. Das Château von La Guerche war bis ins 17. Jahrhundert von Le Pesle abhängig. Jules Verne wurde dort von seinem Onkel Prudent Allotte de la Fuÿe, Besitzer ab 1828, während seiner Sommerferien begrüßt …“ Ein anderer französischer Artikel zu Brains ergänzte noch: „Jules Verne machte zahlreiche Besuche in Brains, bei seinem Onkel in La Guerche und bei Freunden in Le Plessis“.

Jetzt hatte ich zwei Ortsbezeichnungen, die in Brains in Beziehung zu Jules Verne standen: Das Château Le Plessis und das Château La Guerche. 

Du Plessis ca. 1910Das Anwesen der besuchten Freunde konnte ich einfach identifizieren, denn zur Geschichte von Brains /7/ fand ich zum architektonisch / historischen Erbe folgende Fakten: „Das Château Le Plessis war Anfang des 19. Jahrhunderts im Besitz von Pierre Lucas-Championnière, Bürgermeister von Brains von 1803 bis 1828“. Dazu beschaffte ich mir die links dargestellte historische Postkarte /8/, die das Gebäude zeigt. Noch heute ist der Gebäudekomplex fast wie im alten Zustand erhalten. Da Onkel Prudent ab 1829 als Bürgermeister Championnière ablöste /9/, liegt es nahe, dass die angesprochenen Freunde aus der Familie derer von Championnière stammten und dass diese zum Bekanntenkreis des Onkels gehörten.

Die exakteste Beschreibung zum Wohnsitz des Onkels fand ich im Beitrag: Les vacances von Cécile Compère /10/, die ich nachfolgend frei übersetzt und ergänzt wiedergebe:

Zwölf Kilometer südöstlich von Nantes im Dorf Brains kaufte Prudent um 1827/28 das Anwesen La Guerche. Dazu gehörte ein Haus mit Wirtschaftsgebäuden und umliegende Grundstücke mit achtzig Ar Größe. Das Haus und seine Nebengebäude hatten als Einfahrt eine lange Privatzufahrt. In deren Mitte auf halbem Weg lag ein Teich. Diese Allee führte zu dem Grundstück der Allottes (einem anderen Teil der Familie), welches La Grillonnerie genannt wird. Es liegt in der Nähe des Marktfleckens (Le Bourg) Brains und seiner Kirche. Darstellungen des Gutshauses La Guerche zeigen, dass es ein langes Haus ist, dessen Dach mit vier Kaminen gekrönt ist. An einem turmähnlichen Anbau war auf dessen Dachspitze eine Fahne angebracht. Alle Fenster hatten Fensterläden auf beiden Etagen. Im Jahre 1850 gab es einen Brunnen, der aber im Jahre 1878 nicht mehr vorhanden war.

q55543_d1Passend dazu fand ich in einem Buch /11/ das ganz oben rechts gezeigte farbige Bild unter der Bezeichnung: Propriete de la Guerche, dessen Entstehungszeit aber leider nicht angegeben war. In einer Publikation von 1978 /5/ stieß ich auf weitere Fakten und auf die Wiedergabe des Hauses aus einer anderen Perspektive (Bild rechts: Aus /5/, optimiert und eingefärbt). Bei meiner Suche zu Fakten des historischen Brains war ich mehrfach auf Ausarbeitungen des Heimatforschers Yves Lostanlen gestoßen. Also lag die Vermutung nahe, dass Lostanlen ein echter "Auskenner" war. Jetzt recherchierte ich zielgerichtet nach dessen Publikationen. Schließlich wurde ich fündig: In einem regionalgeschichtlichen Bulletin /12/ stellte er 1990 seine gefundenen Fakten zum Thema Brains und Jules Verne vor. Da ich diesen Beitrag noch nicht in Veröffentlichungen der Sekundärliteratur über Vernes Schaffen gefunden hatte, musste ich die Broschüre unbedingt haben. Es dauerte eine Weile, bis ich diese, nur regional vertriebene Unterlage, endlich kaufen konnte. Aber es lohnte sich: Ich konnte noch zusätzliche Hintergrundinformationen gewinnen und ich fand eine gute fotografische Darstellung des Anwesens.

La Guerche ca. 1955 Bild von Pierre Fedor

Dieses Foto (oben, aus /12/, von mir eingefärbt) von Pierre Fréor, zeigt das Anwesen La Guerche in den 50er Jahren. Die vom Autor geschaffene Skizze zur Lage innerhalb Brains im Jahre 1827 habe ich auf einen aktuellen Stadtplan übertragen, um so eine genauere Vorstellung zu erhalten. Siehe nachfolgend /13/:

Kartenskizze Brains von Lostanlen und Fehrmann

Damit wurde auch die Beschreibung von Cécile Compère zu Leben erweckt. Noch bevor ich diese Skizze kannte, machte ich bereits im Netz virtuelle Stadtrundgänge, ich wollte unbedingt Prudents Anwesen finden. Eine Suche nach dem Château La Guerche in einer Straße gleichen Namens war erfolglos. Dann versuchte ich den Weg aufgrund der von Cécile Compère zitierten Beschreibung nachzuvollziehen. Einfach war die Zuordnung des Ausgangspunktes: Die Kirche und der Markflecken Le Bourg. Dann gibt es heute eine Sackgasse mit dem Namen La Grillonnerie. Dies könnte der Rest der beschriebenen Zufahrt zu den Allottes sein. Wie sich auf der von mir später gefundenen Skizze aus dem Bulletin zeigte (siehe oben), war ich auf dem richtigen Wege. Wenn man von dort eine gedachte Linie in Richtung Westen weiterverfolgt, gelangt man genau auf die heutige Straße Rue de la Guerche. Die damals vorhandene Zufahrt ist heute nur noch ein Teil als schmaler Fußweg vorhanden und der Teich ist zugeschüttet. Die Zufahrt lässt sich im östlichen Teil nicht mehr komplett nachvollziehen, da Grundstücke verschiedener Eigentümer den Weg versperren. Der Straßenverkehr wird jetzt nördlich vom ehemaligen Weg über die heutige Rue Jules Verne geleitet. Als ich in der Straße La Guerche die visuelle Suche auf die zweite Reihe der Gebäude ausdehnte, wurde ich fündig: Die Adresse La Guerche Nummer 8 ist das von mir gesuchte Gebäude – das ehemalige Haus von Onkel Prudent. Es ist, wie weiter unten dargestellt, hinter einem vorgelagerten Gebäude zu erkennen /14/.

La Guerche Brains aktuell von Goggle Streetview

Schon seit Bestehen des Anwesens gehörte zu La Guerche ein Komplex von Einzelgebäuden. Zu Zeiten Jules Vernes bildete das Zentrum der Liegenschaft das Hauptgebäude, in dem die Familie des Prudent Allotte und seines Dieners wohnte. Im gleichen Areal gab es zwei weitere Haushalte: Den der Familie von René Legeay, einem Arbeiter, der dort mit seiner Frau und acht Kindern lebte sowie die Familie von Pierre Doré, der mit seiner Frau, seinem Sohn, seiner Schwiegertochter und seinen drei Enkelkindern den zweiten Haushalt stellte. Pierre Doré war der bewirtschaftende Bauer von Prudents Ländereien /15/.

Ich konnte La Guerche direkt von meinem Schreibtisch aus besuchen – bis ich mal wieder in dieser Region bin, um mir das Gebäude in der Realität anzusehen.

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