Collection Fehrmann

Jules Vernes „Voyages extraordinaires*"

(* Dieser Band ist nicht offizieller Bestandteil der VE) Postum veröffentlicht




Beispielbuch:

Buch oben: Diogenes Verlag AG 1978, Diogenes Taschenbuch, Auflage 1984, ISBN 3 257 21237 2. (CF /9001/)





Quellen & Bildmaterial:

/1/ Information aus dem 1993 veröffentlichten Sammelband "San Carlos" bei Cherche - Midi (Titel: Voyages d'ètudes)

/2/ Foto im Text: Zeitschrift L'ESTAFETTE; Nr. 4 vom 25 August 1895; Bildzitat von Seite 680; CF /6947/

Neben dem damaligen Soudan mit Tombouctou (heute in Mali) werden im Buch weiterhin folgende Regionen und Orte beschrieben oder genutzt: Conakry (heute in Guinea), Cotonou (heute in Benin), die gesamte Region Fouta Djallon und der Westsudan (heute alles Mali)

/3/ Frontispiz und Bild von Blackland von Roux, entnommen der Bücherbundausgabe gleichen Titels (CF /9002/)

/4/ Neue Warte am Inn; Österreich, Braunau, Nr. 36 vom 4. Sept 1944; Textzitat von Seite 4; CF /6899/

HINWEIS zu den Illustrationen: Dieser Roman ist wie einige Spätwerke nicht mit den legendären Holzstichen ausgeschmückt worden. Der Illustrator G. Roux gestaltete Zeichnungen, die im Original der Ausgaben der Librairie Hachette 1919 (mein Exemplar CF /9004/) sehr weichgezeichnet sind durch die damals typischen Reproduktionsverfahren. Die darauf aufbauende Ausgabe des Bücherbundes (siehe /3/) hat das Problem durch eine stärkere Kontrastierung gelöst. Im Original war der Roman nie Bestandteil der Hartleben-Edition Bekannte und unbekannte Welten und damit der sogenannten Prachtausgaben.

Das erstaunliche Abenteuer der Expedition Barsac (1919), auch:  Die erstaunlichen Abenteuer der Expedition Barsac oder Das erstaunliche Abenteuer der Mission Barsac

Basis dieses Buches waren Notizen und ein 50seitiges Manuskript von Jules Verne. Dieses umfasste fünf Kapitel, wobei das 5. Kapitel lediglich zirka eineinhalb Seiten lang war und mittendrin endete /1/. Michel Verne war Alleinerbe des Nachlasses. Die gefundenen Unterlagen wurden von ihm stark überarbeitet und „fertiggestellt“. Diese, lange als Originalausgabe titulierte Veröffentlichung erschien 1919 unter dem Titel  L'étonnante aventure de la Mission Barsac bei Hachette in Paris. Da der eigentliche Anteil von Jules Verne sehr gering ist, wurde der Roman in der in der Complete Jules Verne Bibliography unter APOCRYPHA eingestuft. 1914 hatte Hetzel den Verlag an Hachette verkauft. Weiterführende Informationen zum Verlag sind hier zu finden.

TombouctouDer Roman beginnt wie ein klassischer Kriminalfall: Genüsslich beschreibt Jules Verne den gut organisierten Banküberfall auf die Central Bank in London. Durch die Art der Durchführung gerät ein Sohn des Lord Buxton Glenor in den Verdacht, seine Finger im Spiel zu haben. Wie zur Bestätigung verschwindet der verdächtigte Lewis-Robert Buxton von der Bildfläche. Aber es kommt noch ärger: George, der zweite Sohn des Lords wird verdächtigt, unehrenhaft als militärischer Schutz einer Forschungsgruppe in Afrika zu einem Bandenchef „aufgestiegen“ zu sein. In dieser Funktion soll er raubend und mordend eine Blutspur hinterlassen haben. Der alte Lord ist innerlich zerstört, zumal er seinen Pflegesohn William Ferney, einen mit in die Ehe gebrachter Sohn seiner zweiten Frau, nach Glücksspiel und Wechselfälschungen weggeschickt hatte.

Jetzt wechseln wir den Ort der Handlung: Im Auftrag der französischen Regierung soll die „Mission Barsac“ erkunden, ob die Eingeborenen im Sudan schon genügend zivilisiert sind, um das Stimmrecht zu erhalten. Diese von rassistischen Vorurteilen geprägte Ausgangssituation wird im Laufe des Romans aber nicht widerlegt. Als die außerparlamentarische Mission als Expedition in Konakry, der damaligen Hauptstadt von Französisch-Guinea unter Leitung der französischen Abgeordneten Barsac und Baudrières zusammengestellt wurde, meldeten sich noch zwei Interessenten zur Teilnahme. Das waren Jane Mornas und ihr Begleiter, der kauzige de Saint-Bérain. Hinter ersterer verbarg sich Jane Buxton, eine Tochter des Lord Buxton, die ihren Bruder rehabilitieren will.

Ungefähr ab dieser Stelle wird die Geschichte von Michel Verne weiter erzählt.

Die Teilnehmer der Expedition geraten von Anfang an in afrikatypische Abenteuer, nicht zuletzt aus Ritterlichkeit gegenüber der reizenden, mutigen Mademoiselle Mornas. Die von den Schwarzen Malik und Tongane versorgten Expeditionsteilnehmer merken bald, das ein geheimnisvoll agierenden Gegner die Wege und Entscheidungen beeinflusst. Durch den Journalisten Amédée Florence wurde das Erlebte ständig notiert und er beobachtete sein Umfeld mit Sorge. Aber auch dessen Vorsicht kann nicht verhindern, dass die Gruppe von Ihren Schutztruppen getrennt wurde und schließlich wurde der Kern der Expeditionsteilnehmer mit geheimnisvollen Flugobjekten entführt. So kamen sie mitten in der Wüste in eine völlig unbekannte Stadt: Blackland, ein technisches Wunderwerk, geschaffen von einem skrupellosen, dem Alkohol verfallenen Verbrecher, genannt Harry Killer (siehe Stadtansicht ganz unten rechts im Text /3/). Dieser nahm die Missionsteilnehmer als Geiseln zur Sicherstellung seiner kriminellen Machenschaften. Er hatte sich mit Terror einen ganzen Landstrich unterworfen, den er um Blackland herum, zu einem blühenden Nutzland in Mitten der Wüste mit hoch technisierten Verfahren umgestaltete. Hinter den fortschrittlichen Lösungen stand aber das Genie des französischen Ingenieurs Camaret. Dieser baute und entwickelte ständig neue Maschinen, Technologien und Waffen, ohne zu hinterfragen, was mit seinen Lösungen geschah. Als die Gefangenen im Inneren Blacklands dem direkten Zugriff Killers entkamen, fanden sie Unterschlupf bei Camaret. Als diesem die Augen geöffnet wurden, wurde er rasend und er sprengte nach und nach ganz Blackland in die Luft. Genie und Wahnsinn lagen hier besonders dicht beieinander.

Um es kurz zu machen: Harry Killer war der verstoßene Stiefsohn Lord Buxtons - William Ferney und aus Rache hatte er sich des einen Sohns Lewis-Robert bemächtigt um ihn so in Verdacht zu bringen die Bank ausgeraubt zu haben. Höhnischer Weise hatte er dies übrigens selbst organisiert. Lewis-Roberts Bruder George brachte er in Afrika um, um unter dessen Namen seine Schandtaten auszuführen. Durch Jane konnte der Tote Bruder, aber auch der Verschleppte, rehabilitiert werden. Dies konnte Jane dem sterbenden Lord noch mitteilen.

Anmerkungen: Auch in diesem Roman wurden wieder eine Reihe von Verne-(familien-)-typischen Klischees bei den Charakteren genutzt. Da gibt es die treuen schwarzen Diener Malik und Tongane, die in ähnlicher Typisierung schon in der  Geheimnisvollen Insel oder in  Nord gegen Süd vorzufinden waren. Gleiches geschient in der Überzeichnung des skurilen Onkels de Saint-Bérain, der in ähnlicher Form als zerstreuter Paganel schon in  Die Kinder des Kapitän Grant oder als trotteliger Tanz- und Anstandslehrer T. Artelett in  Die Schule der Robinsons vorgestellt wird. Die heroische und fast ikonenhaft dargestellte junge Mrs. Buxton / Mornas gab es schon als Mrs. Branican im gleich lautenden Roman und der agile Journalist Amédée Florence kommt uns auch allseits bekannt vor.

q6899Was neben der Schilderung des exotischen Afrikas einen größeren Raum einnimmt, dass sind die technischen Lösungen die in die Geschichte des Romans einfließen. Sie erhalten eine bedeutendere Funktion als in vielen Romanvorgängern. Was bei der Beschreibung der Lösungen auffällt: Im Gegensatz zu einigen technischen Phantasien des Vaters geht Michel Verne sehr in Details. So beschreibt er umfangreich ein Fernüberwachungssystem als eine Art Kombination von Laterna Magica, kombiniert mit einem Spiegel- und Linsensystem (im Original „cycloscope“) und eine kombinierte Flugzeug-Hubschrauber-Konstruktion, angetrieben von komprimiertem Gas. Diese „Erfindung“ hätte zu Vater Vernes Zeiten noch als revolutionär gelten können, nach der Nutzung von Flugzeugen eben zur Zeit der Herausgabe, kann nur noch der Antrieb oder der „Senkrechtstart“ als Neuerung angesehen werden. Weiterhin werden unbemannte fliegende „Wespen“ (im Original „guêpes“) vorgestellt, die durch Trag- und Schubpropeller frei in der Luft fliegende Waffen sind. Siehe dazu rechts einen Zeitungsausschnitt /4/ der beschreibt, dass es auch reale Umsetzungsversuche Jahre später durch die Briten gab. Die Beschreibungen von Waffen durch die Vernes waren zur damaligen Zeit nicht ungewöhnlich. Ähnliche Waffenphantasien waren seit den 90er Jahren in ganz Europa gern genutzte Sujets in der phantastischen Literatur. Die praktikable Anwendung der drahtlosen Telegraphie sollte vielleicht in der ersten Phase der Buchplanung noch fast bahnbrechend sein, zur Zeit der Buchausgabe 1919 war sie aber schon erlebte Praxis. Nicht unerwähnt bleiben darf das künstliche Beregnungssystem, welches es erlaubt, dass Umfeld von Blackland in eine fruchtbare Region zu verwandeln. Diese Idee hat mich am meisten beeindruckt. Als sich die Gruppe um Barsac in die Fabrik des kranken Genius Camaret zurückzieht, nutzt Michel Verne die Gelegenheit, weitere umfangreiche technische Neuerungen recht phantasievoll und verklausoliert dem Leser nahe zu bringen, auf die ich aber hier nicht näher eingehen möchte.

Anmerkung: Trotz der Überarbeitung und der äußert großzügigen Ergänzung durch Michel bin ich als Leser der Meinung, dass es doch ein echter „Verne“ im Sinne der Familientradition geworden ist. Stil und Zeitgeist wurden getroffen. Aber es ist eben nicht das angedachte Original ...

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Hinweis: Beschrieben werden nur in meiner Sammlung befindliche Bücher und Verfilmungen. Dargestellte Bücher sind Beispiele daraus.

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© fehrmann 07/00, letzte Aktualisierung 15. Janaur 2016