|
|
Jules Verne – Vater der Sciencefiction? |
|
Jules Verne Zitate sind wie gewohnt in blau dargestellt.
Quellenangaben, und vielleicht der Reiz etwas mehr darüber zu lesen? (Die Systematisierung bezieht sich nur auf die Nutzung für diesen Beitrag) /1/ Sciencefiction: Ich habe mich für diese, dem Duden konforme, Schreibweise entschieden. Ausnahmen mache ich nur, wenn es sich um Zitate handelt. Dann gebe ich die Originalschreibweise dieser wieder. /2/ Franz Born: Der Mann der die Zukunft erfand © 1960 by Markus-Verlag Eupen; CF /5511/ /3/ Reclams Science Fiction Führer, Hrsgb. Hans Joachim Alpers, Werner Fuchs und Ronald M. Hahn, Philipp Reclam jun. Stuttgart 1982, ISBN 3-15-010312-6; Zitat aus Vorwort von Seite 6 /4/ Brian Stableford, John Clute, Peter Nicholls: The Encyclopedia of Science Fiction © 1993 by John Clute Peter Nicholls (Übersetzung © Hannes Riffel), zitiert ausf EPILOG.DE /5/ Bildzitat aus: John Clute: Science Fiction – Eine illustrierte Enzyklopädie, dt. © 1996 by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co KG München; ISBN 3-453-11512-0; Zitat von Seite 98 /6/ Harenberg Literaturlexikon (Autoren, Werke und Epochen – Gattungen und Begriffe von A – Z; Harenberg Kommunikation Verlags- und Mediengesellschaft mbH & Co KG Dortmund 1987, neu 1997; ISBN 3-611-00539-8; Zitat von Seite 1145 /7/ ebenda, Seite 1043 /8/ Metzler Literatur-Lexikon; Hrsgb. Günter und Irmgard Schwenkle; 2. Aufl. 1990; ISBN 3-476-00668-9; Zitat von Seite 421 /9/ Darko Suvin: Poetik der Science Fiction; Suhrkamp Taschenbuch 539 (Phantastische Bibliothek 31); 1. Aufl. 1979 Frankfurt/M; ISBN 3-518-37039-1 /10/ Jules Verne: Paris im 20. Jahrhundert; © Paul Zsolnay Verlag, Wien 1996, ISBN 3-552-04804-9; Zitat von Seite 26; CF /6401/ /11/ Jules Verne: Mathias Sandorf; Deutscher Bücherbund GmbH & Co Stuttgart München; 1979; Einbändige Ausgabe (034173), Zitat von S. 194; CF /2407/ /12/ Aus einem Interview der Pittsburgh Gazette mit Jules Verne (1902) aus: Volker Dehs: Jules Verne © Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH 1986, Reinbek bei Hamburg; 3. Auflage 12.-13. Tausend April 2000; ISBN 3 499 50358 1; Zitat von Seite 69; CF /5501/
|
In vielen Artikeln die sich mit Jules Verne beschäftigen, wird dieser als Vater der Sciencefiction /1/ benannt. Genauso groß ist aber die Schar derer, die diese Titulierung mit einem Fragezeichen versehen oder gar vollkommen ablehnen. Aus diesem Grunde möchte ich meine Sichtweise dazu vorstellen. Gerade in den vielen, teilweise sehr oberflächlichen Zeitungsartikeln oder Fernsehbeiträgen zum 100. Todestages Jules Vernes lebte der Begriff „Vater der Sciencefiction“ wieder auf. Einher ging, dass er dazu meist auf seine bekannten Romane wie Reise zum Mond, 20 000 Meilen unter den Meeren oder Fünf Wochen im Ballon reduziert wurde und eine Zuordnung des Gesamtwerkes von Jules Verne zum Genre Sciencefiction stattfand. In einigen Beiträgen wurde wiederholt suggeriert, dass Verne technische Dinge und Lösungen „erfunden“ hat und dass er ein großer „Seher“ der technischen Entwicklung war. Diese Mythenbildung, die schon zu Lebzeiten Vernes begann, verstärkte sich zunehmend im letzten Jahrhundert. Stellvertretend dazu sei aus der Sekundärliteratur Born's Der Mann der die Zukunft erfand /2/ genannt. Aber gehen wir der Reihe nach vor.
Was ist eigentlich Sciencefiction? Um die Problematik Sciencefiction (weiter SF genannt) zu beleuchten, ist es notwendig, sich erst einmal mit der Definition der SF auseinander zu setzen. Dabei stellen einige Quellen fest, dass die Anzahl der Definitionsversuche so groß ist, dass inzwischen Uneinigkeit darüber herrscht, ob SF überhaupt definiert werden kann. Die Herausgeber von Reclams Science Fiction Führer schreiben dazu im Vorwort: „Den Begriff >Science Fiction< haben wir, angesichts der Tatsache, daß es eine allgemein gültige Definition von SF weder gibt noch geben kann, bewußt weiter gefasst.“ /3/. Aber auch im Verlaufe der Zeit hat sich das Verständnis des Begriffes geändert.
Dies passt dann auch zu neueren Begriffsbestimmungen, die zum Beispiel im Harenberg Literaturlexikon zu lesen ist: „Gattung Science-Fiction: (SF), facettenreiche Literatur, die in zumeist kontrollierter Spekulation die Möglichkeiten des Menschen, besonders im Zusammenhang mit Wissenschaft, Gesellschaft und Geschichte, auslotet. SF umfaßt den technisch utopischen Zukunftsroman, aber auch die abenteuerliche Lügengeschichte, Satiren und Parodien mit phantastischen Elementen, den phantastischen Reiseroman sowie Spielarten des Schauerromans und der Fantasy-Literatur“ /6/ Nach dieser Aufweitung des Begriffes taucht ein Terminus auf, der garantiert auf Jules Verne zutrifft: Der „phantastische Reiseroman“. Und so finden wir auch unter dem Stichwort Jules Verne im gleichen Werk die Aussage: „... berühmt wurde er aber durch seine wissenschaftlich phantastischen Abenteuerromane als einer der ersten Science-Fiction-Autoren.“ /7/
Die „Wissenschaftlichkeit“ im SF Der Begriff „science“, eigentlich „Wissenschaft“, wird im Zusammenhang mit SF meist als „Wissenschaftlichkeit“ übersetzt. So zu lesen in unterschiedlichsten Definitionsversuchen. Ich habe damit Probleme, wenn es bedeuten sollte, dass Inhalte und Beschreibungen in SF-Romanen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren würden. Dies bezweifelt berechtigter Weise auch das Metzler-Literatur-Lexikon an: „... SF ... bei denen u. a. techn. und wissenschaftl. Probleme eine mehr oder minder große Rolle spielen, deren Behandlung jedoch meist alles andere als wissenschaftlich ist.“ /8/ Wenn ich zur Wissenschaftlichkeit aber auch eine solide Nutzung der Geographie rechne, dann relativiert sich allerdings meine vorgenannte Einschränkung in den Romanen, ganz besonders bei Jules Verne. Allgemein gilt aber, dass nachprüfbaren Erkenntnisse und Thesen nur in einzelnen Ideen oder Ansätzen vorhanden sind. Wer könnte auch einem soliden Fachbuch den Reiz der Abenteuerlichkeit abgewinnen? Durch die Einbeziehung von Fakten aus vielen Wissensgebieten entsteht ein Gesamtwerk, welches nur den Anschein von Wissenschaftlichkeit hat. Gerade Verne ist ein Meister in der Beschreibung von einzelnen Dingen und Gesetzmäßigkeiten, deren Exaktheit nachprüfbar ist. So besonders einprägsam nachzulesen in „Fünf Wochen im Ballon“ bei den Bestandteilen der Apparatur zur Höhenregulierung des Ballons. Einzeln betrachtet steht jede Komponente auf einem soliden wissenschaftlichen Fundament. Das Zusammenwirken der Einzelteile und der Wunsch nach einer neuen, aber nicht gegebenen Funktionalität ist dann aber fiktiv, eben nicht realitätsnah. Sie erscheint uns (vor allem den damals nicht so umfassend gebildeten Leser) aber machbar. Genau diesen Ansatz sehen neue Definitionen des SF. Sie gehen davon aus, dass in der SF die Wissenschaftlichkeit nur behauptet wird. Unterstützt wird diese scheinbar vorhandene Wissenschaftlichkeit durch geschickte Rhetorik, denn die Beschreibungen klingen durch Fachbegriffe oder einer Reihung von Fakten wissenschaftlich. So unterliegen wir der Täuschung, dass das Neue möglich erscheint, denn alles klingt ja so logisch.
Jules Vernes „Erfindungen“ Der landläufig öfters zu hörenden Aussage, dass viele technische Entwicklungen auf Basis der Fiktionen Vernes beruhen, muss energisch widersprochen werden. Es gibt keine technische Beschreibung Vernes, die nicht auf bereits publizierte Entdeckungen und Ideen aufbaut. Also sind heutige Anwendungen die konsequente Weiterentwicklung der kontinuierlichen Forschung und Entwicklung. Eine andere Symbiose ist aber entstanden: Die Bücher Jules Vernes regten nachfolgende Generationen an, Wissenschaft und Phantasie zu verquicken, ja einige Bücher Vernes haben bei Forschern und Technikern eine prägende Wirkung hinterlassen, oder haben zumindest ihren Berufswunsch gelenkt.
Da
Verne weder Techniker, Ingenieur oder Wissenschaftler war (siehe
dazu meine Seite
Dazu
nur zwei Beispiele: Die gern gesehene „Erstbeschreibung“
eines Automobils mit Verbrennungsmotor in Paris im 20.
Jahrhundert basiert auf Ideen Lenoirs, welche auch als
solche erkennbar sind: „Schon diese
Gas-Cabs verschlangen sehr viel Wasserstoff, ganz zu schweigen
von jenen riesigen, mit Steinen und Werkstoffen beladenen
Vehikeln, welche die Kraft von zwanzig bis dreißig Pferden
entfalteten. Dieser Lenoir-Motor hatte aber auch den Vorteil,
daß er während der Ruhestunden nichts kostete, eine
Einsparung, die mit Dampfmaschinen unmöglich erzielt werden
kann, ....“ /10/ (siehe dazu vertiefend meine
Seite:
Die
Schnellboote Electric in Mathias Sandorf sind
Modifikationen von Booten des englischen Ingenieurs
Thornycrofts: „Zu diesem Zwecke ließ
eine Depesche des Doctors von seinem Ankerplatze eines seiner
schnellsten Beförderungsschiffe an die Bucht von Cattaro,
südlich von Ragusa, kommen. Es war einer jener wunderbaren
Thornycrofts, welche den heutigen Torpedobooten als Muster
gedient haben.“ /11/ (siehe dazu vertiefend meine
Seite:
Verne versucht also nicht, technisch neue Lösungen und Ideen als die seinen auszugeben. Trotzdem wird dieses Bemühen durch oberflächliche Betrachter seines Werkes ignoriert. Alles Jahre wieder wird Verne als Erfinder oder als Initiator des technischen Fortschritts tituliert. Vielleicht sollten diese Publizisten einfach die Bücher Vernes gründlicher lesen.
Die Plausibilität der These, dass Verne „nur“ ein guter Optimierer von bereits vorhanden Wissen ist, wird durch eine Selbsteinschätzung Vernes unterstrichen. So äußerte er 1902 in einem Interview: „Vielleicht werden Sie überrascht sein zu erfahren, daß ich nicht besonders hochmütig geworden bin, über Auto, U-Boot und lenkbares Luftschiff geschrieben zu haben, bevor sie in das Reich der wissenschaftlichen Wirklichkeit eingetreten sind. Als ich in meinen Schriften von ihnen wie von tatsächlichen Dingen gesprochen habe, da waren sie zur Hälfte schon erfunden. Ich habe lediglich eine Fiktion aus dem entwickelt, was in der Folge zur Tatsache werden mußte, und so ist meine Absicht mit diesem Verfahren auch nicht das Prophetisieren gewesen, sondern geographisches Wissen unter der Jugend zu verbreiten, indem ich es auf größtmögliche Weise anziehend gestaltete.“ /12/
Resümee Nach all den Betrachtungen unterschiedlichster Aspekte habe ich kein Problem, Jules Verne als „Vater der Sciencefiction“ zu sehen. Wichtig aber ist - sein Gesamtwerk lässt sich damit nicht beschreiben. Denn die Gefahr die SF als Gattungsbegriff anzusehen oder zu verallgemeinern liegt nahe, zumal Buchhändler oder Gelegenheitsschreiber gern eine Zuordnung in feste Kategorien vornehmen. Mein Verständnis ist, das Verne einige Werke schuf, die mit zu den Klassikern der SF gezählt werden können. Sein Hauptwerk aber, der eigentliche Grundgedanke der Voyages Extraordinaires lässt sich damit nicht beschreiben. So tendiere ich zu einem weiteren Definitionsversuch, den ich mit dem Begriff wissenschaftlich-romantische Abenteuer fand. Eine Einschätzung, die meiner Vorstellung eines Klassifikationsversuches am nahesten kommt. |
![]()
|
|
|
Copyright © Andreas Fehrmann - 07/05, letzte Aktualisierung 10. Febr. 2010