Der ewige Robinson, oder der Versuch die Frage zu beantworten: Was lässt uns sehnsüchtig von einsamen Inseln träumen?



Quellen

/1/ Hermann Schreiber: Das Abenteuer und seine Autoren © Weltbild Verlag, Augsburg 1999; Zitat Seite 17: Paradiese und ihre Fehler

/2/ Nachwort von Christian Robin zu: Jules Verne Onkel Robinson; 1991 by le cherche midi éditeur, für die deutsche Ausgabe nymphenburger in der F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München 1993; Zitat Seite 276 Eine der ersten Lektüren des Schriftstellers ; CF /6501/

/3/ Pourquoi j`ai écrit Seconde Patrie, Vorwort zu Seconde Patrie 1900. (Deutscher Titel: Das zweite Vaterland). Zitiert aus /2/, gleicher Abschnitt Seite 276; CF /6501/

/4/ Zitat © Thomas Ostwald: Friedrich Gerstäcker und seine Vorbilder auf der Homepage www.gerstaecker.org

/5/ Jules Verne: Die großen Seefahrer des XVIII. Jahrhunderts, Ausgabe A. Hartleben's Verlag Wien Pest Leipzig 1881; CF /G0302/

/6/ Jules Verne: Zwei Jahre Ferien; Ausgabe detebe-Klassiker 20440 (Details siehe auf Link zum Buch, CF /3202/

/7/ Bildzitate aus: Robinson Crusoe, Das Original des Daniel de Foe, 1908, 4. Aufl. Verlag von Otto Spamer Leipzig (Bearbeitung: Otto Zimmermann, Illustr. von F.H. Nicholson)

/8/ Foto © Andreas Fehrmann 05/2010 (Caribic Strand)

/9/ Buchtitel: © nymphenburger in der F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München 1993, ISBN 3-458-00673-4 (CF /6501/)

/10/ Inselfoto: © Andreas Fehrmann 08/2001 (Adriainsel vor Kroatien)

/11/ Inselfoto: © Andreas Fehrmann 08/2004 (Insel vor Beruwela, Indischer Ozean)

/12/ Jules Verne: Die Kinder des Kapitän Grant; A. Hartleben's Verlag Wien, Pest, Leipzig 1876; sog. Prachtausgabe; Zitat von Seite 270 - 271; CF /0510/

/13/ Foto  © Andreas Fehrmann 07/2011 (Waldimpression in Kolumbien)




Ergänzender LINK: Die Vielfalt der im deutschsprachigem Raum verlegten Robinsonaden stellt Dr. Walter Wehner auf seiner Seite vor. Eine Fundgrube für alle Robinsons', mit der Möglichkeit auch nach vergessen geglaubten Büchern zu recherchieren.


Robinsonaden und Inselabenteuer bei Jules Verne

Sobald man in seiner Jugend beginnt, sich der Abenteuerliteratur zuzuwenden, kommt man nicht umhin einem speziellem Genre zu begegnen: Den Robinsonaden.

Gerade dieses Genre bedient unsere Sehnsüchte nach Fernweh und exotischen Schauplätzen. Ist es denn verwunderlich, wenn sich Generationen von Schülern von ihren Schulbänken weg, zu Sonnenstränden, maritimen Flair und interessanten Jagten im Dschungel fremder Länder hin träumten? Ist nicht überhaupt für einen alltagsgeplagten Mitteleuropäer der fiktive Kampf um das Überleben auf einer einsamen Insel, fernab der großen Schifffahrtswege, viel attraktiver als die tägliche Hausarbeit, Einkäufe im Supermarkt oder dem alltäglichen Stress in der Firma? Selbst die heutzutage überall ausliegenden Prospekte für Fernreisen initiieren unsere Sehnsüchte in diese Richtung. Wenn sich zum Picknick im Grünen die Väter mit angsteinflößenden Messern am Gürtel bewaffnen, um dann noch ihren Sprösslingen theoretische Unterweisungen im Überlebenskampf zu geben (stell dir vor du müsstest ohne Hilfsmittel Feuer machen...), dann wird es ein Rückerinnern an Jugendträume geben. (Bild unten Quelle /11/).

Insel vor Sri Lanka

RobinsonAber blicken wir zurück auf den Klassiker schlechthin: Im Jahre 1719 erschien in England ein Buch, welches in seiner Art völlig neu war und das Pate für viele andere stehen sollte. Schon der ellenlange Titel verhieß Spannung: The Life and Strange Surprizing Adventures of Robinson Crusoe nach einigen weiteren Erläuterungen kam dann die Aussage: „Written by himself“. Aber wir wissen natürlich, dass nicht Robinson sondern Daniel Defoe (1660 – 1731) der wirkliche Autor war. (Bild links: Quelle /7/). Defoe selbst wurde durch die realen Abenteuer des Matrosen Selkirk inspiriert, von dem noch weiter unten im Text berichtet wird. Ich will an dieser Stelle nicht über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit des 28jährigen Überlebenskampfes Robinsons philosophieren – das haben Andere schon genügend getan. Aber an eins möchte ich erinnern: Schafft es nicht Defoe auf wunderbare Weise, dass sich Generationen Jugendlicher und Erwachsener auf eine einsame Insel gesehnt haben? Was macht die Faszination aus? Ist es die schon erwähnte exotische Ferne, die Herausforderung des Einzelnen oder einer kleinen Gruppe, die dem Ungemach widriger Umstände trotzt und auf einem Außenposten der Zivilisation eine Existenz aufbaut? Oft ist nicht die eigentliche Rettung vom Eiland, sondern der Überlebenskampf und die Organisation des Lebens auf der Insel das Hauptaugenmerk der Autoren, denn sie versuchen die Sehnsucht ihrer Leser auf genau diesen Fakt zu stillen. Dabei wird die Realität, die solchen Geschichten eigentlich zugrunde liegt, völlig verklärt.

Träumt man in Schulstuben, Internatsbetten oder Dienerzimmern von der großen Welt und der verheißungsvollen Ferne, dann stellen sich großzügig und bunt alle Farben der Phantasie ein. Nicht wenige der Abenteurer, die im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert die Sieben Meere bevölkerten, waren zwölf, vierzehn, allenfalls sechzehn Jahre alt, und so mancher ging zugrunde, ehe er zur Besinnung kam, denn die Inselparadiese, die leuchtenden Fernen, die man aus dem Reisebuch eines Marco Polo zu kennen meinte, sie konnten nur in langen, mühseligen und entbehrungsreichen Reisen erreicht werden.“ (Zitat Quelle /1/ siehe links)

Robinson EpisodeAber Entbehrungen und Tod sind allemal nur schmückendes Beiwerk in der Abenteuerliteratur – eine abschreckende Wirkung können sie nicht erzielen. Heutzutage ist natürlich die Gefahr, dass ein Buch zur Flucht aus gewohnten Bahnen des Alltags beiträgt ziemlich gering. Aber noch in Artikeln um 1900 konnte man lesen, dass vor der „jugendverderblichen Wirkung“ von Abenteuerliteratur gewarnt wird. (Bild rechts: Robinson schlachtet das Schiffswrack aus. Illustration aus /7/)

Gerade die Herausforderungen in den Geschichten beflügeln oft unsere Phantasie und in Gedanken meistert man natürlich alle Probleme besser als die Betroffenen in realitätsnahen Beschreibungen und dem dort geschilderten persönlichen Leid. Ja und dann kommt da noch die Überheblichkeit der später Geborenen: Ist man nicht den vor 100 oder 150 Jahren Lebenden haushoch an Wissen überlegen?

Was nutzt uns aber die Kenntnis moderner Kommunikationstechnologien, wenn wir, natürlich rein hypothetisch, von allen Errungenschaften der modernen Technik abgenabelt wären? Spätestens dann, wenn in der Praxis unsere Hightech-Werkzeuge oder das von uns gewohnte, gut organisierte Umfeld fehlt, dann merkt man, dass uns viel Wissen verloren ging. Wissen um die einfache Dinge des Lebens, Grundfunktionen der Technologie, Kenntnis einfachster Werkzeuge und Tätigkeiten, ja selbst die Kunst aus wenigen Dingen eine schmackhafte oder zumindest gehaltvolle Nahrung zu erhalten. Wie kann man aus Getreidekörnern Brot gewinnen? Was tun, wenn keine aufbereiteten und verpackten Lebensmittel zur Verfügung stehen? Könnten wir, selbst wenn vorhanden, aus Wolle auch Kleidung herstellen? Während man zur Lektüre von Fach- oder Sachbüchern in Ausbildung und Freizeit motiviert sein muss, kann man bei geschickt angelegten Robinsonaden noch quasi „nebenbei“ einiges an Grundwissen reaktivieren oder sogar dazu lernen. So wird selbst die Technologie des Überlebens zum Abenteuer in diesem Genre der Literatur. Und diese Idee habe ich in alten und in neuen Versionen dieser Geschichten gefunden.

SelkirkKehren wir zurück zu unserem „Original-Robinson“: Anknüpfend an den Erfolg Robinson's versuchten bereits kurz nach ihm die ersten Nachahmer, weitere Geschichten dieser Art zu publizieren. Aber auch einen zweiten „Original-Robinson“ gab es bald: Als bei Defoe das Geld knapper wurde, schrieb er selbst eine Fortsetzung seines Erfolgsromans: Die späteren Fahrten des ROBINSON CRUSOE zu seiner Insel rund um die Welt. Damit konnte er zwar nicht an den ersten Erfolg anknüpfen, aber all diese, besonders auch die nachfolgenden Bücher, gehörten schnell zur Standardlektüre junger Erwachsener aber auch zunehmend zu der der Kindern. „In solch einer Atmosphäre ist es nicht weiter verwunderlich, dass der Robinson Crusoe in den Bücherschränken von Reedern und Schiffsmaklern stand und von deren Kindern gelesen werden konnte ....“ /2/. Jules Verne wuchs ebenfalls mit dieser Art Lektüre auf, ja sie gehörte (nach Aussagen seiner Biographen) zu seinen persönlichen Favoriten. „Verne stand also eine beeindruckende Auswahl zur Verfügung, und er begeisterte sich für den Schweizerischen Robinson von Wyß, den Zwölfjährigen Robinson von Frau Mallès de Beaulieu, den Robinson im Wüstensand von Frau de Mirval, die Abenteuer von Robert-Robert von Louis Desnoyers, die eine Mondreise enthalten, den Robinson im Eis von Fouinet, dessen Titel für den zweiten Teil von Die Abenteuer des Kapitän Hatteras übernommen wurde, und dem Krater von Cooper. Noch bei dem zweiundsiebzigjährigen Verne ist diese Faszination lebendig wie eh und je: Die Robinsone waren die Bücher meiner Kindheit, und ich habe sie in bleibender Erinnerung behalten, nicht zuletzt deshalb, weil ich jedes gleich mehrmals gelesen habe. Ich habe auch in den späteren Jahren nie wieder solche Leseerlebnisse gehabt wie damals. Das meine Vorliebe für derlei Abenteuer mich instinktiv auf den Weg gebracht hat, den ich einmal eingehen sollte, ist unbezweifelbar.“ /3/

Aber Verne setzte dem originalen Robinson, nämlich Alexander Selkirk auch in seinen Büchern ein bleibendes Denkmal. So beschreibt er in seinem Buch  Die großen Seefahrer des XXIII. Jahrhunderts, wie 1709 bei Annäherung eines Schiffes an eine Insel ein Feuer am Strand beobachtet wird: „Es war das ein schottischer Matrose, mit Namen Alexander Selkirk, der in Folge eines Zerwürfnisses mit seinem Kapitän vor nun viereinhalb Jahren auf dieser wüsten Insel ausgesetzt worden war. Dieser hatte auch das wahrgenommene Feuer entzündet. Während seines Aufenthaltes in Juan Fernandez sah Selkirk zwar viele Schiffe in der Nähe vorüber segeln, doch gingen nur zwei der selben hier vor Anker.“ (Zitat aus /5/, Seite 17. Bild links im Text ebenfalls aus dieser Quelle Seite 19. Text zum Bild: „Selkirk stürzt samt seiner Beute“). In seinem Roman  Zwei Jahre Ferien (VE 32) spricht er nochmals Selkirk an: „Auf der Strecke zwischen Auckland und der Westküste Amerikas lagen im Norden und unterhalb des Tuamotu-Archipels nur die Osterinsel und die Insel Juan Fernandez, auf der Selkirk – ein echter Robinson – einen Teil seines Lebens verbracht hatte.“ (Zitat aus /6/, Seite 77)

Im Schaffen Jules Vernes lernen wir dann das gesamte Spektrum möglicher Inselabenteuer kennen. Aber während Verne in seinen Büchern meist „Kopfreisen“ durchführte, gab es andere, die sich direkt am Virus Robinson infiziert hatten und die die Enge der gewohnten Umwelt verließen. Friedrich Gerstäcker (1816 – 1872), Abenteurer, Weltenbummler und Schriftsteller sagte 1870 in einer Publikation über sich: „Was mich so in die Welt hinausgetrieben? - Will ich aufrichtig sein, so war der, der den ersten Anstoß dazu gab, ein alter Bekannter von uns allen, und zwar niemand anders als Robinson Crusoe. Mit meinem achten Jahr schon faßte ich den Entschluß, ebenfalls eine unbewohnte Insel aufzusuchen, und wenn ich auch, herangewachsen, von der letzteren absah, blieb doch für mich, wie für tausend andere, das Wort 'Amerika' eine gewisse Zauberformel, die mir die fremden Schätze des Erdballs erschließen sollte.“ /4/

Strandidyll CaribicAber kehren wir wieder zurück zu den Reflexionen Jules Vernes. Bei ihm gibt es Bücher, bei denen die Robinsonade der eigentliche Aufhänger der Geschichte ist, aber es gibt auch mehrere „Nebenbei"-Robinsonaden. (Bild rechts: /8/)

Beginnen wir mit den ersteren: In der Reihenfolge seines Zyklus' der Voyages Extraordinaires (VE) hat es im Band VE 5 in  Die Kinder des Kapitän Grant den schottischen Kapitän Grant und zwei seiner Besatzungsmitglieder auf die einsame Insel Tabor, nach einem Schiffbruch, verschlagen. Wie der Zufall es will, wird im Roman auch ein fiktives Gespräch über Robinsone geführt. Ob dabei der Standpunkt Vernes zu Tage tritt? Als Paganel von einsamen Inseln schwärmt, erhält er darauf eine interessante Antwort : Paganel: "- Wie, Madame, Sie glauben nicht, daß man auf einer verlassenen Insel glücklich sein könne?"
 (Antwort von Lady Helena:) "  - Ich denke es nicht. Der Mensch ist zur Geselligkeit, nicht zur Einsamkeit geschaffen. Die Einsamkeit kann nur die Verzweiflung erzeugen. Es ist das übrigens eine Frage der Zeit. Wohl mögen die Sorgen um das materielle Leben, die Bedürfnisse für seine Existenz, den kaum vom Wellentode geretteten Unglücklichen zerstreuen, und die Noth der Gegenwart ihm die drohende Zukunft verschleiern; das ist wohl möglich! Dann aber, wenn er sich allein fühlt, fern von Seinesgleichen, ohne Hoffnung, sein Vaterland und seine Lieben wiederzusehen, was muß er dann denken, was muß er leiden? Sein Eiland ist ihm die ganze Welt; die ganze Menschheit stellt nur er da, und dann, wenn der Tod ihn antritt, der schreckliche Tod in der Verlassenheit, dann steht er da wie der letzte Mensch am jüngsten Tage. Glauben Sie mir, Paganel, es ist doch besser, dieser Letzte nicht zu sein!" (Zitat aus /12/) Eine Standpunkt, dem es nicht viel hinzu zu fügen gibt.

In seiner nächsten Robinsonade erhöht sich die Anzahl der Schiffbrüchigen, die aber eigentlich „Ballonbrüchige“ sind: In  Die geheimnisvolle Insel (VE 12) sind es mutigen Amerikaner unter Cyrus Smith, die nach einer Sturmfahrt im Orkan mit ihrem Ballon mitten im Pazifik vom Schicksal auf eine einsame Insel ausgesetzt werden. Diese wird Heimat der sich später Kolonisten nennenden Freunde – sie ist uns unter dem Namen Lincolninsel ein Begriff geworden (Foto rechts: /8/).

Dschungelimpression KolumbienIn  Die Schule der Robinsons (VE 22) strandet, geplant von langer Hand, eine völlig der Praxis entfremdete Gruppe Amerikaner (selbst ein Lehrer für Tanz und Anstand ist dabei) auf einer Insel. Hier sollen sie eine praktische Lehre für ihr Leben erhalten. Wie so oft bei solch Versuchen, gerät das Experiment außer Kontrolle. (Bild links: /13/) Eine weitere Gruppe, diesmal eine ganze Internatsklasse, wird in  Zwei Jahre Ferien (VE 32) an den Strand einer Insel angespült. Diesmal ist der Schiffbruch das Ende einer Irrfahrt im Sturm ohne die eigentliche Stammbesatzung. Das Schiff hatte sich ohne Besatzungsmitglieder von der Liegestelle gelöst und das führerloses Schiff trieb mit den bereits an Bord befindlichen Kindern über den Pazifik. Die Kinder waren von der Schiffsführung völlig überfordert. Nach der Strandung, die sich zuerst als Rettung darstellte, waren die Kinder völlig auf sich selbst gestellt, denn an Land gekommen mussten sie feststellen, dass es sie auf eine einsame Insel verschlagen hatte. Noch während sie versuchten ihr Leben neu zu organisieren, mussten sie feststellen, dass es manchmal sogar sicherer sein kann, wirklich einsam auf einer Insel zu sein.... - In diesem Roman sind die Bezüge zu Robinson und seine Vertreter besonders deutlich ausgeprägt. Dazu einige Beispiel die ich fand. So lesen wir über einen der Jungen: „Service ist ganz sicher der fröhlichste und übermütigste von allen, ein richtiger Clown, der nur von Reiseabenteuern träumt und dessen Lieblingslektüre >Robinson Crusoe< und der >Schweizer Robinson< sind“ (Zitat aus /6/, Seite 40). Oder: „In der Bibliothek der Jacht befanden sich eine Reihe guter englischer und französischer Bücher, vor allem Reisebeschreibungen und wissenschaftliche Werke, natürlich auch die beiden berühmten Robinsonaden.“ (Zitat aus /6/, Seite 58) Aber mit dem Schiff wird noch eine andere Parallele hergestellt: „Unsere >Sloughi< ist wirklich genau im richtigen Augenblick von einer freundlichen Welle, die sie nicht einmal allzusehr beschädigt hat, auf den Strand getragen worden. Weder Robinson Crusoe noch der Schweizer Robinson hatten auf ihren Phantasie-Inseln soviel Glück.“ (Zitat aus /6/, Seite 65). Als ein Strauß gefangen wurde sagte Service: „Das überlaßt nur mir, ich mache das schon. Im Schweizer Robinson steht, wie man das macht.“ (Zitat aus /6/, Seite 148) Und weiter geht es mit der Episode: „Und trotzdem, meinte er eines Tage und bezog sich auf seinen Schweizer Robinson, den er immer wieder las, ist es Jack gelungen, aus seinem Strauß ein schnelles Rennpferd zu machen.“ (Zitat aus /6/, Seite 185). Aber eine Einschätzung trifft es ganz besonders, als es darum geht wie man sich selbst bezeichnen sollte: „Ein Robinson-Internat!“ (Zitat aus /6/, Seite 162) - Dies könnte kurz und prägnant genau die Kennzeichnung des Romans sein ....

Eine besondere Stellung nimmt der Roman  Das zweite Vaterland (VE 47) ein. Dieser Roman wurde von Verne unter dem Zeichen der Rückbesinnung geschrieben. Wie auch schon bei anderen Romanen und Kurzgeschichten aus der Zeit von Mitte der neunziger Jahre des ausgehenden 19. Jahrhunderts bis zu seinem Tode, greift er auf den Fundus seiner literarischen Erstlinge oder auf Lieblingsbücher seiner Jugend zurück. So schreibt er im Roman Das zweite Vaterland die Geschichte der Schweizer Robinsons von Johann David Wyß weiter. Sein Zweites Vaterland zeigt das Leben der Familie Robinson in den späteren Jahren, als diese bereits die Möglichkeit hatten, die Insel zu verlassen. Dieses, schon in der Jugend von Verne gern gelesene Buch, war ihm schon Inspiration bei  Onkel Robinson.

Onkel RobinsonOnkel Robinson (Bild links, Quelle /9/)ist als Buch noch nicht so verbreitet, da es erst 1991 veröffentlicht wurde. Die Geburtsstunde des Buches schlug aber eigentlich bereits 1870/71, aber es lag nur als unveröffentlichtes Fragment vor. Die Stadt Nantes, die Geburtsstadt Vernes, kaufte die Rechte des Manuskripts und so können wir heute die dort enthaltenen Abenteuer miterleben. Im Onkel Robinson sind die Hauptakteure eine Gruppe von Schiffbrüchigen. Eigentlich sind sie die Opfer eines Piratenanschlags, in dessen Folge sie in einem kleinen Boot ausgesetzt wurden. Mit diesem gelangen sie auf eine Insel, die wir später in den Beschreibungen der Geheimnisvollen Insel wieder finden. Der Quervergleich beider Bücher ist sehr interessant – selbst die Schrotkugel im Pekari finden wir wieder, nur ist es hier ein Hase. 

Unter Führung des erfahrenen Matrosen Flip wird das Überleben der gemischten Gruppe organisiert. Auf mich hat dieser Roman besonders angenehm gewirkt: Seine klare beschreibende Stilistik, ohne viele Schnörkel und ohne die oft bei Verne zu finden Erläuterungen und Belehrungen, sind angenehm zu lesen.

Noch größer wird die Masse der Gestrandeten im Roman  Die Schiffbrüchigen der Jonathan. In diesem Buch, welches unter starker Mitwirkung Michel Vernes entstand, und welches erst 1909 veröffentlicht wurde, stranden über 1000 Menschen abseits der Zivilisation. Unter der Führung des ehemaligen Anarchisten Kaw Djers wird hier beispielhaft ein komplettes Sozialgefüge geschaffen. Wie in einer Gesellschaftsutopie wird das „was wäre wenn“ eines theoretischen kleinen Volkes durchgespielt. Dabei wird, ungewöhnlich bei Verne, stark politisiert.

Aber wir finden auch noch in anderen Romanen Vernes versteckte oder in die Nebenhandlung eingebaute Robinsons.

Dazu gehören zuerst die Abenteuer im Roman Reisen und Abenteuer des Kapitän Hatteras (VE 2), in denen der Brite Hatteras, gestrandet mit seinem Schiff Forward, mitten im Eis überwintern muss. Erwähnt sei dann vor allem Ayrton, der im Roman  Die Kinder des Kapitän Grants auf eine einsame Insel ausgesetzt wird. Erst in  Die geheimnisvolle Insel wird er von den Kolonisten der Nachbarinsel gerettet und wieder resozialisiert.  Wir erinnern uns: Die Tabor-Insel wurde von der Lincoln-Insel aus erkundet.

Im Roman  Ein Kapitän von 15 Jahren (VE 17) ist die Insel etwas größer. Hier standen die Schiffbrüchigen vor Afrika, was aber für den jugendlichen Kapitän nicht erkennbar war. In der VE 42  Die Erfindung des Verderbens haben wir diesmal nicht Schiffbrüchige, sondern den entführten Wissenschaftler Thomas Roch und seinen Pfleger Simon Hart, die es auf eine Insel verschlagen hat. Eingesperrt von Piraten im Innern der Insel Back-Cup haben sie das gleiche Ziel eines Robinsons - zumindest Simon -: Zurück zur Zivilisation, zurück zu den Menschen ihrer Heimat.

Adria-InselBei noch intensiveren Nachdenken würden uns vielleicht noch mehr Beispiele einfallen. Aber betrachten wir all diese Geschichten, so ergibt sich für den Leser die Frage: Wieso sind die Gestrandeten bei Verne nie Einzelpersonen - also „richtige“ Robinsons? Meine persönliche Erklärung dafür ist, dass ich vermute, die oft in Gruppen auftretenden Schiffbrüchigen hatten für Verne einen großen schriftstellerischen Vorteil: Ein Robinson führt maximal Monologe, viele Robinsons sind die Grundlage für Dialoge und durch unterschiedliche Charaktere kann der Stoff belebt werden. Gleichzeitig schaffen mehrere Personen den Ausgang für Partei- und Gruppenbildungen innerhalb dieses Mikrokosmos' und damit lässt sich ein meist spannender Handlungsfaden spinnen. Und da unter den Mitgliedern Vern'scher Hauptdarsteller meist immer ein gut geschultes Teammitglied ist, kann Verne stets aus dem Füllhorn seiner reichlichen Fakten- und Hintergrundinformationen schöpfen.

Aber ist mit der erschöpfenden Vielfalt der vorliegenden Robinson-Varianten heutzutage der Bedarf an diesem Genre gedeckt? Das muss klar verneint werden, denn noch immer stranden in unseren Büchern Helden die zum Beispiel in Kriegswirren verschleppt, verschlagen oder entführt wurden. Noch immer entflammt sich unsere Phantasie an dem Szenario des Überlebenskampfes in exotischer Kulisse oder in einer von der zivilisierten Welt abgeschnittenen Region. Wie war das noch mit dem Flugzeugabsturz im Dschungel oder auf einer Insel im Pazifik .... Robinson lässt grüßen! (Bild links Quelle /10/)

Andreas Fehrmann

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Copyright © Andreas Fehrmann – 05/2002, letzte Aktualisierung 9. Februar 2016

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