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Quellen
/1/ Hermann
Schreiber: „Das Abenteuer und seine Autoren“ ©
Weltbild Verlag, Augsburg 1999; Zitat Seite 17: “Paradiese
und ihre Fehler“
/2/ Nachwort von
Christian Robin zu: Jules Verne „Onkel Robinson“; ©
1991 by le cherche midi éditeur, für die deutsche
Ausgabe nymphenburger in der F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung
GmbH, München 1993; Zitat Seite 276 „Eine der ersten
Lektüren des Schriftstellers“ (CF /6501/)
/3/ „Pourquoi
j`ai écrit Seconde Patrie“, Vorwort zu Seconde
Patrie 1900. (Deutscher Titel: Das zweite Vaterland). Zitiert
aus /2/, gleicher Abschnitt Seite 276 (CF /6501/)
/4/ Zitat ©
Thomas Ostwald: „Friedrich Gerstäcker und seine
Vorbilder“ auf der Homepage www.gerstaecker.org
/5/
Jules Verne: „Die großen Seefahrer des XVIII.
Jahrhunderts“, Ausgabe A. Hartleben's Verlag Wien Pest
Leipzig 1881 (CF /G0302/)
/6/
Jules Verne: „Zwei Jahre Ferien“; Ausgabe
detebe-Klassiker 20440 (Details siehe auf Link zum Buch, (CF
/3202/)
/7/
Bildzitate aus: Robinson Crusoe, Das Original des Daniel de Foe,
1908, 4. Aufl. Verlag von Otto Spamer Leipzig (Bearbeitung: Otto
Zimmermann, Illustr. von F.H. Nicholson)
/8/
Die Kinder des Kapitän Grant; Zeichnung © Piero
Cattaneo; 1977 Schwager und Steinlein Kunstanstalt und Verlag
Nürnberg (CF /0509/)
/9/
Buchtitel: © nymphenburger in der F.A. Herbig
Verlagsbuchhandlung GmbH, München 1993, ISBN 3-458-00673-4
(CF /6501/)
/10/
Inselfoto: © Andreas Fehrmann 08/2001 (Adriainsel vor
Kroatien)
/11/
Inselfoto: © Andreas Fehrmann 08/2004 (Insel vor Beruwela,
Indischer Ozean)
Ergänzender
LINK: Die Vielfalt der im deutschsprachigem Raum verlegten
Robinsonaden
stellt Dr. Walter
Wehner auf seiner Seite vor. Eine Fundgrube für alle
Robinsons', mit der Möglichkeit auch nach vergessen
geglaubten Büchern zu recherchieren.
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Robinsonaden
und Inselabenteuer bei Jules Verne
Sobald
man in seiner Jugend beginnt, sich der Abenteuerliteratur
zuzuwenden, kommt man nicht umhin einem speziellem Genre zu
begegnen: Den Robinsonaden.
Gerade
dieses Genre bedient unsere Sehnsüchte nach Fernweh und
exotischen Schauplätzen. Ist es denn verwunderlich, wenn
sich Generationen von Schülern von ihren Schulbänken
weg, zu Sonnenstränden, maritimen Flair und interessanten
Jagten im Dschungel fremder Länder hin träumten? Ist
nicht überhaupt für einen alltagsgeplagten
Mitteleuropäer der fiktive Kampf um das Überleben auf
einer einsamen Insel, fernab der großen Schifffahrtswege,
viel attraktiver als die tägliche Hausarbeit, Einkäufe
im Supermarkt oder dem alltäglichen Stress in der Firma?
Selbst die heutzutage überall ausliegenden Prospekte für
Fernreisen initiieren unsere Sehnsüchte in diese Richtung.
Wenn sich zum Picknick im Grünen die Väter mit
angsteinflößenden Messern am Gürtel bewaffnen,
um dann noch ihren Sprösslingen theoretische Unterweisungen
im Überlebenskampf zu geben (stell dir vor du müsstest
ohne Hilfsmittel Feuer machen...), dann wird es ein Rückerinnern
an Jugendträume geben. (Bild unten Quelle /11/).

Aber
blicken wir zurück auf den Klassiker schlechthin: Im Jahre
1719 erschien in England ein Buch, welches in seiner Art völlig
neu war und das Pate für viele andere stehen sollte. Schon
der ellenlange Titel verhieß Spannung: „The Life
and Strange Surprizing Adventures of Robinson Crusoe“
nach einigen weiteren Erläuterungen kam dann die Aussage:
„Written by himself“. Aber wir wissen natürlich,
dass nicht Robinson sondern Daniel Defoe (1660 –
1731) der wirkliche Autor war. (Bild links: Quelle /7/). Defoe
selbst wurde durch die realen Abenteuer des Matrosen Selkirk
inspiriert, von dem noch weiter unten im Text berichtet wird.
Ich will an dieser Stelle nicht über die Möglichkeit
oder Unmöglichkeit des 28jährigen Überlebenskampfes
Robinsons philosophieren – das haben Andere schon genügend
getan. Aber an eins möchte ich erinnern: Schafft es nicht
Defoe auf wunderbare Weise, dass sich Generationen Jugendlicher
und Erwachsener auf eine einsame Insel gesehnt haben? Was macht
die Faszination aus? Ist es die schon erwähnte exotische
Ferne, die Herausforderung des Einzelnen oder einer kleinen
Gruppe, die dem Ungemach widriger Umstände trotzt und auf
einem Außenposten der Zivilisation eine Existenz aufbaut?
Oft ist nicht die eigentliche Rettung vom Eiland, sondern der
Überlebenskampf und die Organisation des Lebens auf der
Insel das Hauptaugenmerk der Autoren, denn sie versuchen die
Sehnsucht ihrer Leser auf genau diesen Fakt zu stillen. Dabei
wird die Realität, die solchen Geschichten eigentlich
zugrunde liegt, völlig verklärt.
„Träumt man in
Schulstuben, Internatsbetten oder Dienerzimmern von der großen
Welt und der verheißungsvollen Ferne, dann stellen sich
großzügig und bunt alle Farben der Phantasie ein.
Nicht wenige der Abenteurer, die im achtzehnten und neunzehnten
Jahrhundert die Sieben Meere bevölkerten, waren zwölf,
vierzehn, allenfalls sechzehn Jahre alt, und so mancher ging
zugrunde, ehe er zur Besinnung kam, denn die Inselparadiese, die
leuchtenden Fernen, die man aus dem Reisebuch eines Marco Polo
zu kennen meinte, sie konnten nur in langen, mühseligen und
entbehrungsreichen Reisen erreicht werden.“ (Zitat Quelle
/1/ siehe unten)
Aber
Entbehrungen und Tod sind allemal nur schmückendes Beiwerk
in der Abenteuerliteratur – eine abschreckende Wirkung
können sie nicht erzielen. Heutzutage ist natürlich
die Gefahr, dass ein Buch zur Flucht aus gewohnten Bahnen des
Alltags beiträgt ziemlich gering. Aber noch in Artikeln um
1900 konnte man lesen, dass vor der „jugendverderblichen
Wirkung“ von Abenteuerliteratur gewarnt wird. (Bild
rechts: Robinson schlachtet das Schiffswrack aus. Illustration
aus /7/)
Gerade die
Herausforderungen in den Geschichten beflügeln oft unsere
Phantasie und in Gedanken meistert man natürlich alle
Probleme besser als die Betroffenen in realitätsnahen
Beschreibungen und dem dort geschilderten persönlichen
Leid. Ja und dann kommt da noch die Überheblichkeit der
später Geborenen: Ist man nicht den vor 100 oder 150 Jahren
Lebenden haushoch an Wissen überlegen?
Was nutzt uns
aber die Kenntnis moderner Kommunikationstechnologien, wenn wir
(natürlich rein hypothetisch) von allen Errungenschaften
der modernen Technik abgenabelt wären? Spätestens
dann, wenn in der Praxis unsere Hightechwerkzeuge oder das von
uns gewohnte, gut organisierte Umfeld fehlt, dann merkt man,
dass uns viel Wissen verloren ging. Wissen um die einfache Dinge
des Lebens, Grundfunktionen der Technologie, Kenntnis
einfachster Werkzeuge und Tätigkeiten, ja selbst die Kunst
aus wenigen Dingen eine schmackhafte oder zumindest gehaltvolle
Nahrung zu erhalten. Wie kann man aus Getreidekörnern Brot
gewinnen? Was tun, wenn keine aufbereiteten und verpackten
Lebensmittel zur Verfügung stehen? Könnten wir, selbst
wenn vorhanden, aus Wolle auch Kleidung herstellen? Während
man zur Lektüre von Fach- oder Sachbüchern motiviert
sein muss (Ausbildung oder Hobby), kann man bei geschickt
angelegten Robinsonaden noch quasi „nebenbei“
einiges an Grundwissen reaktivieren oder sogar dazu lernen. So
wird selbst die Technologie des Überlebens zum Abenteuer in
diesem Genre der Literatur. Und diese Idee habe ich in „alten“
und in „neuen“ Versionen dieser Geschichten
gefunden.
Kehren
wir zurück zu unserem „Original-Robinson“:
Anknüpfend an den Erfolg „Robinsons“ versuchten
bereits kurz nach ihm die ersten Nachahmer, weitere Geschichten
dieser Art zu publizieren. Aber auch einen zweiten
„Original-Robinson“ gab es bald: Als bei Defoe das
Geld knapper wurde, schrieb er selbst eine Fortsetzung seines
Erfolgsromans: „Die späteren Fahrten des ROBINSON
CRUSOE zu seiner Insel rund um die Welt“. Damit konnte er
zwar nicht an den ersten Erfolg anknüpfen, aber all diese,
besonders auch die nachfolgenden Bücher, gehörten
schnell zur Standardlektüre junger Erwachsener aber auch
zunehmend zu der der Kindern. „In solch einer Atmosphäre
ist es nicht weiter verwunderlich, dass der Robinson Crusoe
in den Bücherschränken von Reedern und Schiffsmaklern
stand und von deren Kindern gelesen werden konnte ....“
/2/. Jules Verne wuchs ebenfalls mit dieser Art Lektüre
auf, ja sie gehörte (nach Aussagen seiner Biographen) zu
seinen persönlichen Favoriten. „Verne stand also eine
beeindruckende Auswahl zur Verfügung, und er begeisterte
sich für den
Schweizerischen
Robinson von Wyß,
den Zwölfjährigen Robinson von Frau Mallès
de Beaulieu, den Robinson im Wüstensand von Frau de
Mirval, die Abenteuer von Robert-Robert von Louis
Desnoyers, die eine Mondreise enthalten, den Robinson im Eis
von Fouinet, dessen Titel für den zweiten Teil von Die
Abenteuer des Kapitän Hatteras übernommen wurde,
und dem Krater von Cooper. Noch bei dem
zweiundsiebzigjährigen Verne ist diese Faszination lebendig
wie eh und je: Die Robinsone waren die Bücher meiner
Kindheit, und ich habe sie in bleibender Erinnerung behalten,
nicht zuletzt deshalb, weil ich jedes gleich mehrmals gelesen
habe. Ich habe auch in den späteren Jahren nie wieder
solche Leseerlebnisse gehabt wie damals. Das meine Vorliebe für
derlei Abenteuer mich instinktiv auf den Weg gebracht hat, den
ich einmal eingehen sollte, ist unbezweifelbar.“ /3/
Aber Verne setzte
dem originalen Robinson, nämlich Alexander Selkirk auch in
seinen Büchern ein bleibendes Denkmal. So beschreibt er in
seinem Buch
„Die
großen Seefahrer des XXIII. Jahrhunderts“,
wie 1709 bei Annäherung eines Schiffes an eine Insel ein
Feuer am Strand beobachtet wird: „Es
war das ein schottischer Matrose, mit Namen Alexander Selkirk,
der in Folge eines Zerwürfnisses mit seinem Kapitän
vor nun viereinhalb Jahren auf dieser wüsten Insel
ausgesetzt worden war. Dieser hatte auch das wahrgenommene Feuer
entzündet. Während seines Aufenthaltes in Juan
Fernandez sah Selkirk zwar viele Schiffe in der Nähe
vorüber segeln, doch gingen nur zwei der selben hier vor
Anker.“ (Zitat aus /5/, Seite 17. Bild links im
Text ebenfalls aus dieser Quelle Seite 19. Text zum Bild:
„Selkirk stürzt samt seiner Beute“). In seinem
Roman
„Zwei
Jahre Ferien“ (VE
32) spricht er nochmals Selkirk an: „Auf
der Strecke zwischen Auckland und der Westküste Amerikas
lagen im Norden und unterhalb des Tuamotu-Archipels nur die
Osterinsel und die Insel Juan Fernandez, auf der Selkirk –
ein echter Robinson – einen Teil seines Lebens verbracht
hatte.“ (Zitat aus /6/, Seite 77)
Im Schaffen Jules
Vernes lernen wir dann das gesamte Spektrum möglicher
Inselabenteuer kennen. Aber während Verne in seinen Büchern
meist „Kopfreisen“ durchführte, gab es andere,
die sich direkt am Virus Robinson infiziert hatten und die die
Enge der gewohnten Umwelt verließen. Friedrich
Gerstäcker (1816 – 1872), Abenteurer,
Weltenbummler und Schriftsteller sagte 1870 in einer Publikation
über sich: „Was mich so in die Welt hinausgetrieben?
- Will ich aufrichtig sein, so war der, der den ersten Anstoß
dazu gab, ein alter Bekannter von uns allen, und zwar niemand
anders als Robinson Crusoe. Mit meinem achten Jahr schon faßte
ich den Entschluß, ebenfalls eine unbewohnte Insel
aufzusuchen, und wenn ich auch, herangewachsen, von der
letzteren absah, blieb doch für mich, wie für tausend
andere, das Wort 'Amerika' eine gewisse Zauberformel, die mir
die fremden Schätze des Erdballs erschließen sollte.“
/4/
Aber
kehren wir wieder zurück zu den Reflexionen Jules Vernes.
Bei ihm gibt es Bücher, bei denen die Robinsonade der
eigentliche „Aufhänger“ der Geschichte ist,
aber es gibt auch mehrere „Nebenbei-Robinsonaden“.
Beginnen wir mit
den ersteren: In der Reihenfolge seines Zyklus' der Voyages
Extraordinaires (VE) hat es im Band VE 5 in
„Die
Kinder des Kapitän Grant“ den
schottischen Kapitän Grant und zwei seiner
Besatzungsmitglieder auf die einsame Insel Tabor, nach einem
Schiffbruch, verschlagen. In seiner nächsten Robinsonade
erhöht sich die Anzahl der Schiffbrüchigen, die aber
eigentlich „Ballonbrüchige“ sind: In
„Die
geheimnisvolle Insel“ (VE
12) sind es mutigen Amerikaner unter Cyrus Smith, die nach einer
Sturmfahrt im Orkan mit ihrem Ballon mitten im Pazifik vom
Schicksal auf eine einsame Insel ausgesetzt werden. Diese wird
Heimat der sich später „Kolonisten“ nennenden
Freunde – sie ist uns unter dem Namen „Lincolninsel“
ein Begriff geworden. (Bildquelle /8/)
In
„Die
Schule der Robinsons“ (VE
22) strandet, geplant von langer Hand, eine völlig der
Praxis entfremdete Gruppe Amerikaner (selbst ein Lehrer für
Tanz und Anstand ist dabei) auf einer Insel. Hier sollen sie
eine praktische Lehre für ihr Leben erhalten. Wie so oft
bei solch Versuchen, gerät das Experiment außer
Kontrolle. Eine weitere Gruppe, diesmal eine ganze
Internatsklasse, wird in
„Zwei
Jahre Ferien“ (VE
32) an den Strand einer Insel angespült. Diesmal ist der
Schiffbruch das Ende einer Irrfahrt im Sturm ohne die
eigentliche Stammbesatzung. Das Schiff hatte sich ohne
Besatzungsmitglieder von der Liegestelle gelöst und das
führerloses Schiff trieb mit den bereits an Bord
befindlichen Kindern über den Pazifik. Die Kinder waren von
der Schiffsführung völlig überfordert. Nach der
Strandung, die sich zuerst als Rettung darstellte, waren die
Kinder völlig auf sich selbst gestellt, denn an Land
gekommen mussten sie feststellen, dass es sie auf eine einsame
Insel verschlagen hatte. Noch während sie versuchten ihr
Leben neu zu organisieren, mussten sie feststellen, dass es
manchmal sogar sicherer sein kann, wirklich einsam auf einer
Insel zu sein.... - In diesem Roman sind die Bezüge zu
Robinson und seine Vertreter besonders deutlich ausgeprägt.
Dazu einige Beispiel die ich fand. So lesen wir über einen
der Jungen: „Service ist ganz sicher
der fröhlichste und übermütigste von allen, ein
richtiger Clown, der nur von Reiseabenteuern träumt und
dessen Lieblingslektüre >Robinson Crusoe< und der
>Schweizer Robinson< sind“ (Zitat aus /6/,
Seite 40). Oder: „In der Bibliothek
der Jacht befanden sich eine Reihe guter englischer und
französischer Bücher, vor allem Reisebeschreibungen
und wissenschaftliche Werke, natürlich auch die beiden
berühmten Robinsonaden.“ (Zitat aus /6/, Seite
58) Aber mit dem Schiff wird noch eine andere Parallele
hergestellt: „Unsere >Sloughi<
ist wirklich genau im richtigen Augenblick von einer
freundlichen Welle, die sie nicht einmal allzusehr beschädigt
hat, auf den Strand getragen worden. Weder Robinson Crusoe noch
der Schweizer Robinson hatten auf ihren Phantasie-Inseln soviel
Glück.“ (Zitat aus /6/, Seite 65). Als ein
Strauß gefangen wurde sagte Service: „Das
überlaßt nur mir, ich mache das schon. Im Schweizer
Robinson steht, wie man das macht.“ (Zitat aus /6/,
Seite 148) Und weiter geht es mit der Episode: „Und
trotzdem, meinte er eines Tage und bezog sich auf seinen
Schweizer Robinson, den er immer wieder las, ist es Jack
gelungen, aus seinem Strauß ein schnelles Rennpferd zu
machen.“ (Zitat aus /6/, Seite 185). Aber eine
Einschätzung trifft es ganz besonders, als es darum geht
wie man sich selbst bezeichnen sollte: „Ein
Robinson-Internat!“ (Zitat aus /6/, Seite 162) -
Dies könnte kurz und prägnant genau die Kennzeichnung
des Romans sein ....
Eine besondere Stellung nimmt
der Roman
„Das
zweite Vaterland“ (VE
47) ein. Dieser Roman wurde von Verne unter dem Zeichen der
Rückbesinnung geschrieben. Wie auch schon bei anderen
Romanen und Kurzgeschichten aus der Zeit von Mitte der neunziger
Jahre des ausgehenden 19. Jahrhunderts bis zu seinem Tode,
greift er auf den Fundus seiner literarischen Erstlinge oder auf
Lieblingsbücher seiner Jugend zurück. So schreibt er
im Roman „Das zweite Vaterland“ die Geschichte der
„schweizer Robinsons“ von Johann David Wyß
weiter. Sein „Zweites Vaterland“ zeigt das Leben der
Familie Robinson in den späteren Jahren, als diese bereits
die Möglichkeit hatten, die Insel zu verlassen. Dieses,
schon in der Jugend von Verne gern gelesene Buch, war ihm schon
Inspiration bei
„Onkel
Robinson“.
„Onkel
Robinson“ (Bild links, Quelle /9/)ist als Buch noch nicht
so verbreitet, da es erst 1991 veröffentlicht wurde. Die
Geburtsstunde des Buches schlug aber eigentlich bereits 1870/71,
aber es lag nur als unveröffentlichtes Fragment vor. Die
Stadt Nantes, die Geburtsstadt Vernes, kaufte die Rechte des
Manuskripts und so können wir heute die dort enthaltenen
Abenteuer miterleben. Im „Onkel Robinson“ sind die
Hauptakteure eine Gruppe von Schiffbrüchigen. Eigentlich
sind sie die Opfer eines Piratenanschlags, in dessen Folge sie
in einem kleinen Boot ausgesetzt wurden. Mit diesem gelangen sie
auf eine Insel, die wir später in den Beschreibungen der
„Geheimnisvollen Insel“ wieder finden (der
Quervergleich beider Bücher ist sehr interessant –
selbst die Schrotkugel im Pekari finden wir wieder, nur ist es
hier ein Hase ...). Unter Führung des erfahrenen Matrosen
Flip wird das Überleben der gemischten Gruppe organisiert.
Auf mich hat dieser Roman besonders angenehm gewirkt: Seine
klare beschreibende Stilistik, ohne viele Schnörkel und
ohne die oft bei Verne zu finden Erläuterungen und
Belehrungen, sind angenehm zu lesen.
Noch größer
wird die Masse der Gestrandeten im Roman
„Die
Schiffbrüchigen der Jonathan“.
In diesem Buch, welches unter starker Mitwirkung Michel Vernes
entstand, und welches erst 1909 veröffentlicht wurde,
stranden über 1000 Menschen abseits der Zivilisation. Unter
der Führung des ehemaligen Anarchisten Kaw Djers wird hier
beispielhaft ein komplettes Sozialgefüge geschaffen. Wie in
einer Gesellschaftsutopie wird das „was wäre wenn“
eines theoretischen (kleinen) Volkes durchgespielt. Dabei wird,
ungewöhnlich bei Verne, stark politisiert.
Aber wir finden
auch noch in anderen Romanen Vernes „versteckte“
oder in die Nebenhandlung eingebaute „Robinsons“.
Dazu gehören zuerst die
Abenteuer im Roman
„Reisen
und Abenteuer des Kapitän Hatteras“
(VE 2), in denen der Brite
Hatteras, gestrandet mit seinem Schiff „Forward“,
mitten im Eis überwintern muss.
Erwähnt sei dann vor
allem Ayrton, der im Roman
„Die
Kinder des Kapitän Grants“ auf
eine einsame Insel ausgesetzt wird. Erst in
„Die
geheimnisvolle Insel“ wird
er von den Kolonisten der Nachbarinsel (wir erinnern uns: Die
Tabor-Insel wurde von der Lincoln-Insel aus erkundet) gerettet
und wieder „resozialisiert“. Im Roman
„Ein
Kapitän von 15 Jahren“ (VE
17) ist die Insel etwas größer. Hier standen die
Schiffbrüchigen vor Afrika, was aber für den
jugendlichen Kapitän nicht erkennbar war. In der VE 42
„Die
Erfindung des Verderbens“ haben
wir diesmal nicht Schiffbrüchige, sondern den entführten
Wissenschaftler Thomas Roch und seinen Pfleger Simon Hart, die
es auf eine Insel verschlagen hat. Eingesperrt von Piraten im
Innern der Insel Back-Cup haben sie das gleiche Ziel eines
Robinsons (zumindest Simon): Zurück zur Zivilisation,
zurück zu den Menschen ihrer Heimat.
Bei
noch intensiveren Nachdenken würden uns vielleicht noch
mehr Beispiele einfallen. Aber betrachten wir all diese
Geschichten, so ergibt sich für den Leser die Frage: Wieso
sind die Gestrandeten bei Verne nie Einzelpersonen - also
„richtige“ Robinsons? Meine persönliche
Erklärung dafür ist, dass ich vermute, die oft in
Gruppen auftretenden Schiffbrüchigen hatten für Verne
einen großen schriftstellerischen Vorteil: Ein Robinson
führt maximal Monologe, viele Robinsons sind die Grundlage
für Dialoge und durch unterschiedliche Charaktere kann der
Stoff belebt werden. Gleichzeitig schaffen mehrere Personen den
Ausgang für Partei- und Gruppenbildungen innerhalb dieses
Mikrokosmos' und damit lässt sich ein meist spannender
Handlungsfaden spinnen. Und da unter den Mitgliedern „Vern'scher
Hauptdarsteller“ meist immer ein gut geschultes
Teammitglied ist, kann Verne stets aus dem Füllhorn seiner
reichlichen Fakten- und Hintergrundinformationen schöpfen.
Aber
ist mit der erschöpfenden Vielfalt der vorliegenden
Robinson-Varianten heutzutage der Bedarf an diesem Genre
gedeckt? Das muss klar verneint werden, denn noch immer stranden
in unseren Büchern Helden die zum Beispiel in Kriegswirren
verschleppt, verschlagen oder entführt wurden. Noch immer
entflammt sich unsere Phantasie an dem Szenario des
Überlebenskampfes in exotischer Kulisse oder in einer von
der zivilisierten Welt abgeschnittenen Region. Wie war das noch
mit dem Flugzeugabsturz im Dschungel oder auf einer Insel im
Pazifik .... Robinson lässt grüßen! (Bild links
Quelle /10/)
Andreas
Fehrmann
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